Bundeskirchenrepublik Deutschland

Über eine fortdauernde und unzeitgemäße Beziehung

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Es ist nicht gut bestellt um die säkulare Stabilität der deutschen wie der europäischen Gesellschaft(en). Demokratisch verfasste Gemeinschaften sehen eine Trennung von Staat und religiösen Organisationen vor, sind Garant freier Religionsausübung. Religiöser Pluralismus wird anerkannt und oftmals geschützt. Gläubige, Andersgläubige und Ungläubige müssen miteinander auskommen.

Glauben darf jeder (was er will), glauben muss aber niemand (wenn er nicht will). Und schon deshalb ist der Glaube – welcher auch immer – Privatangelegenheit! Glaube hat keinen Anspruch auf öffentliches Interesse. (Bereits der Evangelist Matthäus (6, 6) weiß darum, Religion ist Privatangelegenheit und lässt seinen Jesus sprechen: "Wenn du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu (…)"). Eine Idealvorstellung. Die Praxis, die deutsche wie die europäische, ist alles andere als ideal.

Diskutiert wurde noch unlängst etwa über die Einbeziehung "christlicher Werte" in eine Europäische Verfassung (wobei durch diese Diskussion dann endlich einmal hätte klargestellt werden können, welche Werte das denn wären: Intoleranz, Dogmatismus, Narzissmus, Frauenfeindlichkeit, Diffamierung, Höllenglaube, Vernunftlosigkeit…). Schul-, Medien-, Gesundheitspolitik stehen im Fokus der verschiedenen Religionsgesellschaften, man bemüht sich, und das recht erfolgreich, um Einflussnahme.

Der Streit um das Tragen und Zeigen religiöser Symbole (Kreuz, Kopftuch) wird zunehmend in den öffentlichen Diskurs gezerrt, das geforderte Recht der rituellen Beschneidung von Jungen und Mädchen ebenso. "So wahr mir Gott helfe" steht bei deutschen Politikern aller politischen Richtungen beim Ableisten des Amtseides hoch im Kurs, es ginge nach der Verfassung ohne diese Peinlichkeit. Und auch in deutschen Gerichtssälen wird mit dem Bezug auf Gott reichlich geschworen. Nur ein Lapsus? Es scheint eher ein Verweis auf verfestige Verhaltensmuster, zu denen der Gottesbezug gehört, trotz leerer Kirchenbänke und schwindender Mitglieder.

Ein unrühmliches Jubiläum werden wir so auch im kommenden Jahr begehen müssen. Feiern dürfen wir einhundert Jahre der politischen Untätigkeit. Einhundert Jahre lang zeigt sich die Politik nicht willens, den Verfassungsauftrag der Trennung von Staat und Kirche umzusetzen und damit endlich auch die Zuwendungen gegenüber den beiden deutschen "Großkirchen" einzustellen. Für das letzte Jahr wurde die Rekordsumme von über 520 Millionen Euro an die Kirchen ausgereicht (es handelt sich nicht um Kirchensteuergelder!). Und wie es aussieht, wird das Schmierentheater politischer Untätigkeit fortgeführt und der Verfassungsauftrag weiterhin missachtet.

Eine persönliche Anfrage an führende parteipolitische Funktionäre und zahlreiche Abgeordnete von Bund und Ländern und deren Beantwortung lässt jedenfalls kaum Hoffnung aufkommen. Bundeskanzlerin Merkel lässt mir auf meine Frage durch ihr Büro mitteilen: "Das heißt aber nicht, dass der Staat die Religion als geistige Kraft des gesellschaftlichen Lebens ignorieren muss (…). Das Christentum hat unsere deutsche Geschichte und die Geschichte des europäischen Kontinents nachhaltig geprägt. Die christliche Religion bleibt eine wichtige Voraussetzung unseres freiheitlichen Gemeinwesens. Auf diesen vom Christentum gelegten kulturellen Grundlagen ruht der Staat." So, so... die Religion. Dann aber doch nur das Christentum. Da flötet der frisch gebackene Bundesinnenminister Seehofer immer wieder landauf, landab, "der Islam gehört nicht zu Deutschland (…). Deutschland ist durch das Christentum geprägt." Zumindest wird man auch hier die Frage nach der Religionsfreiheit stellen müssen.

Resigniert antwortet der parlamentarische Geschäftsführer der SPD Carsten Schneider: "Leider musste ich feststellen, dass die Forderung nach einer strikten Trennung von Staat und Kirche selbst in meiner eigenen Partei nicht mehrheitsfähig ist (…)". Wen wundert dies noch, wenn eine Frau Nahles in aller Öffentlichkeit posaunt, "mein Idol ist Jesus". Ein Lichtblick bedeutet immerhin die Position einzelner Mitglieder der Freien Demokraten: "Daher pocht die FDP auf Bewegung in der Debatte um die Staatsleistungen an die Kirchen. Wir nehmen das Ablösungsgebot des Grundgesetzes ernst." Leider kommt auch Hermann Otto Solms nicht umhin festzustellen: "Das Problem ist jedoch, dass der Deutsche Bundestag seit seinem Bestehen 1949 keine entsprechende Initiative ergriffen hat. Es wäre an der Zeit, den Verfassungsauftrag zu erfüllen." Wie wahr! Indes scheint sich ja auch innerhalb der Christdemokraten und Christsozialen etwas zu bewegen. Zumindest der Hoffnungsträger und Bundesminister Jens Spahn verweist darauf, so berichtet die ZEIT in Ausgabe 16 von 2018, dass "christliche Gerechtigkeitsideen" doch eher etwas "fürs Private und die Familie" seien. "Draußen gelten Recht und Gesetz", so die ZEIT. Immerhin scheint die Frage nach dem Christlichen auch in den C-Parteien für Unruhe zu sorgen.

Vielleicht wäre es darum angezeigt, sich überhaupt wieder verstärkt dem zuzuwenden, worin der Mehrwert der Religion oder insbesondere des Christentums besteht. Angesichts der zahlreichen Konfessionen ist es ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen auszumachen, was das Christentum denn überhaupt sei. Sind religiöse Botschaften tatsächlich so unverzichtbar, wie ein Teil der Menschheit meint, oder bilden sie doch eher "den Einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit" wie nicht nur Friedrich Nietzsche vermutet?

Es ist jedenfalls an der Zeit, auch Politiker daran zu erinnern, dass die Ablehnung des wie auch immer gearteten religiösen Glaubens nicht gleichbedeutend mit einem atheistischen Dogma ist. Der Atheismus ist weder Philosophie noch Weltanschauung. Atheismus ist ein Unwort, ist nur Ausdruck des Offensichtlichen, ist hier und jetzt eine Lautäußerung, ist Befreiung vom Gottesbegriff.

Zugleich macht ein Blick in die Industrie- wie Nachbarstaaten Mut. Norwegen, Australien, Schweden, Kanada, Niederlande, Dänemark, Japan, die Schweiz zählen zu den am meisten religionsfreien Ländern auf der Erde. Nach dem "Human Development Report" der Vereinten Nationen (2016) gehören sie ebenso zu den erfolgreichsten und gesündesten Gesellschaften hinsichtlich Lebenserwartung, Pro-Kopf-Einkommen, Gleichberechtigung von Frauen und Männern, Bildung. Die Raten der Kindersterblichkeit und Tötungsdelikte sind ebenfalls wesentlich geringer als in Gemeinschaften mit stärkerer religiöser Bindung.

Die fünfzig Staaten, die an letzter Stelle in dem UN-Bericht zur menschlichen Entwicklung rangieren, sind jedenfalls fest religiös orientiert. Religiöse Verwurzelungen erweisen sich einmal mehr, nicht allein im politischen Alltagsgeschäft, als lebensfremd und lebensfeindlich (Sterbehilfe, Stammzellenforschung, Abtreibung etc.).

Sollten wir tatsächlich das Gespräch über menschliches Glück, Wohlergehen und Ethik in der Art und Weise des ersten Jahrhunderts unserer Zeit oder noch früherer Zeiten führen oder sollten wir die Debatte aufnehmen, mit Argumenten der Wissenschaft und Philosophie, die dem 21. Jahrhundert taugen? "Hunde", "Lügenapostel" scheinen mir keine trefflichen Begriffe des Diskurses, auch mag ich nicht die Diskussionspartner als "vernunftlose Tiere, die ihrer Natur nach nur dazu geschaffen sind, dass man sie fängt und umbringt", diffamieren, obwohl die Heiligen Schriften dazu ermuntern (Phil 3,2; 2. Kor 11,13; 2. Petr 2,12).

Es ist mehr als nur befremdlich, wenn die alte und neue politische Spitzenfrau des Landes die Bedeutung des Religionsunterrichtes herausstellt und von "dem großen Zusammenhang unseres Lebens als Geschöpfen Gottes" faselt. Der Glaubenssatz von der Geschöpflichkeit des Menschen steht in jedem Falle mit der Evolutionstheorie in Konflikt. Wer von der Geschöpflichkeit des Menschen spricht, der verbindet damit die zugehörenden Verhaltensnormen: Demut, Dankbarkeit, Dienstbereitschaft, Geduld, Selbstaufgabe, Opferbereitschaft, Hingabe an Gott. Die humanen Tugenden der Eigeninitiative, des Emanzipationsdranges, der Zivilcourage, des Selberdenkens sind solchem Gerede jedenfalls gänzlich fremd. Preisen wir sie also: die Mühseligen und Beladenen...?

Realitätsferne und eine inhumane Moral können nicht das Ziel einer demokratischen Gesellschaft sein, auch wenn der frühere Erzbischof Robert Zollitsch bei einem Neujahrsempfang der Erzdiözese Freiburg vor einigen Jahren sich völlig geschichtsvergessen zeigte und palaverte: "Einem Volk ohne Gott fehlt die Mitte, ein Volk ohne Gott gleicht einer hohlen Fassade ohne wohnlichen Kern. Der Schritt ist nicht weit: Von einer geistig entkernten Gesellschaft zum gewissenlosen Menschen."

Ja, so malen Oberhirten gerne die zukünftige Gesellschaft. Sie vergessen dabei nur eben dauernd ihre eigene Geschichte, vergessen auch ihre Heiligen Schriften, denen so anderes zu entnehmen ist.

Betonte Zollitsch' Vorgänger im Amt, Erzbischof Conrad Gröber, Förderndes Mitglied der SS zumal, nicht 1937, dann 1940 (nach der Reichspogromnacht) wiederholend und mit "Empfehlung des Gesamtepiskopats" im "Handbuch der religiösen Gegenwartsfragen": "Unsere Zeit geht mit Recht darauf aus, die blutleere, entwurzelte, außerhalb der Bindungen stehende Geistigkeit des Liberalismus und Marxismus zu überwinden (…). Daher wird die katholische Erziehung nachdrücklich alle Bestrebungen unterstützen, die darauf abzielen, einen gesunden, starken, geschickten, leistungsfähigen Menschen heranzuziehen. Sie steht positiv zu einer gesunden Erb- und Rassenpflege (…). Noch mehr als früher wird sie das Leben in den natürlichen Ordnungen zum Gegenstand ihrer Bemühungen machen: (…) die Erziehung zum deutschen Menschen mit seinen Grundeigenschaften des Heldischen, des Kämpferischen, der Aufgeschlossenheit für Ehre und vor allem der opferfrohen Einsatzbereitschaft für die Gemeinschaft. Sie stellt sich damit freudig in den Dienst der nationalpolitischen Erziehung; sie sieht im Einsatz für Heimat, Volk und Staat eine zuletzt religiös begründete Verpflichtung."

Auch eine protestantische Stimme sei aus der Zeit nicht unbeachtet: "Ein neuer Anfang staatlicher Geschichte steht immer irgendwie im Zeichen der Gewalt. Denn der Staat ist Macht. Neue Entscheidungen, neue Orientierungen, Wandlungen und Umwälzungen bedeuten immer den Sieg des einen über den anderen. Und wenn es um Leben und Sterben der Nation geht, dann muss die staatliche Macht kraftvoll und durchgreifend eingesetzt werden, es sei nach außen oder nach innen. Wir haben von Dr. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf, wenn sie tut, wozu sie berufen ist. Auch dann nicht, wenn sie hart und rücksichtslos schaltet. Wir kennen die furchtbaren Worte, mit denen Luther im Bauernkrieg die Obrigkeit aufgerufen hat, schonungslos vorzugehen, damit wieder Ordnung in Deutschland werde (…). Das muss die doppelte Aufgabe der evangelischen Kirche auch in dieser Stunde sein. Wenn der Staat seines Amtes waltet gegen die, die die Grundlagen der staatlichen Ordnung untergraben, gegen die vor allem, die mit ätzendem und gemeinem Wort die Ehe zerstören, den Glauben verächtlich machen, den Tod für das Vaterland begeifern – dann walte er seines Amtes in Gottes Namen!", so der Generalsuperintendent der Kurmark Otto Dibelius in seiner Festpredigt zur Eröffnung des Reichstages am 21. März 1939.

Es sei an dieser Stelle nochmals betont: 60 Millionen Deutsche waren Angehörige der christlichen Kirchen im Dritten Reich, davon circa 20 Millionen katholisch und 40 Millionen evangelisch. Es war kein gottloses Volk, dieses deutsche Volk am Anfang des 20. Jahrhunderts. Die vielbeschworene Volkskirche war existent und weitestgehend intakt, der Nationalsozialismus mitnichten ein "gottloser Betriebsunfall".

"Ohne Gott wird unsere Gesellschaft erbarmungslos", entblödet sich nicht jüngst noch der Oberhirte des katholischen Bistums Wolfgang Ipolt zu geifern. (In Parenthese: Laut dem Jahresbericht des katholischen Bistums Görlitz erhielt das Bistum wie in den Vorjahren circa eine halbe Million Euro von den Bundesländern Brandenburg und Sachsen. Dieser Summe wird u. a. das Salär des Bischofs Ipolt entnommen. Rund 29.000 Kirchenmitglieder zählte Bischof Ipolt Mitte Juni 2017 laut Thüringischer Landeszeitung, dabei sind Kinder im nicht religionsmündigen Alter von unter 14 Jahren in der Summe inklusive. Das entspricht knapp 3,5 Prozent der Gesamtbevölkerung im Zuständigkeitsbereich des Bistums, das sich auf den südlichen Teil Brandenburgs und den sächsischen Teil der Oberlausitz erstreckt. Rund 80 Prozent der dort lebenden Menschen gehören keiner Kirche oder anderen Religionsgemeinschaften an. Die Einnahmen aus den Mitgliedsbeiträgen der Kirchenangehörigen (Kirchensteuern) decken laut Geschäftsbericht nur rund ein Drittel der Gesamteinnahmen. In dem Jahresbericht heißt es weiter: "Darüber hinaus erhält das Bistum Personal- und Sachkostenzuschüsse für die Erteilung des Religionsunterrichtes, für die Seelsorge in den Justizvollzugsanstalten und anderen Bereichen der kategorialen Seelsorge. Die äußere Sanierung und Instandsetzung der Kathedrale St. Jakobus wurde ebenfalls durch die öffentliche Hand unterstützt.")

Millionen um Millionen Euro jedes Jahr neu aus den Taschen auch der großen konfessionsfreien und nichtreligiösen wie der muslimischen Bevölkerungsgruppe fließen also in den kirchlichen Haushalt und eben nicht nur in das Bistum Görlitz, dem Oberhirte Ipolt vorsteht. Erbarmungslosigkeit also? Diese Frage stellt sich und manch andere dazu... Das einzige, was wir dem Christentum aufgrund seines haltlosen Fundamentes wirklich schulden, ist seine Ablehnung.