Abschied von der Willensfreiheit?

 

Willens-Unfreiheit als Folterinstrument

Nun zu den Erkenntnissen über den Glauben an die Willens-Unfreiheit. Fangen wir harmlos an. Einer neuen, noch nicht veröffentlichten Studie zufolge, führt der Glaube an die Willensfreiheit zu besseren Leistungen im Beruf und zwar noch deutlich stärker als Gewissenhaftigkeit, Kontrollüberzeugung und protestantische Arbeitsethik – die Faktoren, die herkömmlicherweise gemessen werden. Ein stärkerer Glaube an den freien Willen korrespondiert mit positiveren Haltungen gegenüber dem angenommenen Karriereerfolg. Mehr noch: Die tatsächliche Arbeitsleistung, objektiv und unabhängig durch einen Kontrolleur festgestellt, konnte man anhand des Glaubens der Angestellten an die Willensfreiheit vorhersagen. Wer stärker an den freien Willen glaubt, arbeitet also messbar besser – jedenfalls steht das in dieser Studie.

Aber halt! Wie haben die Forscher eigentlich "Willensfreiheit" definiert?

 

"Unsere Erwartung ist, dass Menschen, die sich selbst als Träger der Fähigkeit zum freien Handeln sehen – Menschen, die glauben, dass ihre Gedanken, Haltungen und ihre Wünsche das Ergebnis beeinflussen – bessere Arbeit ableisten werden als jene mit deterministischen Überzeugungen."

 

Seltsam, schließlich bin ich in Gehirnsfragen Determinist und glaube trotzdem (oder gerade deshalb!), dass meine Gedanken, Haltungen und Wünsche das Ergebnis beeinflussen. In der Einleitung führen die Wissenschaftler ein paar Namen von Philosophen an, die sich mit der Willensfreiheit befasst haben, aber leider ist es offenkundig, dass sie selbst überhaupt keine Ahnung von dem Thema haben. Deterministen glauben, dass unsere Handlungen durch bestimmte Ursachen hervorgebracht werden. Sie glauben nicht, dass Gedanken, Haltungen und Wünsche keine Ursachen wären, die bestimmte Folgen auslösen könnten. Diese Studie misst also etwas ganz anderes, nämlich die Auswirkungen des Fatalismus, der Auffassung, die eigenen Handlungen wären bedeutungslos, da alles sowieso von anderen Kräften als einem selbst gesteuert wird.

Quelle: "Personal Philosophy and Personnel Achievement: Belief in Free Will Predicts Better Job Performance" von Tyler F. Stillman, Roy F. Baumeister, Kathleen D. Vohs, Nathaniel M. Lambert und Lauren E. Brewer.

 

Der Psychologe Rolf Degen hat letztes Jahr einen Artikel in bild der wissenschaft namens "Wer's glaubt, wird ehrlich" (bdw 6/08) veröffentlicht, in dem er eine Reihe von Studien zur Willensfreiheit vorstellt. Ergebnis: Wer nicht an die Willensfreiheit glaubt, teilt härtere Strafen aus, betrügt viel häufiger bei Tests, ist aggressiver und weniger hilfsbereit. Wer an die Willensfreiheit glaubt, ist gnädiger, ehrlicher, friedlicher und hilfsbereiter. Oder? Rolf Degens Fazit lautete damals:

 

"Das erinnert an eine Aussage des großen Moralphilosophen Immanuel Kant, der meinte, dass die Freiheit eine notwendige praktische Voraussetzung dafür sei, dass der Mensch die Gebote der Vernunft als gültig ansehen könne, weshalb selbst der Fatalist stets so handeln müsse, als ob er frei wäre. Und es beschwört eine beunruhigende Möglichkeit, die der amerikanische Biophilosoph Daniel Dennett in einem Kommentar zu den neuen Studien formuliert: Vielleicht haben die lautstarken Apelle, die Idee der Willensfreiheit zu begraben, jetzt schon unmoralische oder antisoziale Verhaltensweisen motiviert."

 

Das Problem auch dieser Studien besteht darin, dass sie gar nicht den Glauben an die Willens-Unfreiheit überprüft haben, sondern die Auswirkungen einer fatalistischen Überzeugung, laut der die eigenen Handlungen keine relevanten Auswirkungen hätten. Trotzdem werden sich die Popularisierer der Willens-Unfreiheit die Frage gefallen lassen müssen, wie gut sie Determinismus und Fatalismus wirklich voneinander unterscheiden. Und es steht wohl zu befürchten, dass unsaubere Plädoyers für die Willensunfreiheit in der Tat schon antisoziale Verhaltensweisen motiviert haben, wie es diese Studien nahelegen.

 

Fatalistisch gegen Fatalismus

Michael Schmidt-Salomon widmet ein Kapitel seines Buches der Argumentation gegen den Fatalismus. Sein zentrales Argument lautet, dass wir keine Maschinen wären. Er ersetzt den Dualismus von Körper und Geist durch den Dualismus von Leben und Nicht-Leben (vgl. S. 174-177) und stellt fest:

 

"Durch das Auftreten des Eigennutzprinzips hat sich auf diesem blauen Planeten alles geändert. Warum? Weil in einem System, in dem eigennützige Akteure zur Kreativität verurteilt sind, die Zukunft niemals en détail festgeschrieben ist, sondern von Sekunde zu Sekunde immer wieder neu geschaffen wird. Eben deshalb muss der Fatalismus scheitern. Ihm steht ein entscheidender Faktor entgegen: das Naturgesetz des Lebens" (S. 177).

 

Zunächst einmal existiert ein solches Naturgesetz nicht. Naturgesetze werden alternativ als "Physikalische Gesetze" bezeichnet, aber Schmidt-Salomon behauptet ja gerade, dass sich dieses Eigennutz-Prinzip wohl nicht auf die Physik reduzieren lasse. Mit dem Fatalismus und der Willensfreiheit hat das alles mal wieder gar nichts zu tun. Auf S. 176 stellt er fest, die Kreativität sei prinzipiell unberechenbar. Aber inwiefern sollen wir uns nun weniger fatalistisch fühlen, nur weil die Kreativität unberechenbar sei (was so obendrein nicht zutrifft) und weil wir angeblich von einem Bonus-Naturgesetz gesteuert werden? Einmal mehr haben wir es mit einem roten Hering, einer falschen Schlussfolgerung, zu tun, wobei rote Heringe leider dicht gedrängt durch die Argumentation der Inkompatibilisten schwimmen.

Der einzig relevante Grund, warum wir uns nicht fatalistisch dem Schicksal oder sonstetwas ergeben müssen, lautet doch: Wir können die Welt verändern! Unsere Handlungen beeinflussen die Realität, wir haben einen Einfluss, der so groß sein kann wie der von Napoleon oder der von Plato! Wir sind nicht einfach Ursachen ausgeliefert, wir sind selbst Ursachen! Dies wäre allenfalls dann nicht der Fall, wenn unser Gehirn nicht deterministisch funktionieren würde und "wir" somit weder von Ursachen beeinflusst wären, noch selbst Ursachen sein könnten! Ausgerechnet dieses wichtige Argument erwähnt Schmidt-Salomon mit keinem Wort.

Und nun zu dieser Sache mit den Maschinen.