Kommentar

100 Jahre Waldorfschule: Rudolf Steiners ‘survival of the whitest’

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"Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse" ist ein Ausspruch Rudolf Steiners, der die vom Begründer der Waldorfschulen behauptete Überlegenheit der "Weißen" zusammenfaßt. Der Erziehungswissenschaftler Prof. Heiner Ullrich behauptet dagegen in der Wochenzeitung "Die Zeit": "Rassentheorien spielen meiner Einschätzung nach aber in der heutigen Waldorf-Pädagogik keine Rolle." Passt das zusammen?

"Wer heute Rudolf Steiner sät, wird Neurechte ernten", sagt Caroline Sommerfeld, Autorin und Aktivistin der "Neuen Rechten" und der "Identitären Bewegung". Auf die Frage, ob sich ein Engagement bei der "Neuen Rechten" mit der Waldorfschule vereinen lässt, führt Sommerfeld aus: "Steiners Grundgedanken sind ziemlich deckungsgleich mit dem, was Identitären 'Ethnopluralismus' nennen, mit dem, was die bewusste Verwurzelung in der Tradition, im Volk, in Europa ausmacht, mit christlichem Selbstverständnis und auch einem bewahrenden Naturverständnis. Außerdem natürlich ist Waldorfpädagogik, gerade, weil sie nicht 'mit der Zeit geht', sondern manchmal ziemlich anachronistisch ist, was Handwerk und Handarbeit, Lehrerautorität, Auswendiglernen, klassische Bildungsinhalte usw. betrifft, viel 'rechter', als sie selber momentan sein will."

Die Dachorganisation der Waldorfschulen, der Bund der Freien Waldorfschulen, sah sich in der Vergangenheit immer wieder gezwungen, sich von "Rechten" zu distanzieren. Doch die eigentliche Ursache des Problems bleibt: Rudolf Steiner. 

Der notwendige Schritt, sich von Rudolf Steiner zu trennen, fällt naturgemäß schwer, bedeutete er für die Waldorfschulen doch einen enormen Image-Schaden und wäre ein "technisches Problem": Alles, was in der Waldorfschule passiert, basiert letztlich auf der "Anthroposophie" Rudolf Steiners – der Erziehungswissenschaftler Prof. Klaus Prange bezeichnet die Waldorfschule als "Bekenntnisschule".

Auch der Geschichtsunterricht der Waldorfschule ist Anthroposophie. Hier stellt sich die Frage, ob der Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich wirklich nicht weiß, was in der Waldorfschule als "Geschichte" unterrichtet wird, wenn er behauptet: "Rassentheorien spielen meiner Einschätzung nach aber in der heutigen Waldorf-Pädagogik keine Rolle."

Die in der Waldorfschule unterrichtete anthroposophische "Kulturepochenlehre" beschreibt eine fiktive Völkerwanderung auserwählter Menschen von "Atlantis" nach (die "Kulturepochen" in chronologischer Reihenfolge): 1. Urindische Kultur, 2. Urpersische Kultur, 3. Ägyptisch-Chaldäische Kultur, 4. Griechisch-Lateinische Kultur, 5. Germanisch-Angelsächsische Kulturepoche (1413–3573 n. Chr., unsere gegenwärtige Epoche).

Diese fiktive Völkerwanderung nach Rudolf Steiner steht im Widerspruch zum heutigen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis und ist – eine rein weiße Menschheitsgeschichte. Herr Ullrich, wie würden Sie das nennen? "Eurozentrismus"? Oder vielleicht doch deutlicher "Rassismus"? Falls Sie noch im Zweifel sind, lesen Sie doch einmal die Details nach, schauen Sie sich an, was so alles in den "Geschichtsepochenheften" der Waldorfschüler*innen zu finden ist, siehe: "Geschichte in der Waldorfschule: 'Atlantis' und die ‚Rassen’".

Steiners "Menschheitsentwicklung", die sich im Geschichtsunterricht der Waldorfschule spiegelt, lässt sich als eine esoterische Variante des Sozialdarwinismus – "survival of the fittest" – lesen, als: "survival of the whitest". Dazu Prof. Helmut Zander, Autor des Standardwerkes "Anthroposophie in Deutschland – Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945", Zitat Seite 636:

"Steiner formulierte mit seinem theosophischen Sozialdarwinismus eine Ethnologie, in der die Rede von 'degenerierten’', 'zurückgebliebenen' oder 'zukünftigen' Rassen keine 'Unfälle', sondern das Ergebnis einer konsequent durchgedachten Evolutionslehre waren. Ich sehe im Gegensatz zu vielen Anthroposophen keine Möglichkeit, diese Konsequenz zu bestreiten."

Steiners "Evolutionslehre" ist im Fach Geschichte am augenfälligsten, findet sich aber auch in anderen Fächern. Der Bildungswissenschaftler Prof. Dr. Stefan T. Hopmann sagt im Interview:

"(…) Tatsächlich sind der Rassismus, die Entwicklungslehre, die Geschichtsphilosophie und die übrigen Bausteine des Zeitgeists des späten 19. Jahrhunderts, die Rudolf Steiner zu einer eigenen Weltanschauung ["Anthroposophie"] amalgamiert hat, so eng verbunden, dass man da nicht nur ein 'bisschen' Waldorf sein kann. Allerdings machen die Waldorfschulen das schon geschickt: Sie fallen nicht mit der Tür ins Haus, sie unterrichten nicht direkt aus Steiners Werken, sondern sie lassen ihre Weltanschauung eher still und heimlich in ihre Arbeit einfließen, in ihre Kinderwahrnehmung, in ihre Auswahl der Unterrichtsinhalte usw. Ähnlich wie auch bei anderen Sekten ist das ein schleichendes Gift, dessen Wirkung man oft erst merkt, wenn es fast zu spät ist (…)".