Rezension

Die Welt geriet ins Wanken

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Zeitgenössische Darstellung des Erdbebens: Lissabon steht in Flammen, im Hafen kentern Schiffe in den Wellen des Tsunamis (Kupferstich)
Zeitgenössische Darstellung des Erdbebens

Gerhard Streminger ist auf die angelsächsische Philosophie des 18. Jahrhunderts spezialisiert. In seinem aktuellen Buch geht er den philosophischen und geistigen Reaktionen auf das große Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 nach.

Zuerst beschreibt der Autor die kulturelle und religiöse Situation im Königreich Portugal. Dieses Land ist in kurzer Zeit sehr reich geworden durch die Bodenschätze und Sachgüter, die aus Brasilien nach Europa geholt wurden. Die Kirchen und Paläste wurden mit Gold verziert, die Bischöfe regierten das Land mit dem Adel und dem König Jose. Sklaven aus Afrika wurden in großer Zahl nach Lissabon gebracht und von dort in ganz Europa verkauft. Auf vielen Plätzen der Stadt brannten regelmäßig die Scheiterhaufen, auf denen Ketzer und Hexen verbrannt wurden. Der Papst Nikolaus V. hatte im Jahr 1455 allen christlichen Fürsten erlaubt, Sklaven aus Afrika zu holen. Für die Theologen und Kleriker war die Welt nach Gottes Plan wohl geordnet, alle Gläubigen mussten den göttlichen Geboten der Kirche folgen.

Am 31. Oktober 1755 wurde die Vigil von Allerheiligen gefeiert, auf einigen Plätzen wurden noch Ketzer verbrannt; das war für die Kleriker ein "Akt des Glaubens" (actus de fede; autodafe). Am 1. November füllten sich die Kirchen mit Gläubigen, es wurde mit vielen Chören das Lob Gottes gesungen und es wurden alle Heiligen angerufen. Während der feierlichen Liturgie begannen in der Stadt und rund um sie gewaltige Erdbeben, die Chöre verstummten, die Menschen rannten ins Freie. Doch in kurzer Zeit stürzten viele Kirchen, Paläste und Wohnhäuser in sich zusammen, die Steine und Holzteile begruben Tausende Menschen unter sich. Etwas später kam eine riesige Sturmflut (ein Tsunami) vom Meer her über die Stadt und riss viele Menschen in den Tod. In den Palästen brachen Feuer aus, die niemand mehr löschen konnte. Große Bibliotheken und viele Bilder der Maler verbrannten. Die Menschen flüchteten auf die Hügel und in das Umland und überlebten im Freien. In den Wochen danach begruben oder verbrannten sie die Toten, sie zählten fast 60.000 Leichen. Ein Drittel der Häuser war zerstört; doch auf einigen Plätzen der Stadt predigten die Kleriker, die überlebt hatten, das Erdbeben sei eine Strafe Gottes für die vielen Sünden der Menschen gewesen; alle Überlebenden müssten jetzt Buße tun.

Cover

Die Menschen, die überlebt hatten, begannen, ihre Häuser wieder aufzubauen; auch die zerstörten Paläste wurden an neuen Orten wieder hergestellt; die Kirchen bekamen neue Gewölbe und Dächer. Die Hilfsbereitschaft im ganzen Land und aus den Nachbarländern war groß, der Außenminister Marchese de Pombal leitete den Wiederaufbau der großen Stadt. Die Herrschaft der Bischöfe und des Adels ging weiter, bis 1836 wurden von den Gerichten der Inquisition Ketzer zum Tod verurteilt. Doch viele Naturforscher und Philosophen in ganz Europa fragten sich betroffen, was diese Katastrophe ausgelöst hatte. Immanuel Kant schrieb ein Jahr später "Über den Nutzen von Erdbeben"; darin glaubte er, dass durch diese Beben die Wärmeströmungen auf der Erde angestoßen würden; sie seien also für das Klima notwendig. Auch die Deisten glaubten nicht mehr, dass eine göttliche Urkraft diese Beben ausgelöst habe, es musste dafür natürliche Ursachen geben. Für die Atheisten Denis Diderot und Paul von Holbach war kein Gott im Spiel, es müssten die natürlichen Zusammenhänge des Geschehens erforscht werden.

Voltaire wollte auch ohne den Blick auf einen Gott die optimistische Einstellung zur Welt und zum Leben verteidigen (Candide). Die Theologen predigten weiterhin die Güte Gottes, der alles in der Welt so wunderbar eingerichtet habe. Doch David Hume fragte zu dieser Zeit, wie überhaupt die Bilder, die Lehren und die Normen der Religion entstanden seien. In seiner "Naturgeschichte der Religion" (1755) und in den "Dialogen über natürliche Religion" (1779) zeigte er, wie religiöse Lehren aus seelischen Vorgängen in den Glaubenden gebildet werden. Damit wurden die autoritären Lehren der Kleriker und Theologen stark relativiert, sie verloren ihre Plausibilität. Für die Naturforscher und die kritischen Philosophen gab es fortan keinen Weg mehr zurück zum Glauben an einen gütigen Gott. Die Natur musste aus ihren eigenen Gesetzen erklärt werden, die Trennung von Naturwissenschaft und Religion war nicht mehr umkehrbar.

Der Autor zeigt auf gut lesbare Weise, wie sich durch das Erdbeben von Lissabon das europäische Geistesleben langsam von den Lehren der Theologen und der Kleriker absetzte. Dieses Ereignis gab starke Impulse für die rationale Aufklärung für ganz Europa und weit darüber hinaus.

Gerhard Streminger, Die Welt gerät ins Wanken – Das Erdbeben von Lissabon 1755 und die Wirkung auf das europäische Geistesleben. Ein literarischer Essay, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2021, 196 Seiten, 18 Euro, ISBN 978 3865 6934 64

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