Ein „Band der Freundschaft“ knüpfen (III)

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In Stremingers Garten / Fotografie © Evelin Frerk

BAD RADKERSBURG. (hpd) Ein Gespräch mit dem Philosophen Gerhard Streminger über David Hume, Adam Smith, Marktwirtschaft, Religionskritik und auch darum, warum Streminger meint, dass man von der britischen Kultur durchaus noch immer etwas lernen könne, beispielsweise, ein guter Verlierer zu sein. Aber auch über christliche Ethik und das Karussell menschlicher Eitelkeiten.

 

 

(Ein „Band der Freundschaft“ knüpfen, Teil I und Teil II)

hpd: Ist das nicht aber einer der wesentlichen Unterschiede zum Humanismus, dass diese Monotheismen, es ist ja nicht nur das Christentum, den Menschen als Objekt behandeln?...

Streminger: ... Der Mensch ist im Monotheismus bloß Objekt, er spielt nur eine Rolle im göttlichen ‚Heilsplan’,…

hpd: ... und dass deshalb der Vorwurf, der häufig von christlicher Seite erhoben wird, der Humanismus sei so gefährlich, weil er den Menschen in den Mittelpunkt stellt, und deshalb jedes Maß verliert, wenn es denn einen Gott nicht mehr gibt – im Sinne des berühmten Dostojewski-Zitats: „Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt“. Der Mensch als Subjekt in seiner Selbstbestimmtheit – ist das nicht der zentrale Widerspruch zwischen säkularen Naturalisten und religiösen Monotheisten – als Grundwiderspruch?

Streminger: Ja, das würde ich so sehen. Wie schon gesagt: Wird behauptet, dass alles erlaubt wird, wenn es keinen Gott mehr gibt, dann sollte man einmal in die Geschichte oder in Deschners Kriminalgeschichte des Christentums schauen. Denn diese zeigen das Gegenteil: Bei vielen Menschen, die an Gott glaubten, war alles erlaubt. Im Dreißigjährigen Krieg etwa haben alle an Gott geglaubt, und es war die Pflicht eines „Christenmenschen“, den anderen „Christenmenschen“ zu töten, nachdem die Feldkapläne auf allen Seiten, denselben Gott anrufend, die Waffen gesegnet hatten. Ordnung muss schon sein! Aber selbst diese perverse Anrufung seines Namens von seinen Anhängern hat den angeblich Allgütigen nicht dazu motiviert, wenigstens die Unschuldigen zu schützen.

hpd: Er wurde vor kurzem ein Film gezeigt, „Das weiße Band“, der in Mecklenburg-Vorpommern vor dem ersten Weltkrieg spielt, mit adeligem Gutsbesitzer und einem zentralen Pastor, der seine Kinder bestraft, indem er sagt: „Ich muss dir zehn Schläge zuzählen.“ Er macht es nicht freiwillig oder weil er es als pädagogisch sinnvoll ansieht oder weil er Sadist ist, sondern weil er es als seine Pflicht ansieht, gemäß der Bibel: „Wer sein Kind liebt, der züchtigt es.“ Es ist ihm also nicht erlaubt, sein Kind zu schlagen, es ist seine Pflicht, das zu tun – auch und gerade, wenn er selber subjektiv darunter leidet.

Streminger: Das ist das dunkel Abartige, das wir schon im Zusammenhang mit dem Schiffbrüchigen- und Abrahambeispiel diskutiert haben. Das Mitgefühl und der Wunsch, „Ich will dem Kind doch nicht weh tun“, sollte als Basis für ein moralisches Leben gelten und nicht irgendwelche erfundene Moralregeln von Menschen, an deren Wohlwollen und Gesundheit man zu Recht zweifeln kann. (Wenn ich mich recht an eine Bibelstelle erinnere, so hat Moses einen Ägypter erschlagen, Abraham wollte seinen Sohn töten, und Paulus soll an der Steinigung des hl. Stephanus Gefallen gefunden haben...)

Aber noch einmal zurück zu: „Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt“. Meine Gegenthese lautet: „Es ist alles erlaubt, wenn von einem fiktiven Gott ausgegangen wird, denn dadurch wird alles willkürlich.“ Die Alternative zu dieser theistischen Ethik ist eine solche, in der die menschlichen Fähigkeiten ernst genommen werden. Natürlich ist vieles nicht erlaubt, auch und gerade von einem humanistischen Standpunkt aus nicht, aber im Humanismus werden die Verhaltensweisen begründet und damit intersubjektiv nachvollziehbar gemacht. Das ist zumindest das zu erstrebende Ideal.

hpd: Wir hatten vorhin schon einmal angesprochen: Das Drama um Jesus.

Streminger: Das ist natürlich das Zentrale für eine bestimmte Form des Monotheismus. Die christliche Botschaft lautet, dass Jesus von Nazareth durch seine Leiden es uns, den Menschen, wieder ermöglicht hat, zu Gott in den Himmel zurück zu kehren. Das ganze Drama um den Sohn Gottes ist aber nur dann verständlich, wenn die Lehre von der Ursünde es ist. Deshalb hat Paulus ihn auch den zweiten Adam genannt: Der zweite Adam nimmt hinweg jene Sünden, die der erste Adam verschuldet hat und wodurch alle sündig geworden und in Verderbnis geraten sind. So weit die blumige Lehre, plausibel ist sie aber nicht.

Denn zum einen stellt sich die Frage, woher denn der Wunsch kam, so zu sein wie Gott? Wenn Gott den Menschen aus dem Nichts geschaffen hat, dann stammt auch dieser Wunsch letztlich von Gott. Aber warum bestraft er dann uns Menschen, er hätte sich doch selbst züchtigen sollen? Und zum anderen hat er ein Wesen geschaffen, die Schlange, die die Menschen belogen hat, noch ehe diese wussten, was gut und was böse ist. Denn sie hatten vom Baum der Erkenntnis ja noch gar nicht gegessen. Den ersten Menschen war es also nicht wirklich möglich, die Täuschung der Schlange überhaupt zu durchschauen, und ein derartiges Verbrechen erwarteten sie wohl zu Recht gerade nicht in dem von Gott für sie geschaffenen Garten Eden.

Die Ursündenlehre ist also nicht einleuchtend und eine ziemlich faule Frucht vom Baum der Erkenntnis. Deshalb ist es auch nicht überzeugend, wenn von der „Heilstat Jesu“ gesprochen wird. Es muss also eine ganz andere Schuld und Sühne bei diesem Geschehen in Jerusalem vor 2000 Jahren im Spiel gewesen sein. Ich stelle einmal die These auf, dass Jesus selbst sich schuldig fühlte, weil seinetwegen so viele Kinder in Bethlehem umgebracht worden waren.

Die Vorstellung, dass Menschen zunächst ein ziemlich kleines Verbot übertreten haben (wenn überhaupt); daraufhin aus dem Paradies vertrieben wurden, um schließlich das Schrecklichste zu tun, nämlich den lebenden Gott zu foltern und ans Kreuz zu nageln; und dass sie deshalb erlöst sind, weil Gott wieder mit ihnen versöhnt ist … Dies ist alles so absurd, dass wohl nur Paulus und ein paar Psychoanalytiker das richtig verstehen können. Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten noch nie von dieser Geschichte gehört, aber einmal stünde ein hagerer Mann vor ihrer Türe, der Ihnen das erzählte … Und jetzt stellen Sie sich auch noch vor, eine Indianerfamilie stünde an Ihrer Stelle vor ihrer Hütte, und der schwarze Mann wäre auch noch von Soldaten mit Hellebarden umgeben...