Vom Leben und Sterben der Honigbienen

BERLIN. (hpd) Der Schweizer Dokumentarfilmer Markus Imhoof hat in mehrjähriger Arbeit einen Dokumentarfilm über die prekäre Situation der Bienenpopulationen in den USA, Europa und China gedreht, der absolut sehenswert ist und sein Ziel, den Zuschauern die Thematik des Artenschutzes nahe zu bringen, voll erfüllt. Heute kommt der Film in Deutschland in die Kinos.

Um es gleich vorweg zu sagen, der Dokumentarfilm des Schweizer Regisseurs Markus Imhoof „More than honey“ ist sehr gut gemacht, aufwändig produziert und außerordentlich sehenswert. Das Anliegen des Senator Film-Verleihs den Film auch in deutschen Schulen zu zeigen, sollte breite Unterstützung finden. Es gelingt in außergewöhnlichen Aufnahmen, den Zuschauern das Thema des Lebens der Bienenvölker, ihrer Schwarmintelligenz, ihren Kommunikationsverhaltens und, als aktueller Anlass für den Film, ihres Sterbens emotional nahezubringen.

Der Trailer zum Film gibt insofern eine zutreffende Einstimmung.

Wie der Regisseur Markus Imhoof bei der Vorpremiere des Films in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz in Berlin erläuterte, wurde dieser Anspruch mit erheblichem Aufwand umgesetzt. So habe man für eine 32-Sekunden-Sequenz im Film, die das Begatten der Bienenkönigin durch Drohnen während des Flugs in der Luft zeigt, zweieinhalb Wochen gebraucht. Ein zwölf Meter hoher Turm war gebaut worden, mit Fesselballons wurden Beobachtungspositionen fixiert, Bienenköniginnen in einem halbwegs beobachtbaren Areal freigesetzt und es brauchte dann sehr viel Geduld, bis man diese ungewöhnlichen Aufnahmen ‚im Kasten hatte‘.

Im Verlauf fokussiert der Film drei Situationen, ausgehend von Imhoofs eigener Familie in der Schweiz, einen Schweizer Imker, der mit wenigen Bienenvölkern in kaum belasteter Natur arbeitet, kontrastiert dann einen professionellen Honigproduzenten und Bienenzüchter in den USA, der mit seinen 4.000 Bienenvölkern mit zwei Tiefladern monatelang durch mehrere Staaten der USA reist, immer den Blüten folgend – exemplarisch gezeigt an einer Mandelbaumplantage, die als Monokultur bis weit über den Horizont hinaus reicht und mit dem großflächigen Einsatz von Pestiziden auf Ertrag getrimmt wird – bis schließlich zu Aufnahmen aus China, wo es in einigen Provinzen durch massivsten Pestizideinsatz keinerlei Bestäuber mehr gibt – also auch keine Bienen – und in denen Menschen mühsam durch die Obstbäume klettern und die Blüten mit Tampons einzeln per Hand bestäuben.

„More than honey“ („Mehr als Honig“) nennt der Regisseur sein Thema, da die Honigerzeugung der Bienen und ihre Verwertung durch die Menschen doch nur ein Nebenprodukt dieser nützlichen Insekten ist. Rund ein Drittel der menschlichen Nahrung ist von Bestäubern abhängig und so wird das Einstein zugeschriebene Zitat plausibel: „Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“ Natürlich ist eine derartige Konsequenz vereinfacht, um emotionale Wirkung zu erzeugen, man denke nur an die erfolgreiche Vermarktung der heiteren Trickfilm-Kinderserie „Biene Maja“ aber es ist der Zugang zur Thematik der auch für Menschen lebenswichtigen Existenz von Bestäubern zur Nahrungsmittelproduktion. Insofern ist es auch konsequent und richtig, dass der Film sich auf die Bienen konzentriert. Das Bienensterben (CCD, Colony Collapse Disorder, etwa: Ungeordneter Zusammenbruch der Völker) wird im Film auch dargestellt. Etwa 20 bis 25 Prozent der Kästen sind bienenleer, d.h. weder lebende noch tote Bienen sind vorhanden. Als Grund wird stets ein Bündel verschiedener Faktoren genannt, wobei jedoch der Pestizideinsatz als ursächliche Wirkung zu betrachten ist. Die immer wieder als verantwortlich für das Bienensterben genannte Varroa-Milbe scheint nur den ohnehin durch den Einsatz von Gentechnik und Pestiziden geschwächten Organismus der Bienenvölker so weit zu belasten, dass ein Zusammenbruch der Bienenvölker und damit der Tod der Bienen die unausweichliche Folge ist.

Doch wer will sich schon mit der Großchemie anlegen? Während bei dem großen Bienensterben 2008 zum Beispiel der britische Guardian dezidiert berichtete, das in Frankreich die Bienenhalter gegen den Chemiegiganten Bayer angetreten waren, da sie das Bestsellerpestizid Imidacloprid, Handelsname Gaucho, für den Tod eines Drittels der 1,5 Millionen Bienenvölker verantwortlich machen, sind ebenso (im Jahr 2008) die Imker der Rheinebene der Auffassung, dass zwei Drittel ihrer Bienenvölker durch das Bayer-Pestizid Clothianidin, Handelsname Poncho, getötet worden seien. Zeitweise wurde daraufhin der Pestizideinsatz eingeschränkt.

Welche weltweiten Dimensionen das Thema des Films hat, und was seit zwei Jahren bekannt ist, erläuterte in aller Kürze Prof. Dr.med. Klaus-Werner Wenzel, Mitglied der Task Force zu Systemischen Pestiziden der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN).

„Unsere Jugend wird sich kaum erinnern, dass man früher nach einigen hundert Autobahnkilometern die Frontscheibe von toten Insekten säubern musste. Verschwunden ist auch der Anblick von Telefonleitungen, die dicht von Schwalben besetzt waren. Mancher steht da und merkt auch nicht, dass bei weniger Blütenvielfalt weniger Schmetterlinge auf unseren Wiesen umherfliegen. Ein solcher Natur-Mord geht auf die Pflanzengifte der Neonicotinoide (NN) zurück.

Diese werden als systemische Pestizide in sogenannter Beize (Ummantelung) von Samen in den Boden eingebracht, die dann als extrem langsam abbaubare Substanzen Pflanzen in deren Gesamtheit einschließlich Blüten, Nektar, Pollen und Samen auf Dauer vergiften. NN wurden als Nervengifte ‚gegen saugende und schluckende Insekten‘ von der Bayer AG 1991 auf den Markt gebracht und werden inzwischen in über 120 Ländern vertrieben. Leider gibt es nur in drei Ländern (Norwegen, Schweden, Großbritannien) Pflichtangaben zum Verkauf von Pestiziden, woraus sich allein für die Firma Bayer ein Jahresumsatz mit den NN von mindestens 750 Millionen Euro pro Jahr hochrechnen lässt. Ein derartiger Verdienst erklärt auch die in dem Artikel zitierte Behauptung des Bayer-Chefs Marijn Dekkers vor seinen Aktionären, dass ‚wissenschaftliche Untersuchungen jeglichen Einfluss von Saatgutbeizmitteln auf das zunehmende Bienensterben ausschließen‘. Eine solche Tatsachenverdrehung spricht dem gegenwärtigen Wissensstand Hohn. Denn die verheerende Wirkung auf Bestäuber (Honigbienen, Hummeln, Wildbienen) – die immerhin für 35 Prozent der menschlichen Nahrungsmittel Voraussetzung sind – ist eindeutig nachgewiesen.

Bayer pflegt sich auf eine kanadische, von Bayer bezahlte Studie zu berufen, deren wissenschaftlicher Ansatz so fragwürdig ist, dass die Studie von der US-amerikanischen Environmental Protection Agency (EPA) für ungültig erklärt worden ist. Dagegen stehen objektive Daten in ‚First-Class‘-Journalen: Hummeln und Wildbienen tragen zur Nahrungsmittelbestäubung ebenso viel bei wie Honigbienen, und deren vier häufigsten Arten sind in den USA zu 96 Prozent ausgerottet. Von Hummelköniginnen unter NN-Einfluss überleben 85 Prozent nicht den Winter. NN verursachen, dass 43 Prozent der futtersuchenden Bienen nicht mehr nach Hause finden, weshalb die Stöcke zugrunde gehen. Es fanden sich 50 Prozent Verluste von  Bienen, die in kleinen Käfigen durch den Rand einer 20 Meter breiten NN-Staubwolke um eine Saatmaschine gezogen wurden.

In einer Untersuchung vom österreichischen Imkerbund wurde  in 20 von 22 im Winter zugrunde gegangenen Bienenstöcken bienengiftige Maisbeizmittel nachgewiesen. An der Harvard-Universität wurde gezeigt, dass durch NN nicht nach 12 Wochen, aber nach 23 Wochen 94 Prozent der Bienenstöcke ausgestorben waren, nicht  so die NN-freien Stöcke. Letzteres zeigt, dass das Bienensterben auf eine kumulative Toxizität der kaum abbaubaren NN zurückgeht, und dass die bei pharmakologischen Prüfungen übliche Beurteilung der Akuttoxizität mit der sogenannten LD50 ohne Aussage ist. Bekannt sind die Totalausfälle von Bienenstöcken in 2008 im Oberrhein-Tal (Bayer hat die Imker damals entschädigt) und kürzlich in Slowenien.

Bisher hat es die Chemielobby vermocht, vor dem britischen und dem holländischen Parlament mit ‚Experten‘ (z.T. von einem Stiftungslehrstuhl der Bayer AG) ein Verbot der NN abzuwenden. Dagegen ist in Frankreich seit Mai 2008 der großflächige Einsatz von NN (Sonnenblumen, Raps, Mais) und in Italien seit August 2008 die NN-Vergiftung von Maisfeldern verboten.“

Vielleicht kann dieser Film mit seinem faszinierenden Kontrast von wunderschönen und von erschreckenden Bildern ein wenig dazu beitragen,  dieses wichtige Thema, das in Fachkreisen bereits länger bekannt ist, auch in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu transportieren. Zu wünschen wäre es uns allen. Den Bienen und den Menschen.

C.F.