Große Gelehrsamkeit und leserfreundliche Prosa

Peter Gay

* 20. Juni 1923 in Berlin als Peter Joachim Fröhlich;
Historiker und Psychoanalytiker.

Er hat Bücher über die Aufklärung geschrieben, als das Bürgertum intellektuell erwachte und über das 19. Jahrhundert, in dem es seinen glanzvollen Höhepunkt erreichte.

1939 musste er wegen seiner jüdischen Herkunft Deutschland verlassen und emigrierte über Kuba in die USA. Seit 1941 lebt er in New York. Er war ab 1969 Professor für Geschichte der Yale University (emeritiert seit 1993) und Direktor des Dorothy and Lewis B. Calman Centers für Wissenschaftler und Schriftsteller an der New York Public Library.

Für seine Werke erhielt Gay mehrere Preise unter anderem den National Book Award, den neben dem Pulitzer-Preis renommiertesten Literaturpreis der USA. 1983 bis 1984 war Peter Gay Fellow des Wissenschaftskollegs in Berlin.
Seine Werke umfassen viele Themen. Seine Promotion befasste sich mit dem SPD-Theoretiker Eduard Bernstein, in vielen Veröffentlichungen setzte er sich mit der Epoche der Aufklärung in Europa auseinander und er widmete sich dem Kulturleben der Weimarer Demokratie. Auf Deutsch erschien der Titel 1972 unter „Die Republik der Außenseiter“.

In den 1970er Jahren, bereits Fünfzigjährig, begann Gay eine Ausbildung zum Psychoanalytiker. Als Höhepunkt erschien seine Freud-Biografie (1988), die den Versuch unternahm, den komplexen Zusammenhang von Leben und Theorien zu erhellen.

Zwischen 1984 und 1998 entstand sein fünfbändiges Hauptwerk über die Geschichte des 19. Jahrhunderts, begriffen als Zeitalter des Bürgertums. Gay erkundete darin alle Aspekte des bürgerlichen Lebens und räumte so manches bestehende Klischee aus. Von der Sexualität (Erziehung der Sinne) über die Liebe (Die zarte Leidenschaft), den Aggressionstrieb (Kultur der Gewalt), die Selbsterforschung (Die Macht des Herzens) bis zum Umgang mit Kunst (Bürger und Bohème) wurden alle Lebensaspekte beleuchtet. Ungeheure Gelehrsamkeit verbindet er mit einer leserfreundlichen Prosa, der auch Witz und Ironie nicht fremd sind.

Mozart ist Peter Gays große Leidenschaft, seine Biographie über den Komponisten ist gleichermaßen hervorragende Lebensbeschreibung wie verständige Meditation über den Geist der Musik und das Phänomen der Genialität.

Seine Autobiografie „My German Question“ (1998) beschreibt die Jahre seiner Kindheit und Jugend in Berlin und ist ein herausragende Buch der Erinnerungsliteratur zum „Dritten Reich“. Dafür bekam er 1999 den Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München.

2006 erschien Martin Doerrys „Nirgendwo und überall zu Haus“ - Gespräche mit Überlebenden des Holocaust. Darin sind 24 Gespräche mit Überlebenden der Shoah zusammengestellt, unter anderem mit Peter Gay (Gott ist eine Erfindung), der sich als bekennender Atheist spätestens seit der Erfahrung mit dem Holocaust von seinen jüdischen Wurzeln gelöst hat.