Notizen zu Nordkorea (3)

BERLIN. (hpd) In dieser Ausgabe berichten wir unter anderem über die Rechte der Kinder nordkoreanischer Flüchtlinge, Waffenlieferungen Nordkoreas an Syrien, wie eine eventuelle Koreanische Wiedervereinigung im Vergleich zur Deutschen Wiedervereinigung aussehen könnte, von verschwundenen Lager-Häftlingen und dem Konsumverhalten in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang.

Außerdem von einem Fischer, dem 41 Jahre nach seiner Entführung nach Nordkorea die Flucht gelang sowie der Wiedereröffnung der Sonderwirtschaftszone Kaesong.

 

 

 

70 Prozent der in China geborenen nordkoreanischen Kinder wachsen ohne Mutter auf

Ein Großteil der Frauen (ca. 70 bis 80%), die illegal von Nordkorea nach China fliehen, fällt Menschenhändlern zum Opfer; vielen davon wird noch in Nordkorea versprochen, ihnen Arbeit in China zu verschaffen oder sogar die Flucht nach Südkorea in Aussicht gestellt. Einmal in China angekommen werden sie ohne ihre Zustimmung und teilweise unwissentlich an chinesische Männer verkauft.

Zum Teil ist die Ehe oder eine eheähnliche Beziehung mit einem chinesischen Mann auch die einzige Möglichkeit für nordkoreanische Frauen, der Abschiebung zu entkommen.

Genaue Zahlen liegen nicht vor, man geht von 10.000 bis zu 60.000 Kindern in China aus, die aus einer entsprechenden Beziehung stammen Lediglich 15 Prozent der Kinder leben mit beiden Elternteilen zusammen.

Aufgrund ihres Status werden diese Kinder nicht bei den chinesischen Behörden registriert, so dass ihnen zum Beispiel der Zugang zum Gesundheitssystem oder Bildungswesen verwehrt bleibt. Von den Kindern, die ohne Mutter lebten, wurden in 50 Prozent der Fälle die Mütter von der chinesischen Polizei entdeckt und nach Nordkorea abgeschoben. Mehr als weitere 40 Prozent der Frauen verließen China, um sich in Richtung Südkorea durchzuschlagen.

Südkorea betrachtet Nordkoreaner prinzipiell auch als südkoreanische Staatsbürger, da die Kinder jedoch nicht in Nordkorea geboren wurden, werden sie nicht als Flüchtlinge anerkannt und erhalten somit weder finanzielle Starthilfe noch sonstige Wiedereingliederungshilfen, auf die nordkoreanische Flüchtlingen üblicherweise einen Anspruch haben. (hani.co.kr), (amnesty.de) und hier gibt es noch mehr inhaltliche Ergänzungen.

Chemiewaffen – Zusammenarbeit zwischen Nordkorea und Syrien

Unbestätigten Berichten zufolge haben türkische Behörden ein unter lybischer Flagge registriertes Schiff aufgebracht, das Gewehre, Faustfeuerwaffen sowie Munition und Gasmasken geladen haben soll. Die Waffen seien nordkoreanischer Herkunft und für Syrien bestimmt, ließ die japanische Zeitung „Sankei Shimbun“ verlauten. Dies wäre ein weiterer Beleg für die enge Zusammenarbeit zwischen Nordkorea und Syrien, die Syriens Präsident Assad als „freundlich und kooperativ“ bezeichnet. So wurde beispielsweise der bei einem israelischen Luftangriff zerstörte syrische Atommeiler ebenfalls aus Nordkorea geliefert.

US-Amerikanische Quellen gehen davon aus, dass sich diese Kooperation auch auf den Bereich der chemischen Kriegführung erstreckt wie der Pressesekretär des Verteidigungsministeriums, George Little, verlauten ließ, ohne jedoch Quellen zu nennen.

Nordkorea ist eines der fünf Länder, die nicht die Chemiewaffenkonvention ratifiziert haben und verfügt nach Auskunft des US-Amerikanischen Verteidigungssekretärs Chuck Hagel über ein umfangreiches Chemiewaffenarsenal. Das Südkoreanische Verteidigungsministerium schätzt in seinem Weißbuch 2010 den nordkoreanischen Chemiewaffenbestand auf 2500 bis 5000 Tonnen, darunter das Nervengas Sarin, das kürzlich in Syrien zum Einsatz kam, sowie Senfgas, Phosgen und Blausäure. Dieselbe Quelle weist darauf hin, dass sich Nordkorea im Besitz von Material befindet, das sich für die biologische Kriegführung eignet, wie Milzbranderreger, Stämmen von Botulinumtoxin ausscheidenden Bakterien und Pockenviren. (38north.org-1), (38north.org-2), (nationalinterest.org), (dailynk.org), (reuters.com), (straitstimes.com), (welt.de), (globalpost.com), (foxnews.com).

Deutsche und koreanische Wiedervereinigung im Vergleich

Auf den ersten Blick stellen sich die deutsche Situation bis zum Fall der Mauer 1989 und die Koreanische Teilung ähnlich dar, dennoch schätzt man eine eventuelle koreanische Wiedervereinigung in der Regel als wesentlich komplexer ein, da, anders als bei der koreanischen Halbinsel, in den beiden deutschen Staaten trotz gegensätzlicher politischer Systeme eine vergleichbare demographische Struktur existierte.

Dr. Jaewoo Choo, Professor für Chinesische Außenpolitik an der Kyung Hee University in Südkorea sieht die Lage jedoch optimistischer: Zum einen könnte Südkorea von den in Deutschland gemachten Erfahrungen profitieren, zum anderen gäbe es nicht die deutschen Probleme der Integration von hochausgebildeten ostdeutschen Arbeitskräften in den westdeutschen Arbeitsmarkt, da deren Kenntnisse nicht den Anforderungen entsprochen hätten, was zu einem starken Anstieg der Arbeitslosenrate geführt hätte. Die Nordkoreanischen Arbeiter seien Jawoo Choo zufolge nicht so gut ausgebildet und würden sich daher leichter in das bestehende Südkoreanische Wirtschaftssystem einfügen können.

Weiterhin hätte Seoul kein Interesse an einer unverzüglichen Vereinigung der gesamten koreanischen Halbinsel, stattdessen würde eine Nord-Süd-Migration durch den notwendigen Wiederaufbau Nordkoreas und die damit verbundene Arbeitsplatzbeschaffung vermieden und damit auch Ängsten der südkoreanischen Bevölkerung entgegengewirkt werden können, die ihre wirtschaftliche Situation durch einen verstärkten Zuzug billiger Arbeitskräfte gefährdet sieht.

Südkorea hätte immer wieder seine Bereitschaft bekräftig, die Kosten für eine Wiedervereinigung zu tragen und den Norden „weich aufzufangen“. Experten zufolge müssten hierfür mindestens 3 Billionen US-Dollar zur Verfügung gestellt werden, eine weit höhere Summe als die geschätzten 1,2 Billionen US-Dollar, die die deutsche Wiedervereinigung bisher gekostet hat. Ein Betrag, der sich laut Jawoo Chong jedoch langfristig rentieren wird, da ausländische Investoren wesentlich eher bereit sein werden, koreanische Projekte zu finanzieren als dies in Deutschland der Fall war. Beispielhaft dafür steht u. a. die Bereitschaft Chinas, im vergangenen Jahr das 3 Milliarden US-Dollar-Projekt „North Korean Fund“ zu realisieren.

Auch wenn eine Wiedervereinigung der Koreanischen Halbinsel derzeit noch in den Sternen steht, so Dr. Jaewoo Choo, sei sie womöglich viel einfacher und effizienter als viele derzeit annehmen. (eurasiareview.com)

Lager geschlossen / Gefangene verschwunden?

Camp 22, ein nordkoreanisches Konzentrationslager nahe der chinesischen Grenze ist offenbar aufgegeben worden. Das Lager, in dem zwischen 30.000 und 50.000 Menschen gefangen gehalten worden waren und Berichten zufolge eine größere Ausdehnung als z.B. Los Angeles hatte, sei nach Angaben des HRNK (Human Rights in North Korea) nach einer Reihe von Missernten mit nachfolgender Hungersnot und damit verbundenem Massensterben der Insassen geschlossen worden: Satellitenaufnahmen von Camp 22 zeigen abgerissene Wachtürme und Gebäude.

Schätzungsweise 7.000 bis 8.000 Gefangene seien nach Camp 25 nahe Chongjin oder Camp 16 in der Provinz Nord Hamgyeong verlegt worden. Über den Verbleib der vielen Tausend weiteren Zwangsarbeiter gibt es jedoch keinen Hinweis. (huffingtonpost.com), (telegraph.co.uk), (washingtonpost.com).

Ernährungslage / Konsum in Pjöngjang

In Pjöngjang ist ein Einkaufszentrum eröffnet worden, in dem nicht nur Südkoreanische Luxusgüter wie Kosmetik, Modeartikel und Schmuck angeboten werden sondern auch eigentlich verpönte Waren westlicher Modedesigner oder Schweizer Luxusuhren.
Restaurants, Cafés, Saunen und Sportstudios bieten zusammen mit Friseuren und Massagesalons der regierenden Elite ein entspannendes Einkaufserlebnis. (dailynk.com), (rfa.org), (world.time.com), (chosun.com).

Weniger Gefangene in nordkoreanischen Internierungslagern?

Sind Hilfsorganisationen noch vor einem Jahrzehnt von 150.000 bis 200.000 Gefangenen in nordkoreanischen Konzentrations- und Arbeitslagern ausgegangen und haben diese Angaben bis vor kurzen verwendet, so müssen diese Zahlen wohl deutlich nach unten korrigiert werden: Aktuelle Berichte sprechen von 80.000 bis 120.000 Inhaftierten. Dieselben Berichte weisen aber darauf hin, dass nicht die Statistik falsch sei, sondern die Zahl der Häftlinge tatsächlich gesunken ist.

Grund zum Jubeln bestehe jedoch nicht: Nur zum einem Teil ist diese Entwicklung auf die Entlassung von Zwangsarbeitern aus den Lagern zurückzuführen, vielmehr ist anzunehmen, dass der Aufenthalt in einem Camp tödlicher geworden sei: Gefangene stürben in einem höheren Tempo als neue Häftlinge ankämen. (washingtonpost.com)

Umgang mit Flüchtlingen / Situation

Nordkoreas Führer Kim Jong-un verfolgt einen für ihn neuen Ansatz, nordkoreanische Flüchtlinge zu repatriieren: Freundlichkeit! Flüchtlingen wird nicht nur Straffreiheit zugesagt, sondern sie werden in einigen Fällen sogar mit Geldgeschenken zurück nach Hause gelockt. Allerdings lässt sich auch nicht ansatzweise ermitteln, wie viele der in Südkorea lebenden 25.000 Flüchtlinge aus Nordkorea auf dieses Angebot bisher eingegangen sind.

Fluchthilfeorganisationen in Seoul schätzen, dass täglich ca. 3000 Telefonate über chinesische Mobiltelefon-Anbieter nach Nordkorea geführt werden und somit nicht nur die Isolation Nordkoreas aufgeweicht sondern Flüchtlingen auch die Chance gegeben wird, mit ihren zu Hause gebliebenen Angehörigen in Kontakt zu bleiben. Schätzungsweise 70% der Flüchtlinge schicken ihren Familien Geld aus Südkorea, ebenfalls über chinesische Vermittlungsstellen. Nicht allen ist das allerdings möglich: 20% der nordkoreanischen Flüchtlinge in Südkorea sind arbeitslos, ein sechs- bis siebenmal höherer Prozentsatz als der Südkoreanische Durchschnitt. Die finanziellen Unterstützungen des Südkoreanischen Staates für Wohnung und Ausbildung ändert daran wenig: Häufig finden sich Nordkoreaner in Jobs wieder, für die sich Südkoreaner zu fein sind.

Während China einerseits die Kommunikation zwischen Nord- und Südkorea erleichtert, macht es das Entkommen aus Nordkorea schwieriger: Vor zwei bis drei Jahren wurde damit begonnen, auf der Chinesischen Seite des Tumen-Flusses der die beiden Staaten trennt, einen Stacheldrahtzaun zu installieren. Auch werden vermehrt Patrouillen eingesetzt und der Zugang zu diesem Bereich verstärkt kontrolliert. (rfa.org), (dailykn.com-1), (dailykn.com-2), (reuters.com), (spiegel.de), (dailynk.com-3).

Südkoreanischem Fischer gelingt nach 41 Jahren die Flucht aus Nordkorea

Jeon Wook-pyo wurde zusammen mit 24 anderen Menschen am 28. Dezember 1972 von der Nordkoreanischen Marine festgenommen, als sie mit Ihren Booten nahe der Grenze im Gelben Meer fischten. Dem heute 68-jährigem gelang letzten Monat die Flucht aus Nordkorea und er hält sich derzeit in Seoul auf, wo er sich Befragungen der Behörden über sein Leben in Nordkorea stellen muss. Offiziellen Angaben zufolge soll ihm die Rückkehr zu seiner Familie gestattet werden, sobald die Ermittlungen abgeschlossen sind.

Seoul beschuldigt den nördlichen Nachbarstaat, Südkoreas Staatsbürger immer wieder aus Propagandagründen und für nachrichtendienstliche Zwecke zu entführen. Seit Ende des Koreakriegs 1953 sollen 3500 Menschen verschleppt worden sein, verlässlichen Angaben fehlen jedoch. So wurde das Schicksal von Jeon Wook-pyo auch erst 2005 bekannt, als ein Foto auftauchte, das ihn zusammen mit anderen entführten Fischern in einem nordkoreanischen Umerziehungslager zeigt. Pjöngjang dementiert, Menschen gegen ihren Willen festzuhalten. (telegraph.co.uk), (edition.cnn.com).

Wiedereröffnung von Kaesong

Die koreanische Sonderwirtschaftszone Kaesong ist nach fünf Monaten wieder geöffnet worden. Am 16.9. kehrten 739 Südkoreaner wieder an ihren Arbeitsplatz zurück und insgesamt 90 der 123 in Kaesong vertretene südkoreanische Firmen nahmen die Produktion wieder auf, teils vorerst im Testbetrieb, teils aber auch bereits im Normalbetrieb.

Nordkorea hatte seine 53.000 Arbeitskräfte während eines gemeinsamen Manövers von US- und südkoreanischen Streitkräften, das als Reaktion auf das nordkoreanische Atomprogramm abgehalten wurde, aus der dem Industriepark abgezogen und die Kommunikationsleitungen gekappt. (stuttgarter-zeitung.de), (n24.de), (n-tv.de).

Kurznachrichten

Der frühere US-Amerikanische Basketballstar Dennis Rodman ist von seinem zweiten Besuch in Nordkorea in seine Heimat zurückgekehrt. Von Rodman, der den nordkoreanischen Führer Kim Jong-un als seinen „Freund fürs Leben“ bezeichnet, wurde eigentlich erwartet, dass er den zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilten amerikanischen Missionar Kenneth Bae mit zurück nach Hause bringen würde. Er sagte diesbezüglich allerdings: „Es ist nicht mein Job nach Kenneth Bae zu fragen. Fragen sie Obama danach. Fragen sie Hillary Clinton. Ich pfeif drauf!“.
„Kim Jong-un ist ein guter Junge“, führte Rodman weiter aus, „er will keinen Krieg. Wenn er irgendjemanden bombardieren wollte, hätte er es getan“. Bereits im Dezember plant er eine Reise nach Pjöngjang um Spieler für eine Nordkoreanische Mannschaft auszuwählen, die im Januar gegen ein von ihm rekrutiertes Team aus 12 ehemaligen Starspielern der Amerikanischen Basketballliga NBA antreten soll.  (reuters.com), (nytimes.com).

Anlässlich einer internationalen Meisterschaft im Gewichtheben in Nordkorea wurde der südkoreanischen Delegation erstmals gestattet, anlässlich der Eröffnungszeremonie im Ryugyong Jong Ju Yong-Stadion ihre Nationalflagge zu zeigen. (washintonpost.com)

Nordkorea hat eine Kampagne initiiert, die Strandurlaube für die eigenen Staatsbürger bewirbt. Waren derartige Urlaube nur für hohe Parteiangehörige vorgesehen, wenden sich entsprechende Anzeigen nun an breitere Bevölkerungsschichten. Preise werden zwar nicht genannt, nordkoreanische Zeitungsleser werden aber aufgefordert, sich um einen dreitägigen Aufenthalt am Ryong Su Po-Strand zu bewerben. (nknews.org)

297 der insgesamt ca. 25.000 nordkoreanischen Flüchtlinge wurden seit 2009 wegen Drogenmissbrauchs in Südkoreanische Gefängnisse eingeliefert. Der Konsum von Drogen ist in Nordkorea weit verbreitet. (yonhapnews.co.kr)

 

Notizen zu Nordkorea (2) (03.09.2013)

Notizen zu Nordkorea (1) (22.07.2013)

„In Nordkorea wird sich wenig verändern“ (17.09.2013)

Konferenz zu Nordkoreas Menschenrechtslage (21.06.2013)

Camp 14 (13.11.2012)