„Proletarische Freidenker, vereinigt Euch!"

Walter Lindemann

* 25. März 1893 in Halberstadt; Δ 18. September 1985 in Halle;
Aktivist der Freidenkerbewegung, Pädagoge und Kommunist. Er war einer der führenden theoretischen Köpfe der Freidenkerbewegung in der Weimarer Republik.

 

Er wurde in einer Halberstädter Fabrikantenfamilie geboren, entfernte sich aber schon als Student vom elterlichen Milieu und näherte sich der Arbeiterbewegung an. In Gotha schloss er sich als junger Studienrat in der Novemberrevolution 1918 dem linken Flügel der deutschen Arbeiterbewegung an, wurde Kommunist und proletarischer Freidenker.

1922 war er Mitbegründer der „Freien Lehrergewerkschaft Deutschlands” und Mitglied der „Internationalen Bildungsarbeiter”. Die deutsche Sektion wurde von seiner Anna geleitet und hatte ihren Sitz in Gotha. Beider bildungs- und kulturpolitisches Wirken in den Freidenkerorganisationen wurde mit der Benennung einer Straße nach ihnen in Gotha gewürdigt. Dem in Thüringen besonders erfolgreichen Freidenkerunterricht, den proletarischen Familienfeiern, insbesondere den Jugendfeiern, verliehen sie bedeutende Impulse.

Im Mai 1926 erschien die Programmbroschüre der „Gemeinschaft proletarischer Freidenker” (GpF). In ihrem Vorwort berichtete Lindemann, dass auf der Leipziger Generalversammlung zu Ostern 1924 die Programmdiskussion ergebnislos zu verlaufen drohte. Das Lindemann-Programmkonzept kritisierte das Nebeneinander der verschiedenen Arbeiterorganisationen und das Fehlen einer einheitlichen Führung. Die Lindemanns verlangten, dass auch die Freidenker die führende Rolle der revolutionären Kampfpartei anerkennen müssten. Der Kompromissbereitschaft des KPD-Flügels in der GpF war es zu verdanken, dass die Einheit trotz der Abspaltung des „Bundes sozialistischer Freidenker” noch bewahrt blieb.

Trotz unterschiedlicher Auffassungen vereinigten sich 1927 die beiden größten deutschen Freidenkerverbände, nämlich der GpF und der 1905 in Berlin gegründete „Verein der Freidenker für Feuerbestattung”.

Einerseits markierte Lindemanns Programmschrift einen wichtigen theoriengeschichtlichen Abschnitt in der Entwicklung der Freidenkerbewegung. Andererseits hat er sich in Wort und Schrift für die Vereinigung eingesetzt. So finden sich in vielen Tageszeitungen der Arbeiterparteien nicht nur in Thüringen, sondern weit darüber hinaus, Ankündigungen von Zusammenkünften, auf denen er den Einheitsgedanken erläuterte. Dazu nutzte er auch die Organe beider Vereine. Genannt seien hier nur sein Aufsatz „Das Kulturprogramm der sozialistischen Freidenker” im „Atheist”, dem Organ des Berliner Vereins und sein leidenschaftlicher Appell „Proletarische Freidenker, vereinigt Euch!" im „Freidenker”, der GpF-Zeitschrift, beide 1926.

Die neue Organisation hieß zunächst „Verband für Freidenker und Feuerbestattung”, ab 1930 „Deutscher Freidenker-Verband" und erfasste zeitweilig 690.000 Mitglieder. Entstanden war somit die größte Massenorganisation der deutschen Arbeiterschaft in der Weimarer Republik, woran Walter Lindemann nicht geringen Anteil hatte.

Aufgrund seiner politischen Aktivitäten entfernten die Nazis Lindemann 1933 aus dem Schuldienst, beraubten ihn seiner Pensionsrechte und seiner Bibliothek.

Nach 1945 wirkte er zunächst als Oberregierungsrat im Thüringer Bildungsministerium und ab 1947 als Pädagogikprofessor zunächst in Jena, dann in Halle.