Türkei

Folter in syrischen Gefängnissen – Mohammad Same

"Ich bin Journalist, Designer und hatte leitende Funktionen", sagt der Syrer Mohammed Samer über seine Arbeit in Syrien – vor dem Krieg. Bevor seine Familie getötet und er von den Schergen Bashar Al-Assads gefoltert wurde.

Der 45-Jährige lebt inzwischen in Şanliurfa, im Südosten der Türkei, etwa 50 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Fast riechen kann er Syrien von hier aus. Eine Jeans und eine abgetragene rissige Kunstlederjacke in hellbraun trägt Mohammad. Falten haben sich in die Stirn gefurcht, die sich noch tiefer verstärken, wenn er über Syrien spricht. Sein Land. In Deir ez-Zor lebte er, schrieb für eine ganze Reihe großer Zeitungen entlang des Euphrats, wie etwa die "Al-Furat". Sein Metier waren kulturelle Veranstaltungen, Konzerte, er portraitierte Künstlerportraits. Die schönen Dinge des Lebens. Man kennt und achtet den Schreiber nach wie vor. In einem Restaurant am Makam Ibrahim beginnt Mohammad Samer zu erzählen.

Je mehr sich der Krieg anfangs ausweitete, umso gefährlicher wurde das Schreiben. Bereits 2011 klappte der Journalist seinen Laptop zu und hörte aus Protest auf für die Zeitungen zu schreiben, die unter der Korrektur des Al-Assad-Regimes zu standen. Mohammed Samer schloss sich der Widerstandsbewegung an und kämpfte stattdessen dort mit dem was er am besten konnte: dem Schreiben.

Der Makam Ibrahim in Şanliurfa bietet besonders in den Abendstunden eine prächtige Kulisse. Tausende Vögel ziehen in Schwärmen über den Himmel zwischen dem historischen Balikli Göl und der Mevlid Halil Moschee. Mohammed sitzt bestellt den zweiten Tee, zündet sich eine Zigarette an, zieht genüsslich daran. Bedächtig schiebt sich der Mit-Vierziger die Lesebrille auf die Nase, um einen Blick ins Smartphone zu werfen. Hat er Familie? Zögernd antwortet er mit einem Nein. "Ich hatte eine großartige Familie. Eine Frau und zwei Söhne." Sechs Jahre alt war Kasim, sehr niedlich der zweijährige Abdullah. "Eine Bombe traf das Haus, in dem wir lebten", erinnert sich der Syrer und wird beim Sprechen immer leiser. Im Juni 2012 war das, in jenem Monat, in dem der Vater Geburtstag hat. Ein ganzes Jahr danach schaut er sich mehrmals täglich die Fotos seiner Familie im Handy an.

"Irgendwann sagte mein Bruder, dass ich verrückt werde. Er schnappte sich mein Smartphone und löschte alle Bilder. Alle", sagt Mohammed Samer trocken, nippt am Tee, schluckt langsam und fügt an: "Heute bin ich froh darüber, dass mein Bruder die Fotos löschte. Er rettete mich dadurch. Ich wäre wirklich durchgedreht. Der Tod meiner Familie schmerzt so sehr. Aber Allah gibt und Allah nimmt."

Der Schreiber kehrt zur Freearmy zurück und kann durch Jobs seinen Unterhalt. Er lernt eine Frau kennen, beginnt mit ihr einen Neuanfang. Sie heiraten mitten im Krieg. Doch im März des gleichen Jahres holen ihn die Soldaten Al-Assads. Sechs Monate und vier Tage sollte der Journalist im Gefängnis und gefoltert werden.

Elektrokabel hängen in dem kalten Bau von der Decke. Die Soldaten fesseln Mohammed Samer an Händen und Füßen mit Kabeln und Seilen. Über ein halbes Jahr bleibt er in dieser Fesselung und wird geschlagen - stündlich und rund um die Uhr. Mit Fausthieben brechen sie ihm die Backenzähne aus. Seine Augen, das ganze Gesicht schwellen zu. Der Körper ist übersät mit offenen Wunden und Hämatomen. Die Fesselungen schneiden in die Haut.

Wie viele Schmerzen kann ein Mann ununterbrochen ertragen? Mohammed Samer wird es versagt auf die Toilette gehen, um dort seine Notdurft zu verrichten. Er pinkelt und kotet sich ein. Schämt sich. Krank wird er. Einmal wagt er nach einem Arzt zu fragen. "Ich bin dein Arzt! Setz deine Arbeit mit dem Schreiben fort oder wir töten dich. Und zwar langsam", brüllt der Soldat im Wahn. Elektrokabel sausen stellvertretend für Peitschen auf seinen Körper nieder, schneiden die Haut auf. Wieder und immer wieder. Malträtiert wird der Journalist mit Fäusten, Tritten, Utensilien. Erschöpft schläft er manchmal in seiner gefesselten Position ein, sackt darin ein – oder die Bewusstlosigkeit raubt ihm die Sinne. Über seinen Körper verteilt hinterlassen ausgedrückte Zigaretten hässliche Brandwunden. Mit einem Messer werden sein Ringfinger und der kleine Finger der linken Hand zur Hälfte durchtrennt, entzünden soll sich die Wunde. Heute lassen sich der Finger nicht mehr richtig bewegen. Viele der Mithäftlinge überleben die Foltern nicht, sterben neben ihm. Zwischen Angst und Hoffnungslosigkeit hängt der Gestank von Verwesung in der Luft.

Wie kann Mohammed Samer entkommen? Die Freearmy stürmt eines Tages das Gefängnis in der Nähe von Deir ez-Zor. Mit Waffengewalt setzen sie die Soldaten des Al-Assad-Regimes außer Gefecht. "Ich war weder in der Lage zu sprechen noch zu gehen", sagt der Syrer.

Mohammed Samer
Mohammed Samer, Foto: @ Karin Schmidtke

Mohammed Samer sitzt jetzt an einem Tisch, der von einer feinen Decke geziert wird. Er starrt sein Teeglas an, schluckt trocken. Bei der Erinnerung an die unerwartete Erlösung aus der Folterzelle schießen ihm Tränen in die Augen. Abgemagert, traumatisiert und unter Schmerzen wird Mohammed Samer aus der Folterzelle direkt in einen Ambulanzwagen getragen und in ins Krankenhaus eingeliefert. Vom Transport haben ihm Bekannte berichtet. Er selbst hat bei der Erinnerung an den Krankenwagen einen Blackout.

Parallel dazu wütet der Daesh (ISIS-Kämpfer) in Deir ez-Zor. Schülern wird die Bildung versagt, stattdessen werden sie zu IS-Kämpfern erzogen. Bomben fallen, Scharfschützen töten Zivilisten und machen auch vor Kindern nicht Halt. "Journalisten werden allein des Berufes wegen vom Daesh getötet. Freie Meinung ist nicht erlaubt. Die ist gefährlich", sagt er. Nach drei Wochen bereits verlässt Mohammed Samer das Krankenhaus. Schreiben möchte er wieder - und zwar für sein Land. Vielleicht in Al Hasaka? Aber ein Freund bekniet ihn, in die Türkei zu flüchten. Von Al Hasaka flieht er mit seiner Frau, der Mutter und Geschwistern über die Grenze ins türkische Kaseltapa, erst später landen sie in Şanliurfa. Dort zerbricht im Januar 2017 seine zweite Ehe.

Hunderte Reportagen schrieb der Journalist in der Vergangenheit. Seine eigene Geschichte veröffentlichte er in seinem Profil auf Facebook. In Şanliurfa hatte er sieben Monate lang einen Shop für Kosmetikartikel betrieben oder spülte Teller in einem Restaurant. Im Moment unterrichtet er syrische Kinder, ehrenamtlich. Bildung ist wichtig. Daneben trifft er sich mit ehemaligen Kollegen und möchte mit ihnen eine Zeitung für syrische Flüchtlinge herausbringen.

Am Makam Ibrahim hat sich die Dämmerung in die Nacht verwandelt. Morgen beginnt ein neuer Tag. Wie Mohammed Samer dann die Miete für die schäbige Bude bezahlen kann, das ist noch unklar. Aber schreiben will er.