Er war zu populär, um sein Werk verbieten zu können

István Eörsi

* 16. Juni 1931 in Budapest; Δ 13. Oktober 2005 ebenda;
ungarischer Lyriker, Dramatiker, Romanautor, Übersetzer und politischer Essayist.

 

Er war ein scharfsinniger Kommentator und Zeitgenosse. Sein politischer Humor hat immer wieder für Furore gesorgt.

Er stammt aus einer jüdischen Familie, überlebte den Holocaust im Ghetto und wurde in seiner Jugend Kommunist. Er studierte Anglistik und Germanistik in Budapest. Danach war er an einem Gymnasium Lehrer.

Nach 1953 setzte bei dem jungen Autor ein Prozess des Umdenkens ein. Während er noch anlässlich des Todes von Stalin ein Gedicht verfasste, wurde er später ein entschiedener Gegner jeglicher Diktatur. Daher beteiligte er sich 1956 auch am Ungarnaufstand. Er wurde deswegen verhaftet und zu 8 Jahren Gefängnis verurteilt. 1960 wurde er amnestiert, gehörte jedoch weiterhin zum Kern einer linken Opposition gegen das Kádár-Regime.

In den folgenden Jahren konnte er kaum etwas veröffentlichen und betätigte sich vorwiegend als Übersetzer. Von 1977 bis 1982 arbeitet er als Dramaturg am Gergely-Theater in Kaposvar. Auch dort nutzte er seine Möglichkeiten, sich mit scharf formulierten Essays und Kommentaren ins politische Alltagsgeschehen einzumischen. Er erhielt deshalb mehrfach Arbeits- und Reiseverbot und wurde vom Geheimdienst überwacht.

1982 führten seine publizistischen Arbeiten im Untergrundverlag „Samisdat“, das Eintreten für die „Charta 77“ und seine Solidarität mit den polnischen Oppositionellen zu einem totalen Berufsverbot, welches nur wenige ungarische Intellektuelle erlitten. Jedoch gelang es nicht, ihn mundtot zu machen. Er war inzwischen im In- und Ausland so bekannt und populär geworden, dass sich die Kulturfunktionäre nicht getrauten, ihn einfach zu verbieten.

1983/84 konnte er mit Hilfe eines Stipendiums des Akademischen Austauschdienstes nach Berlin reisen. Dort konnte er die Aufführung seiner in Ungarn nicht erlaubten Werke erleben.
Auch nach 1989 blieb er unbequem und kritisierte sowohl den wieder aufflackernden Nationalismus als auch postkommunistische Nostalgie. Er war ein entschiedener Befürworter der Einheit von Freiheit und Sozialismus, von Individualität und Kollektivität und vertraute den Kräften aus Vernunft und Denken. Doch leider wurden seine Vorstellungen auch vom neuen Ungarn bitter enttäuscht.

Eörsi war ein Kämpfer, er setzte sich Zeit seines Lebens gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit ein. In seinen Artikeln, Interviews und Fernsehauftritten bekannte er sich öffentlich zu seinen Ansichten und übte immer wieder heftige Kritik an Unzulänglichkeiten. Für Eörsi spielte Religion und Glaube an irgendeinen Gott keine Rolle.

Die Neue Züricher Zeitung bezeichnete Eörsi in ihrem Nachruf als „Fundamentalist der Vernunft“.