Was bleibt, ist ein mulmiges Gefühl

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Im Zoo Berlin
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Im Zoo Berlin
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Seit langer Zeit war ich mal wieder in einem Zoo. Neben den Tieren begann ich die Menschen zu beobachten und es stellten sich mir grundsätzliche Fragen: Dürfen wir das? Und ginge es auch anders?

Es ist heiß, Menschenmassen drängen sich, Geländer halten sie davon ab, sich direkt bis vor die Schaufenster zu schieben. Kinder schreien, Handys werden in die Luft gereckt, um über die Köpfe hinweg und durch das spiegelnde Glas ein verschwommenes Foto zu ergattern. Es ist ein sonniger Tag im Zoo Berlin. Es ist Winter, weshalb viele Tiere drinnen bleiben müssen. Auf der anderen Seite der Scheibe sitzt ein wunderschöner Silberrücken und starrt zurück. Sein Blick ist ausdruckslos. Ich frage mich, ob er sich wundert, was die nackten Affen mit ihrem künstlichen Fell jenseits des Glases von ihm wollen. Oder ob er das längst aufgegeben hat. Ob ihn überhaupt noch etwas interessiert in seinem Gefängnis aus Beton, Stahl, Holzwolle, Rindenmulch, toten Baumstämmen und ein paar Kletterseilen. Für die menschlichen Primaten stehen dafür echte grüne Pflanzen im Zuschauerraum. Darüber, auf welcher Seite der Fensterscheibe man sein darf, entscheiden 1,75 Prozent der DNA. Ist den Besuchern das bewusst? Rechtfertigt diese kleine genetische Diskrepanz, dass die einen die anderen einsperren und wie Objekte begaffen?

Ein Gorilla jagt einen anderen durch die gläserne Zelle, stößt sich dabei mit einer Hand an der Scheibe ab. Den Zuschauern entfährt ein belustigter Schreckenslaut. Sie werden gut unterhalten, im Gegensatz zu den anderen Affen.

Im Glaskäfig daneben versucht ein junger Orang-Utan mit dem Finger aus einem Metallkasten, der von zwei Baumstämmen umrahmt und auf beiden Seiten mit einer Plexiglasscheibe versehen ist, Leckereien zu fischen. Zoos wollen ihre Tiere beschäftigen, eigentlich ein guter Ansatz. Ihnen ist die Aufgabe der Nahrungssuche genommen, die für viele Lebewesen einen Großteil des Tages einnimmt. So soll sie ihnen zum Teil zurückgegeben werden, indem sich die Tiere ihre Nahrung spielerisch erarbeiten müssen. Ein alter Artgenosse mit langem, zottigem, rostroten Pelz beobachtet den Kleinen und kommt ihm nach einer Weile zu Hilfe. Er hebt ein Stöckchen vom Boden auf und binnen Sekunden hat er mit einer routinierten Bewegung ein Häppchen aus dem Kasten geangelt. Für den jungen Menschenaffen war es etwas Neues, für den Alten nicht. Beim nächsten oder spätestens übernächsten Mal weiß ersterer auch, wie der Hase läuft. Sind Orang-Utans nicht zu intelligent für solche Essensspielchen? Tiere, die in ihrer Heimat schon dabei gesehen wurden, wie sie sich mit Seife wuschen, weil sie die Menschen dabei beobachtet hatten?

Ein Orang-Utan-Weibchen stopft sich Holzwolle in den Mund, blickt über die Schulter eines anderen, das sich mit dem Rücken zum Besucherraum schützend vor sie gesetzt hat. Rückzugsmöglichkeiten gibt es nicht. Die Menschen wollen etwas sehen für ihr Geld, da sollen sich die Attraktionen nicht verstecken. Ich frage mich, wie es die anwesenden Eltern wohl fänden, wenn völlig fremde Menschen sie und ihre Kinder ungeniert anstarren würden, jede ihrer Bewegungen verfolgen und fotografieren würden, ohne die Möglichkeit, diesen Blicken zu entkommen. Ob sie sich das schon mal gefragt haben?

Zootieren wird keinerlei Privatsphäre zugestanden. Stolz wird auf einer Tafel an der Wand von einem Schimpansen berichtet, der sich rektal Fieber messen lässt – inklusive Foto. Der Zoo will seinen Besuchern die alltägliche Arbeit mit den Tieren nahebringen. Aber muss man deshalb alle Schamgrenzen hinter sich lassen? Mir kommt das Wort Menschenwürde in den Sinn. Tieren wird kein Äquivalent zugestanden, seien sie noch so nah mit uns verwandt.

Im Raubtierhaus ist es zwar nicht ganz so voll, aber auch hier ist die Situation beklemmend. Eine Löwin sitzt vor der Metalltür zum Gehege und schlägt immer wieder abwechselnd mit den Tatzen dagegen. Ein trostloses Bild. Ein Panther läuft in dem gekachelten Raum hinter den Gitterstäben auf und ab. Ein Zoobesucher streckt ihm über das Geländer einen Selfie-Stick entgegen. Das Tier schlägt mit der Pranke in Richtung des unbekannten Objekts. Der Besitzer des Deppenzepters macht es gleich nochmal. Weil er es lustig findet. Das zählt. Das psychisch gestörte Verhalten des Tieres scheint ihn dagegen nicht zu kümmern.

Als ich den Berliner Zoo verlasse, bleibt ein mulmiges Gefühl. Es fühlt sich falsch an, dort gewesen zu sein. Zoos haben einen Bildungsauftrag, das ist neben der Arterhaltung das Hauptargument ihrer Existenz. Das Bemühen, Arten vor dem Aussterben zu bewahren, ist löblich. Dass die Menschen ernsthafte und umfängliche Maßnahmen ergreifen, den natürlichen Lebensraum von Eisbären, Tigern oder Orang-Utans zu erhalten und dafür selbst Nachteile in Kauf nehmen, ist unwahrscheinlich. Aber wie sinnvoll sind die Fortpflanzungsbemühungen in der künstlichen Atmosphäre Zoo, angesichts einer ungenügenden genetischen Durchmischung und Tiereltern, die ihren Nachwuchs nicht annehmen? Es ist auch nachvollziehbar, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene Tiere "in echt" sehen wollen, die nicht in unserer Hemisphäre leben. Aber was sie dann erleben, sind Lebewesen in einer unnatürlichen Umgebung und mit gestörtem Verhalten. Sie sehen Elefanten, die sich auf einer kahlgetrampelten Insel hinter einem tiefen Graben die Beine in den Bauch stehen und Nashörner, die im Kreis gehen. Tiere, die ungeschickt laufen, man sieht ihnen ihren Bewegungsmangel an. Was soll hier vermittelt werden?

Ginge es nicht auch anders? Größere Gehege, die sich auf ein Ökosystem spezialisieren, in dem viele Tierarten zusammenleben und in denen der Mensch der Gast hinter den Gittern ist? Es geht, einen richtigen Ansatz gibt es beispielsweise im Nürnberger Tiergarten, wenn auch zu klein: Das Manatihaus ist einem tropischen Ökosystem nachempfunden, überall wachsen Bäume, mit Schmarotzerpflanzen überwuchert. Durch die Luft fliegen Schmetterlinge und Vögel, im Wasser schwimmen Manatis und Schildkröten. Es ist feucht und heiß. Auch wenn man hier vielleicht nicht so viele Tiere sieht, weil sie sich im dichten Geäst verstecken können, ist es ein Gesamterlebnis, weil man nicht vor einer Glasscheibe steht, sondern sich auf einem Pfad durch das Gehege bewegt. Wie auch eine Safari in Südafrika spannend ist, selbst wenn das einzige, was man gesehen hat, ein Warzenschwein aus 50 Metern Entfernung ist. Der Ansatz ist da für eine neue Kultur im Zoo.

Foto: © David Farago
Foto: © David Farago