Postliberalismus - JD Vance und die Katholiken

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Donald Trump (links) und JD Vance (rechts)
Donald Trump und JD Vance

Im Denken des US-Vizepräsidenten JD Vance scheinen drei ideologische Strömungen um Aufmerksamkeit zu streiten: die Neoreaktion um Curtis Yarvin, die Autoren des Think Tank Claremont Institute und die Postliberalen um Patrick Deneen. Welche Vorstellungen letztere haben und wie das mit ihrem konservativen Katholizismus zusammenhängt.

Auch hier im hpd wurde bereits spekuliert, was es mit der Konversion von JD Vance zum Katholizismus auf sich gehabt haben mag. Handelt es sich um einen opportunistischen Kurswechsel, eine spirituelle Krise oder gar nur um "christliche Werte als modisches Accessoire"?

Diese Frage wird am Ende unbeantwortet bleiben müssen, aber vielleicht hilft es, eine ideologische Strömung in den Blick zu nehmen, die sich seit dem späten 20. Jahrhundert formiert und zumindest in ihrer aktuell einflussreichsten Form in den USA sehr stark von konservativen Katholiken getragen wird. Diese wiederum haben mit dem US-Vizepräsidenten Einfluss bis ins Weiße Haus hinein.

Der Postliberalismus ist eine Kritik an liberalen Gesellschaften des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts und kritisiert diese dafür, es mit ihrer Betonung individueller Rechte, freier Märkte und begrenzter staatlicher Macht versäumt zu haben, wesentliche gesellschaftliche Probleme anzugehen. Zu diesen Problemen gehören insbesondere der angebliche Untergang des familiären und sozialen Zusammenhalts sowie die steigende Einkommensungleichheit.

Besonders individuelle Rechte als über der Gemeinschaft stehende Rechtsprinzipien stehen im Fokus der Kritik der Postliberalen, da diese in ihren Augen die Rolle von Familie, Gemeinschaft und Tradition untergraben hätten. Damit würden soziale Bindungen beliebig und zur Verhandlungsmasse, was den sozialen Zusammenhalt insgesamt schwäche.

Auch lehnt man von Seiten der Postliberalen einen gegenüber den verschiedenen Lebensentwürfen neutralen Staat im Sinne eines modernen Pluralismus ab. Stattdessen wird dafür geworben, dass Staaten aktiv bestimmte Lebensentwürfe fördern sollten, da behauptet wird, dass jede soziale Ordnung auf geteilten Überzeugungen und Verpflichtungen beruhe. Auf dieser Basis lehnen sie auch Einwanderung und kulturelle Vielfalt als schädlich für die Gesellschaft ab.

Postliberale kritisieren aber nicht nur den gesellschaftlichen Liberalismus, sondern auch den Wirtschaftsliberalismus. Dieser habe zu einer Konzentration von Reichtum und Macht geführt, der nur einem kleinen Teil der Gesellschaft zum Vorteil gereicht und so zu einer wirtschaftlich abgehängten Schicht der Arbeiterklasse geführt habe.

Spätestens hier könnte man sich verwundert am Kopf kratzen, haben doch JD Vance und seine Clique aus dem Silicon Valley der Tech-Bros genau davon profitiert, aber diesen offensichtlichen Widerspruch wollen wir hier einmal für sich selbst stehen lassen.

Stattdessen will ich das Augenmerk auf eine andere Tatsache lenken. Viele wichtige Vordenker des aktuellen Postliberalismus sind Katholiken. Adrian Vermeule, Professor für Verfassungsrecht an der Harvard Law School, konvertierte 2016 zum Katholizismus. Patrick Deneen, der auch einen Einfluss auf JD Vance ausübt, Professor für Politikwissenschaft an der privaten katholischen Notre Dame Universität, wuchs nach eigenem Bekunden in einem katholischen Haushalt auf und ist weiterhin gläubiger Katholik. Adrian Pabst, Politikwissenschaftler an der Universität Kent, schreibt für The Catholic Weekly und ist ebenfalls Katholik. Zufall?

Eher nicht. Für einige Autoren, wie Adrian Vermeule ist der religiöse Integrationalismus, also die Vorstellung eines christlich-katholisch geprägten Staates, ein ausdrückliches Ziel ihres politischen Aktivismus, für andere wie Adrian Pabst, ist die katholische Soziallehre einer der Ausgangspunkte ihres politischen Denkens. Hier möchte ich die Brücke zurück zu JD Vance und seinem angeblichen Erweckungserlebnis 2019 schlagen und zwei Beobachtungen anfügen.

Zum einen verweist Vance auf die "Bekenntnisse" des Augustinus als Augen öffnend für seine Hinwendung zum katholischen Glauben. Wie genau Vance mit dem Werk von Augustinus in Kontakt gekommen ist, ist nicht bekannt, aber schon 1995 erkannte Umberto Eco in seinem berühmten Aufsatz zum Urfaschismus, den "Traditionskult" als ein Wesensmerkmal des Urfaschismus und schrieb, dass " [wenn] man in amerikanischen Buchhandlungen in den Regalen mit dem Etikett New Age herumstöbert, findet man dort sogar den heiligen Augustin, der nach meiner Kenntnis kein Faschist war."

Es gibt also eine Verbindung von Traditionalismus, New Age, Esoterik und Augustinus-Rezeption in bestimmten Kreisen. Zu diesen Kreisen zählt auch Steve Bannon, ebenfalls Katholik, ehemaliger Berater von Donald Trump und bekennender Traditionalist und Anhänger des "faschistischen Gurus" (U. Eco) Julius Evola.

Damit soll nicht gesagt sein, dass alle Katholiken oder gar der Katholizismus per se faschistisch seien. Es sei aber darauf hingewiesen, dass ultrakonservative Kreise hier eine Anschlussfähigkeit finden.

Und das bringt mich zu einer zweiten Beobachtung. Diese Art der religiös bemäntelten Politik ist auch in Deutschland zu finden. Maximilian Krah, bekannter AfD-Politiker, beschreibt in seinem Buch "Politik von rechts" nicht nur ganz ähnliche Ansätze in Bezug auf Liberalismus, Gemeinschaft und Familie wie die Postliberalen in den USA oder UK, er war auch im Dezember 2022 bei einer Gala des New York Young Republican Club (NYYRC) in Manhattan zu Gast, bei der prominente Persönlichkeiten der US-Rechten wie Donald Trump Jr. und Steve Bannon anwesend waren.

Auch wenn der Umfang von Krahs Netzwerk nicht bekannt ist, so ist bekannt, dass er einen konservativen Katholizismus lebt, für die Piusbruderschaft tätig war und über die Piusbruderschaft zumindest Anknüpfungspunkte an konservativ-katholische Kreise in den USA hat, wie auch seine Einladung durch den NYYRC zeigt.

Was bedeutet das nun für Vance? Er scheint seit seinen Hillybilly Elegy Tagen in den Einflussbereich verschiedener (christlich) konservativer bis reaktionärer Ideologien gekommen zu sein. Von der Neoraktion der Tech-Bros, dem Einfluss der "Clare-Monster" zu den Postliberalen um Deneen, buhlen drei Strömungen um seine Aufmerksamkeit, die sich in Details unterscheiden, aber auch gut zusammenpassen. Ob mit diesen Ideologien auch eine ernst zu nehmende Religiosität einhergeht, vermag man von außen schwer zu beurteilen. Die Frage "Opportunistischer Kurswechsel oder spirituelle Krise?" kann man aber vielleicht mit "Warum nicht beides?" beantworten.

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