Ein Freidenker, der Religion aufs tiefste verabscheute

Iwan Sergejewitsch Turgenew

* 9. November 1818 in Orjol (Russland); Δ 3. September 1883 in Bougival bei Paris;
russischer Schriftsteller, der in der russischen Literatur eine Vorreiterposition eingenommen hat;

Turgenew stammte aus einem alten, reichen Adelsgeschlecht. 1827 kam Iwan in ein Moskauer Pensionat. Nach dem Schulabschluss studierte er Philosophie und Literatur in Moskau, Sankt Petersburg und Berlin, wo er mit gleichgesinnten Hegelianern zusammentraf. Schon 1838 erschienen einige Gedichte Turgenews. Er kehrte 1841 nach Moskau zurück und legte seine philosophische Magisterprüfung mit sehr gutem Ergebnis ab. Leider konnte er nie als Hochschullehrer arbeiten.

Nach dem Studium war er zwei Jahre lang im Staatsdienst in St. Petersburg tätig, bevor er sich für die Existenz als freier Schriftsteller entschied. Ab 1855 lebte Turgenew mit nur kurzen Unterbrechungen im Ausland, besonders in Deutschland und Frankreich. Sieben Jahre hatte er seinen festen Wohnsitz in Baden-Baden. 1868 äußerte er, dass er sich nicht mehr als Russen betrachte, sondern als Deutschen. Dieses Gefühl schwand dann allerdings aufgrund des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 wieder. Danach lebte er überwiegend in London und bei Paris.

Turgenew gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des russischen Realismus. Sein Werk hatte großen Einfluss auf die Entwicklung des „melancholischen Impressionismus” in Westeuropa. Seine Prosa hat einen lyrischen Grundton, der sich besonders häufig Naturbeschreibungen und gefühlsbetonten Abschweifungen zuwendet. Er war ein Meister der Charakterzeichnung. Seine Romane, Erzählungen und Dramen sind von großer atmosphärischer Dichte und stilistischer Meisterschaft.

Im Gegensatz zu den anderen beiden großen russischen Schriftstellern seiner Zeit, Tolstoi und Dostojewski, war nicht Religion sein zentrales Thema, sondern das Leid der leibeigenen Bauern, wie er es auf dem elterlichen Gut beobachten konnte. Er geißelte die Leibeigenschaft in Russland, lehnte aber die Revolution und Gewaltherrschaft zugunsten einer friedlichen Evolution ab.

In seinem international erfolgreichen Hauptwerk „Väter und Söhne” (1862) gelang es ihm, „die Mentalität der rebellischen Jugend seiner Epoche idealtypisch darzustellen” und den Begriff des „Nihilisten” und des „überflüssigen Menschen” zu prägen. Darin schreibt er auch, „wofür ein Mensch auch betet, er betet nur um Wunder. Jedes Gebet reduziert sich darauf: Großer Gott, lass zweimal zwei nicht vier sein.”

Turgenews Spätwerk ist stark vom Pessimismus Arthur Schopenhauers geprägt.

Seine humanistische Ethik ist in allen seinen Werken spürbar und ihn verband eine große Freundschaft mit dem Atheisten Gustav Flaubert. Turgenew war ein Freidenker, der das System der Religion aufs tiefste verabscheute.

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