Evolution ist überall

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Coverbild U. Kutschera, Streitpunkt Evolution, 2004

ASCHAFFENBURG. (hpd) Am 27. Oktober 2002 wurde auf dem Biologentag in Potsdam der Arbeitskreis (AK) Evolutionsbiologie im damaligen Verband Deutscher Biologen (vdbiol) gegründet. Der hpd befragte zum zehnjährigen Jubiläum den Vorsitzenden, Prof. Ulrich Kutschera, zu den Gründungsjahren und derzeitigen Aktivitäten dieser Vereinigung.

 

hpd: Wie kam es 2002 zur Gründung dieses Arbeitskreises, oder anders formuliert: Warum gab es vorher keine vergleichbare Vereinigung im Biologenverband Deutschlands?

U. Kutschera: In meinem im April 2001 erschienenen Kurz-Lehrbuch Evolutionsbiologie. Eine allgemeine Einführung, hatte ich ein Kapitel der Widerlegung der Argumente der deutschen Kreationisten, mit Schwerpunkt auf die Studiengemeinschaft Wort + Wissen, gewidmet. Das Buch wurde, insbesondere auch wegen dieser Abschnitte, vom damaligen Präsident des Verbands Deutscher Biologen (vdbiol), Herrn Prof. Hans-Jörg Jacobsen, positiv rezensiert. Herr Jacobsen war darüber erfreut, dass die pseudowissenschaftlichen Thesen von Reinhard Junker und Siegfried Scherer endlich einmal fundiert entkräftet worden sind. Er forderte mich auf, dem vdbiol beizutreten und einen Arbeitskreis Evolutionsbiologie zu gründen. Bis 2002 gab es keine derartige Vereinigung, weil das Lehrgebiet Evolutionsbiologie an deutschen Universitäten unterrepräsentiert ist.

hpd: Wer zählt zu den Mitgliedern des Arbeitskreises Evolutionsbiologie und was waren damals Ihre Ziele?

U. Kutschera: Die wichtigste Person bei der Gründung dieses Arbeitskreises war der damals 98jährige Harvard-Professor Ernst Mayr (1904−2005). Der berühmte Biologe verfasste am 19. September 2002 ein Schreiben, in dem er uns aufforderte, diesen Arbeitskreis zu gründen − er wünschte uns den „grösst-möglichen Erfolg“. Mit dieser Unterstützung durch den „Darwin des 20. Jahrhunderts“ (New York Times) etablierten wir unsere Vereinigung am 27.10.2002, wobei eine Vortragsreihe diese Gründungsversammlung einleitete. Die 18 Gründungsmitglieder, überwiegend Universitäts-Professoren mit Schwerpunkten in der Evolutionsforschung, waren alle anwesend; über ein Wahlverfahren wurden der 1. und 2. Vorsitzende festgelegt (die Professoren Ulrich Kutschera und Thomas Junker). Wir haben dann auch umgehend unsere Ziele formuliert, die u. a. in meinem Buch Streitpunkt Evolution (2004, 2. A. 2007) ausführlich beschrieben sind. Im Wesentlichen ging es uns darum, wie der damalige vdbiol-Präsident Jacobsen es formuliert hatte, die Evolutionsbiologie öffentlichkeitswirksam nach außen darzustellen und ideologisch begründete Gegenströmungen, d. h. den biblisch begründeten Kreationismus, einzudämmen. Der „Anti-Kreationismus“ stand während der ersten Zeit im Vordergrund.

hpd: Während der Jahre 2003 bis Mitte 2009 war Ihre Vereinigung als „Arbeitsgemeinschaft (AG) Evolutionsbiologie“ ausgewiesen. Wie kam es zu der Namensänderung?

U. Kutschera: Gemäß der Statuten des vdbiol wurde 2002 ein Arbeitskreis (AK) etabliert, der zu einer Sektion ausgebaut werden sollte. Aus praktischen Erwägungen haben wir dann eine informelle Arbeitsgemeinschaft (AG) gegründet. Die damaligen vdbiol-Geschäftsführer haben uns kompetent beraten und diese Organisationsform empfohlen. Als AG war es nicht notwendig, die übliche „Vereinsmeierei“ mit vorgegebenen Regeln, Terminen und Bräuchen zu exerzieren. Wir konnten relativ frei unser Hauptziel verfolgen: die Behauptungen der Evolutionsgegner zu analysieren und immer wieder aufs Neue durch Sachargumente zu widerlegen. Mit der Etablierung des reformierten Biologenverbands (VBiO) wurde die alte AG des aufgelösten vdbiol im November 2009 als Arbeitskreis (AK) Evolutionsbiologie, d. h. unter dem ursprünglichen Namen, neu aufgestellt.

hpd: Hat sich in Deutschland die Gefahr durch den Kreationismus vergrößert? Wenn ja: woran machen Sie das fest?

U. Kutschera: Obwohl wir seit 2003, u. a. unter der Mitarbeit von Herrn Martin Neukamm, dem wir viel zu verdanken haben, die Argumente der Kreationisten ad absurdum geführt hatten, ist diese irrationale religiöse Strömung heute so präsent wie vor zehn Jahren. Das so genannte Evolutionskritische Lehrbuch von Reinhard Junker und Siegfried Scherer wird noch immer von Laien mit einem seriösen Fachbuch verwechselt. Der christliche Fundamentalismus ist, insbesondere unter den ca. 1,5 Millionen Evangelikalen, in Deutschland fest verankert. So wird inzwischen an ca. 90 staatlich geförderten Bekenntnisschulen im Biologieunterricht die pseudowissenschaftliche „Grundtypen-Theobiologie“ von Junker und Scherer gelehrt. Das kommt einer religiösen Hirnwäsche unter dem Deckmantel der Biologie gleich: Durch die Vermengung biblischer Mythen mit belegten Fakten werden Schüler in die Irre geführt − diese Pervertierung der wissenschaftlichen Denk- und Arbeitsweise sollte verhindert werden, denn Glauben heißt nicht Wissen (s. hpd-Interview Kreationistischer Hokuspokus). Wir werden nicht aufgeben und mit immer neuen Argumenten und Medien die Evolutionswissenschaften verteidigen.

hpd: Wie gehen Sie gegen Kreationismus vor, welche Mittel wählen Sie?

U. Kutschera: Während der ersten Jahre haben wir über Fachartikel, insbesondere meine Beiträge in Nature, die Kreationisten und „Intelligent Design“-Theoretiker verbal attackiert und z. B. erreichen können, dass am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln eine Internetseite, auf der letztendlich „Jehovah, der Intelligente Designer“ beworben worden war, geschlossen wurde. Im zweiten Schritt wurden dann Bücher publiziert, u. a. meine bereits erwähnte Monographie Streitpunkt Evolution sowie der von mir herausgegebene Sammelband Kreationismus in Deutschland (2007). In meinem Lehrbuch Evolutionsbiologie habe ich in der 3. Auflage (2008) die Abschnitte zum Kreationismus erweitert. Ab 2010 haben wir eine neue Strategie gewählt: Auf Grundlage der genannten Fachbücher produzieren wir seither Lehr-Videos, die auf unserem YouTube Kanal evolutionsbiologenDE und über die Bildungsserver der Bundesländer eine weite Verbreitung finden. Da ich als Buchautor über die Abbildungsrechte verfüge, können wir diese Kurzfilme ohne juristische Probleme und Kosten im Internet verbreiten.

hpd: Welche Rückmeldungen erhalten Sie für dieses Engagement?

U. Kutschera: Auf der positiven Seite ist anzumerken, dass viele Journalisten beim AK Evolutionsbiologie Informationen einholen, und z. B. über Interviews mit den Vorsitzenden unsere Vereinigung bewerben. Andererseits sind bei mir im Verlauf dieser zehn Jahre aber auch sehr viele negative Reaktionen eingegangen. So musste z. B. mein Wikipedia-Eintrag immer wieder wegen Vandalismus gesperrt werden, weil Kreationisten unsachgemäße Informationen hinzugefügt hatten. Da ich seit 2007 als Visiting Professor an der Kalifornischen Stanford University (USA) tätig bin, kann ich die deutsche „Bedenkenträger-Mentalität“ sehr gut beurteilen. Wir leben hier in einer Neidgesellschaft, in der Leistungen durch Diffamierungen kleingeredet werden. Anerkennung wird man durch persönliches Engagement nur selten bekommen, das ist in Deutschland die kleinkarierte „Selbst-nichts-produzieren-aber-alles-besser-wissen“-Kultur.

hpd: Im Internet konnte man in der Vergangenheit immer wieder Meldungen entdecken, in denen das Ende des AK Evolutionsbiologie herbei geredet wurde – wie bewerten Sie das?

U. Kutschera: Diese Berichte kann ich bestätigen, aber Totgesagte leben lange! Bis 2010 war der AK Evolutionsbiologie im VBiO als „Arbeitsgremium“ gelistet. Nachdem dann die Kriterien dieser Organisationsform geändert worden sind, passte der AK nicht mehr in dieses Schema. Man hat unsere Vereinigung dort aus formalen Gründen entfernen müssen, und 2011 unter der Rubrik „Wissenschaft & Gesellschaft/Evolution“ im VBiO weitergeführt. Ernst Mayr würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, welche Attacken die von ihm mit begründete Evolutionsbiologen-Vereinigung seit 2003 überstehen musste! Seit unsere Lehr-Video-Serie zum Erfolgsprojekt wurde, hat der „Neid der Besserwisser“ nochmals deutlich zugenommen. Das motiviert mich aber weiterzumachen, nach dem Motto „viel Missgunst, viel Ehr“. In unserer Serie „Evolution ist überall“ wird demnächst die Nr. 3, eine Dokumentation zum Zehnjährigen des AK Evolutionsbiologie, erscheinen, und unser Lehr-Video Nr. 10 „Was sind Hopeful Monster?“ ist ebenfalls nahezu fertig gestellt. Beide Produktionen werden in Kürze auf unserem YouTube-Kanal erscheinen: Das ist unser „Weihnachtsgeschenk“ an unsere derzeit 283 Channel-Abonnenten und die deutschen Kreationisten, die dort ein weiteres Mal vorgeführt und widerlegt werden.

Vielen Dank für das Interview!

Die Fragen stellte Fiona Lorenz

 

Ulrich Kutschera ist seit 1993 Leiter der Abteilung Pflanzenphysiologie im FB 19 Biologie/Chemie der Universität Kassel; 1999 übernahm er dort das zusätzliche Lehrgebiet Evolutionsbiologie. Im Jahr 2007 erfolgte nach Gastvorträgen in den Vereinigten Staaten die Ernennung zum Visiting Professor an der Stanford University.
 

Literatur zum Thema Argumente der Kreationisten und deren Widerlegung:

Ulrich Kutschera: Evolutionsbiologie, 3. Auflage, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 2008, 312 Seiten, 202 Abb., gebunden, 39,80 €, ISBN-Nr.: 978-3-8001-2851-8.
Das Buch ist auch im denkladen erhältlich.

YouTube Kanal des AK Evolutionsbiologie