Er scheiterte an der Realität stalinistischer Diktatur

Georg Lukásc

* 13. April 1885 in Budapest, Δ 4. Juni 1971 in Budapest;
ungarischer Philosoph und Literaturwissenschaftler; Lukács gilt als bedeutender Erneuerer der marxistischen Philosophie und Theorie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Der Sohn eines Bankdirektors studierte in Budapest Philosophie und Staatswissenschaften und promovierte dort 1906 zum Dr. phil. Danach betrieb er weitere Studien u. a. in Berlin und Heidelberg und veröffentlichte erste Werke zur Literaturgeschichte. Nach den Erschütterungen des ersten Weltkrieges schloss er sich 1918 der kommunistischen Bewegung an und war 1919 von März bis August Volkskommissar für Unterrichtswesen in der ungarischen Räteregierung. Nach deren Sturz folgten illegale Arbeit und Emigration nach Wien, Verhaftung und Auslieferungsbegehren der ungarischen Regierung. Ende 1919 wurde er freigelassen, nachdem sich namhafte Zeitgenossen für ihn eingesetzt hatten. Er lebte bis zu seiner Ausweisung aus Österreich im Jahr 1929 in Wien, hielt sich kurze Zeit in Ungarn, Moskau und Berlin auf und kehrte nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nach Moskau zurück.

1923 unternahm Lukács in seinem Buch „Geschichte und Klassenbewusstsein“ den Versuch, die marxistische Gesellschaftsphilosophie neu zu durchdenken. Seine Schriften brachten ihm häufig Kritik seitens der kommunistischen Bewegung ein, der er sich aber lange Zeit immer wieder unterwarf. Nach 1933 entstanden seine großen literaturhistorischen Untersuchungen. Am Beispiel der klassischen bürgerlichen Literatur zeigte er, wie die Werke die Widersprüche ihrer Zeit spiegeln und sich als Kunst gerade durch die realistische Gestaltung der jeweiligen Zeitströmungen definieren. 1945 übernahm er eine Professur für Ästhetik und Kulturphilosophie in Budapest und versuchte zugleich als Abgeordneter die Politik seines Landes mitzubestimmen. Jedoch scheiterte er schnell an der Realität der stalinistischen Diktatur. Bereits 1947 verlor er alle politischen Ämter, 1951 musste nach neuen heftigen Angriffen auch sein Lehramt aufgeben. Er setzte sich weiterhin für einen Reformkommunismus ein und konnte während des ungarischen Aufstands 1956 noch einmal als Kultusminister auf die politische Bühne zurückkehren. Danach war er im Ostblock endgültig verfemt. Seine Schriften wurden als „revisionistisch“ verurteilt, die KP schloss ihn aus. Er verstand sich immer als Kommunist, setzte sich aber für eine demokratische Erneuerung des Marxismus ein. Seine Werke wurden bis auf wenige Ausnahmen nur noch in westeuropäischen Ländern gedruckt, wo sie erheblichen Einfluss vor allem auf die Neue Linke gewannen. Bis zuletzt gab Lukács die Hoffnung auf einen humanen Kommunismus nicht auf.