Wählen ist einfacher als beten

a-ossiach_by_thommy-w.jpg

Blick auf Ossiach / Foto: Thommy Weiss (pixelio.de)

WIEN. (hpd) Österreichs Katholiken haben ihre Pfarrgemeinderäte gewählt. Das Ergebnis zeigt, dass die Zahl engagierter Katholiken kleiner wird. Ein Fünftel hat sich an den Wahlen beteiligt, doppelt so viele wie die Besucher der Gottesdienste.

Wählen ist für Österreichs Katholiken einfacher als beten. Knapp 20 Prozent der über-14-jährigen Mitglieder der katholischen Kirche haben sich an den Pfarrgemeinderatswahlen beteiligt. Das sind 900.000 Menschen und doppelt so viele wie durchschnittlich in die Messe gehen. Die Beteiligung zeigt auch, wo die Hochburgen der katholischen Kirche liegen, wie die katholische Presseagentur kathpress schreibt: „Ausreißer" sind die ländlich geprägte Diözese Eisenstadt mit rund einem Drittel und der großstädtische Bereich der Wiener Erzdiözese mit etwas mehr als zehn Prozent.“ Dass das Land fest katholisch ist, zeigen auch die Ergebnisse steirischer Kleingemeinden: „Rekordbeteiligungen von bis zu zwei Drittel der Katholiken gab es in den Pfarren Mönichwald und Waldbach im steirischen Wechselland“, wie katholisch.at schreibt.

Für die Kirchenführung waren die Wahlen ein Erfolg: Die österreichweit durchgeführten Pfarrgemeinderatswahlen sind ein Zeichen für die Lebendigkeit der Kirche und "ein ganz starkes Zeichen für die Wichtigkeit des Glaubens in unserem Land": Das erklärte Kardinal Schönborn am Montagnachmittag gegenüber Medienvertretern unmittelbar vor Beginn der Vollversammlung der Bischofskonferenz in Tainach/Tinje, schreibt kathpress. Und: "In Zeiten in denen auch die Zahl der praktizierenden Katholiken stark zurückgegangen ist, sind die Gläubigen, die sich einsetzen, umso wichtiger", meinte Schönborn. Das klingt nach Zweckoptimismus. Aus der Aufbruchstimmung, die sich manche im Klerus von den Wahlen erhofft hatten, wird nichts.

Katholischer Kern wird kleiner

Was verschwiegen wird: In zehn bis fünfzehn Prozent der Pfarren fanden sich nicht einmal genügend Kandidaten für eine Wahl, wie die sich als kritisch verstehende Plattform „Wir sind Kirche“ auf einer Pressekonferenz kritisiert. Der harte Kern seiner Kirche wird immer kleiner. Auch vor fünf Jahren waren etwa 20 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne geschritten. Nur, dass es seit damals um eine gute Viertelmillion Katholiken weniger gibt. Die Gesamtzahl der Engagierten muss in etwa dem gleichen Ausmaß gesunken sein. Sonst hätte die Wahlbeteiligung spürbar steigen müssen. Die Skandale der vergangenen Jahre dürften ihre Spuren hinterlassen haben. Wenn auch in Einzelfällen mehr oder weniger engagierte Mitglieder der Wahl aus anderen Motiven ferngeblieben sind. Eine Wahlberechtigte aus einer der westlichen Diözesen meinte etwa: Sie kenne kaum einen Kandidaten auf der Einheitsliste und die zwei, die sie kenne, seien ihr nicht sympathisch. Sie wisse nicht, wen sie wählen solle. Wenig überraschend blieb sie zuhause. Eine reine Persönlichkeitswahl mit Einheitsliste hat aus Sicht des Wahlveranstalters auch ihre Tücken.

Die Tücken der Einheitslisten

Um guten Gewissens einen gültigen Stimmzettel abgeben zu können, muss man sich intensiv mit der Pfarrpolitik und den Vorstellungen der einzelnen Kandidaten auseinandergesetzt haben. Das setzt hohes Interesse voraus. Allerdings offenbar nicht so viel wie eine durchschnittliche katholische Messe. Bei katholischen Wahlen kommt das Sonderproblem dazu: Die Pfarrgemeinderäte mögen für den Teil des täglichen Geschäfts zuständig sein, der nicht dem Klerus vorbehalten ist. Einen Einfluss auf die kirchliche Politik haben sie nicht. Der geht vom Vatikan aus. Kritiker sprechen von einer pseudodemokratischen Einrichtung.

IGGiÖ und Evangelische Kirche noch schlechter

Für die katholische Kirche mag es ein schwacher Trost sein, dass die mehr oder weniger demokratischen Instrumente bei den zwei nächstgrößten Religionsgemeinschaften noch schlechter akzeptiert werden. Obwohl der theoretische Einfluss der gewählten Gremien weitaus größer ist als bei den Katholiken. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGIÖ) schaffte es bei den Schuraratswahlen 2010 und 2011 überhaupt nur einen Bruchteil der österreichischen Muslime in die Wahlregister eintragen zu lassen. Die gingen auch großteils zu Wahl, Offiziell lag die Wahlbeteiligung bei 80 Prozent. Effektiv waren es eher acht Prozent. Kaum mehr als die evangelische Kirche bei ihren Wahlen in einigen Gemeinden im Vorjahr hatte. In Klagenfurt gingen nur fünf Prozent der Wahlberechtigten zu Urne. Andernorts waren es auch nicht mehr als 20 Prozent der Katholiken. Beide Religionsgemeinschaften ließen ihre Mitglieder nur über eine Kandidatenliste abstimmen. Ähnlich wie bei den Katholiken konnte man Kandidaten streichen, um sie ausdrücklich nicht zu wählen oder sie auf der Liste hervorheben, um sie zu wählen.

Listen treten nur bei IKG an

Erfahrung mit mehreren Listen hat in Österreich allein die Israelitische Kultusgemeinde (IKG). Dort treten seit jeher mehrere Listen an, die für verschiedene weltanschauliche und/oder religiöse Überzeugungen stehen. Vor fünf Jahren trat auch eine explizit ethnische Liste an. Heuer dürfte es ähnlich sein. In der Vergangenheit führte das mitunter dazu, dass politische Stellvertreterkriege über die IKG-Wahlen ausgetragen wurden. Simon Wiesenthal etwa versuchte, mit einer konservativen und ÖVP-nahen Liste den SPÖ-nahen „Bund der Werktätigen Juden“ zu überholen. Er scheiterte. Die heutigen Konfliktlinien sind für Außenstehende unübersichtlicher. Für die Wahlberechtigten ist es vermutlich einfacher. Sie müssen nicht mehr jeden Kandidaten kennen.

Ob das allein die deutlich höhere Wahlbeteiligung von zuletzt knapp 55 Prozent erklärt, ist eine andere Frage. Das Ergebnis bestimmt, wer IKG-Präsident wird. Er oder sie ist das offizielle Gesicht der jüdischen Österreicher nach außen. Und bestimmt maßgeblich, wie offensiv dem in Österreich immer noch grassierenden Antisemitismus entgegengetreten wird. Das hat mit Religion nur am Rande zu tun. Aber viel mit dem Alltagsleben auch jener jüdischen Österreicher, die nur der Form halber einer Religionsgemeinschaft angehören. Das können die gewählten Körperschaften der anderen Religionsgemeinschaften nicht von sich behaupten. Sie richten sich nur an Religiöse –das ist ein immer kleinerer Teil der Bevölkerung. Mag der demokratische Gedanke dahinter echt sein oder nicht.

Christoph Baumgarten