Das Christentum war der Hauptfeind des moralischen Fortschritts

Horst Herrmann

* 1. August 1940 in Schruns;
Soziologe und Schriftsteller. Unter dem Pseudonym Peter Simon veröffentlichte er auch Kriminalromane, die im Vatikan spielen.

 

Der einstige Professor der katholischen Theologie und heutige Kirchenkritiker hat die Mandatssteuer zur Kirchenfinanzierung entwickelt, wie sie heute in Italien, Spanien und Ungarn eingeführt ist.

Herrmann studiert katholische Theologie in Tübingen, Bonn, München und Rom, promoviert 1968 und wird zum Priester geweiht. Nach seiner Habilitation wird er 1970 mit erst 30 Jahren als Professor für katholisches Kirchenrecht an die Westfälische Wilhelms-Universität in Münster berufen.

Der kritische Geist eckte jedoch schnell bei den Kirchenoberen an. Als er 1975 in der Denkschrift „Ein unmoralisches Verhältnis” das bestehende Verhältnis zwischen Staat und Kirche in Frage stellt, wird ihm die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen. Nach weiteren heftigen Auseinandersetzungen um seine Forschung und Lehre, in deren Verlauf die deutsche Bischofskonferenz das erste und einzige so genannte Lehrbeanstandungsverfahren in der Bundesrepublik einleitet, verurteilen ihn sowohl die deutschen Bischöfe als auch der Vatikan wegen Häresie.

1981 tritt er aus der Kirche aus, wechselt in den Fachbereich Sozialwissenschaften und hat bis zu seiner Emeritierung 2005 einen Lehrstuhl für Soziologie inne. Er gehört zu den etabliertesten Vertretern seines Fachgebietes und forscht in von ihm geprägten Richtungen wie der Paternologie, die sich mit Strukturen, Erscheinungsformen und Auswirkungen patriarchaler Gesellschaften auseinandersetzt und der Trochologie (Folterforschung).

Er behandelt in seinen Schriften oftmals auch kirchenkritische Themen und liefert Denkanstöße für breite öffentliche Diskussionen, etwa mit dem Buch „Die Kirche und unser Geld”, in dem er u. a. mit der Mär aufräumt, dass die Kirchen ihre sozialen Tätigkeiten aus den Mitteln der Kirchensteuer selbst finanzierten. Von ihm liegen insgesamt 51 Bücher und über 200 Beiträge zu religions- und patriarchatskritischen Themen vor. Zudem war er Herausgeber der „Bibliothek des Querdenkens” und ist seit 1978 Mitglied des PEN.

Zitat:
„Das Christentum ist weit davon entfernt, für die im neuzeitlichen Europa erreichte Kultur des Humanen verantwortlich zu sein. Es blieb in Sachen Humanität ohne Schrittmacherfunktion, war der Hauptfeind des moralischen Fortschritts in der Welt.”