Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten

Sir Karl Raimund Popper

* 28. Juli 1902 in Wien; Δ 17. September 1994 in London;
österreichisch-britischer Philosoph, Soziologe und Wissenschaftstheoretiker. Bekannt wurde er als Begründer des kritischen Rationalismus.

 

Seine Erziehung, die Eltern waren zum Protestantismus konvertierte Juden, war geprägt durch den Geist des aufgeklärten und sozialreformerischen Bildungsbürgertums. Schon als Kind interessierten ihn philosophische Fragestellungen. Jedoch war er in Bezug auf seine berufliche Orientierung lange Zeit ein Suchender. Mit 16 Jahren brach er die Schule ab, um an der Universität als Gasthörer Vorlesungen in Mathematik, Geschichte, Psychologie, Theoretische Physik und Philosophie zu besuchen. Er jobbte als Hilfsarbeiter, wollte Kirchenmusiker werden und besuchte das Konservatorium, dann machte er das Abitur nach, begann 1922 eine Tischlerlehre und parallel dazu eine Ausbildung als Volksschullehrer. Danach arbeitete er als Erzieher für sozial gefährdete Kinder und engagierte sich in der von den Sozialdemokraten getragenen Schulreformbewegung. 1925 begann er am pädagogischen Institut in Wien zu studieren. Dort promovierte er drei Jahre später im Fach Psychologie, nach einem weiteren Jahr erwarb er die Lehrberechtigung für die Hauptschule in den Fächern Mathematik und Physik. Nunmehr arbeitete er als Lehrer. Gleichzeitig schrieb er sein erstes philosophisches Werk, von dem eine erheblich gekürzte Fassung unter dem Titel „Logik der Forschung” 1934 erschien. Damit begründete er seine wissenschaftliche Karriere. Den Anschluss Österreichs an NS-Deutschland vorausahnend ging er 1937 als Dozent an die University of Canterbury in Christchurch, Neuseeland. Ab 1946 war er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1969 als Professor in London tätig. 1965 wurde er für seine Verdienste geadelt.

Er lenkte sein Hauptaugenmerk auf die Suche nach zuverlässigen Kriterien für wissenschaftliche Rationalität. Er ging von der prinzipiellen Fehlbarkeit des Wissens und der Wissenschaft aus. Entsprechend ging er mit Philosophen, in deren Denken er totalitäre Züge entdeckte, hart ins Gericht. Unter anderen warf er Platon, Hegel und Marx vor, dass ihre Denkmodelle totalitäre Systeme befördert hätten. Als Gegenbild zu deren „geschlossenen Gesellschaften” entwarf er eine „Offene Gesellschaft”, die nicht am Reißbrett geplant, sondern sich pluralistisch in einem fortwährenden Prozess von Verbesserungsversuchen und Irrtumskorrekturen evolutionär fortentwickeln sollte.

Popper beschrieb sich selbst als Agnostiker und lehnte für sich den jüdischen und christlichen Glauben ab. Er äußerte jedoch Respekt vor den moralischen Lehren beider Religionen. Häufig finden sich bei ihm Sympathiebekundungen zum Humanismus. Sowohl die britischen als auch die amerikanischen Humanisten zeichneten ihn aus.

Zitat:

„Aber von allen politischen Idealen ist der Wunsch, die Menschen glücklich zu machen, vielleicht der gefährlichste. Ein solcher Wunsch führt unvermeidlich zu dem Versuch, anderen Menschen unsere Ordnung und Werte aufzuzwingen, um ihnen so die Einsicht in Dinge zu verschaffen, die uns für ihr Glück am wichtigsten zu sein scheinen; also gleichsam zu dem Versuch ihre Seelen zu retten. Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, produziert stets die Hölle.”