Wissenschaftler rechtfertigen weibliche Genitalverstümmelung – eine Rezension

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Ein kürzlich veröffentlichter Essay über weibliche Genitalverstümmelungen sorgte für Aufregung und Diskussionen, denn die Autoren relativieren in ihrem Text die Gefahren und Folgen, die von ihr ausgehen. Maßnahmen zur Eindämmung von FGM werden zudem als "rassistisch" beschrieben. Der Essay weist einige gravierende Mängel auf.

Im September 2025 veröffentlichte eine 26-köpfige Gruppe – bestehend aus hauptsächlich westlichen Forscherinnen und Forschern – einen "Extended Essay" im Journal of Medical Ethics mit dem Titel: "Harms of the current global anti-FGM campaign". Das Journal of Medical Ethics gehört zu der Gruppe der "BMJ-Journals", welche zu den weltweit bedeutendsten medizinischen Fachzeitschriften zählen und sich vornehmlich an Ärzte, Forscher und Gesundheitspolitiker sowie Angehörige anderer Gesundheitsberufe richten.

Der Essay beschäftigt sich kritisch mit aktuellen globalen Bestrebungen und Ansätzen, über female genital mutilation (FGM, weibliche Genitalverstümmelung) aufzuklären. Wobei "kritisch" in diesem Zusammenhang nicht meint, dass blinde Flecken aufgezeigt werden sollen, die die Effektivität bisheriger Maßnahmen beschränken. Ganz im Gegenteil wird argumentiert, dass Aufklärungs- und Prohibitionskampagnen im Grunde rassistisch seien und die Empörung über FGM lediglich das Resultat hegemonialer Erzählungen des globalen Nordens über den Süden darstelle. Beschreibt dieser Essay also ein grundsätzliches Problem in der Art und Weise, wie wir das Thema FGM gegenwärtig behandeln? Zur Beantwortung dieser Frage wird der Essay zunächst in seinen zentralen Argumenten wiedergegeben und anschließend kritisch gewürdigt.

Der Essay

Hinführung

Zunächst wird das Thema breit eingeführt, indem Vergleiche zu unterschiedlichen intimchirurgischen und -ästhetischen Praktiken gezogen werden. So gebe es überall auf der Welt Intimpiercings, optische Veränderungen der Genitalien mit Schmuckbestückung, Beschneidung, Entfernung und Dehnung von Gewebe sowie chirurgische Angleichungen, beispielsweise der Schamlippen. Laut den Autoren sei dies überall auf der Welt, quer durch alle Ethnien, Weltanschauungen und Altersgruppen hinweg, vorzufinden. Dabei wird nüchtern festgestellt, dass diese Praktiken mal mehr, mal weniger freiwillig seien, mit einem unterschiedlichen Grad der Betäubung und des Gesundheitsrisikos durchgeführt würden und verschiedene "Vorteile" mit sich brächten. Diese Vorteile müsse man zunächst verstehen und anerkennen.

Am Beispiel kontroverser Diskussionen zu Trans- und Intersex-Personen wollen die Autoren zeigen, dass es unterschiedliche Moralvorstellungen gebe, wobei die einen beispielsweise aus der Perspektive der Kinderrechte, andere eher aus der Perspektive des elterlichen Erziehungsrechts und wieder andere aus religiösen oder familiären Perspektiven argumentierten. Mit Sorge hätten die Autoren in diesen Debatten eine Schieflage beobachtet. So würden nur jene genitalen Praktiken (FGM) systematisch verurteilt und kritisiert, denen sich Frauen auf dem afrikanischen Kontinent unterziehen, während vergleichbare Praktiken (z. B. kosmetisch-chirurgische Eingriffe) des globalen Nordens davon nicht betroffen seien. So hätten die WHO (Weltgesundheitsorganisation) und einige Aktivisten alle Praktiken des globalen Südens unter dem Begriff "FGM" pauschal zusammengefasst und in vier Typen unterteilt (eine kurze Übersicht findet sich auf der Webseite des Universitätsklinikums Freiburg).

In allen Ländern, in denen FGM praktiziert werde, würden auch Zirkumzisionen bei Männern in mindestens vergleichbarer Häufigkeit stattfinden, wobei diese kaum problematisiert und nicht als "Opfer" gelabelt würden. Diese Pauschalisierungen weiblicher Genitalpraktiken des globalen Südens beträfen unterschiedlichste genitale Praktiken und würden deren Bedeutung für Religion, Kultur, Familie oder Community kollektiv verurteilen. Aus diesem Grund plädieren die Autoren dafür, lieber den Begriff female genital practices (FGP) zu nutzen, da er neutraler sei und den ethischen, medizinischen und kulturellen Status der Betroffenen nicht vorverurteile. FGM sei nämlich "umstritten" und "politisiert", da genitale Praktiken von Frauen des afrikanischen Kontinents aufgrund von "rassistischen Stereotypien, westlicher Sensationslust und moralischem Überlegenheitsgefühl" anders behandelt würden.

Aktivismus und Medien

Im restlichen Text beschreiben die Autoren negative Folgen internationaler Kampagnen gegen FGM. Eine große Rolle würden dabei westliche Feministinnen der zweiten Welle spielen, die die hegemoniale Erzählung der FGM verbreiteten, Frauen als "Opfer" framten und marginalisierte Stimmen, die das "Narrativ" nicht teilten, zum Schweigen brächten. Damit würden sie die öffentliche Aufmerksamkeit von FGM außerhalb des globalen Nordens bestimmen und letztlich zur "Dominanz des Westens" beitragen. Eine weitere wesentliche Rolle werde von Journalisten gespielt, die über FGM parteilich berichteten und die Erzählung damit aufrechterhielten. In den gängigen Sozialen Medien sei Ähnliches anzutreffen; auch dort würden alternative Perspektiven zum Schweigen gebracht.

Im globalen Norden gebe es zudem eine Trennung von FGM und FGCS (female genital cosmetic surgery), die die negative Erzählung der FGM ebenfalls aufrechterhalte. Dabei handele es sich ebenfalls um einen hegemonialen Akt, um den "barbarischen" Süden von dem "zivilisierten" Norden bei vergleichbaren Praktiken künstlich zu trennen. Die Autoren greifen auf die in der Einleitung verwendeten Analogien zurück und beschreiben, dass Frauen auch in westlichen Ländern genital-chirurgische Eingriffe durchführen ließen, was im Vergleich jedoch nicht problematisiert werde.

Im Text wird zudem an einigen Stellen suggeriert, dass FGM eigentlich gar nicht sonderlich schlimm sei und medial eher "Extrembeispiele" herausgepickt würden. Beispielsweise gebe es schiitische und sunnitische muslimische Gruppen, die beide Geschlechter beschnitten, was als Symbol der Gleichberechtigung der Geschlechter interpretiert werde. Hiervon als Verstümmelung zu sprechen, würde einen sinnvollen Dialog mit diesen Gruppen folglich verhindern.

Gesundheitssystem

Auch habe die FGM-Erzählung Folgen für das Gesundheitssystem. Die "Ideologie der Zweigeschlechtlichkeit" sei eine gute Analogie. So würden Intersex-Personen in Richtung kultureller Überzeugungen operativ angeglichen, wobei dies Ähnlichkeiten mit religiösen Überzeugungen habe. Auch das Klinikpersonal werde von der FGM-Erzählung beeinflusst, was dazu führe, dass nicht mehr die individuelle Situation von Patientinnen berücksichtigt werde, sondern sich nur noch auf das Vorhandensein von FGM konzentriert werde. Eine Frau, die hinter ihrer FGM stehe, werde durch Fragen zur FGM gestresst, was zu falschen Diagnosen und Therapien führe, in Misstrauen und Rückzug aus dem Gesundheitssystem münde und dadurch erst mit negativen Gesundheitsparametern einhergehe. Dieser Prozess sei ein klares Beispiel für Rassismus.

Häufig werde im Zusammenhang mit FGM von "Traumatisierung" gesprochen, wobei Traumata nicht im "politischen Vakuum" existierten. Politische, soziale und rechtliche Normen beeinflussten Erfahrungen, die dann erst als "traumatisch" wahrgenommen werden könnten. Trauma-assoziierte Symptome entstünden, wenn Erfahrungen "keinen Sinn" ergäben. So könnten FGM-Erzählungen die Erfahrungen betroffener Frauen beeinflussen und sie verunsichern. Personen des westlichen Gesundheitssystems würden bei Patientinnen auf Verdacht Vermutungen zu FGM anstellen. Dabei gingen sie aufgrund ihrer westlichen Prägungen davon aus, dass das Individuum Vorrang vor der Gemeinschaft habe, und verstünden nicht, dass der Körper der Frau Teil einer größeren Gruppe sei, mit der sich die Frau identifiziere. Diese Gruppe beeinflusse Entscheidungen über den weiblichen Körper. Diese "kollektiven Entscheidungen" würden von westlichen Menschen nicht verstanden, seien aber gelebte Realität. Wenn dies nicht anerkannt werde, leugne man den kulturellen Hintergrund der Frau, was für sie dann überhaupt erst traumatisierend sei. Bei Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) müsse geprüft werden, ob diese nicht durch etwas anderes verursacht sei. Zudem müsse beachtet werden, dass die PTBS ein westliches "Konstrukt" sei, das auf Menschen angewendet werde, für die Schmerzen keine Ursache für ein Trauma darstellten.

Gesetzgebung

Im letzten Abschnitt des Essays thematisieren die Autoren problematische Aspekte der "Anti-FGM"-Gesetzgebung. Anti-FGM-Gesetze würden Gleichstellung verhindern sowie Privatsphäre, Autonomie und Selbstbestimmung von Individuen, Familien und Communitys, "soziales Vertrauen" und Menschenrechte unterbinden. Im schlimmsten Fall würden Frauen objektifiziert und als passive Opfer dargestellt, obwohl FGM nicht als schlimm erlebt werde und Teil ihrer normalen Lebensrealität sei. Es komme unweigerlich zu Doppelstandards, die Menschen hinsichtlich ihrer Herkunft unterteilten (kosmetischer Eingriff bei Westlern und Verstümmelung bei Afrikanern), unterschiedlich rechtlich schützten (FGM bei Mädchen vs. legaler Eingriff bei Intersex-Personen) und zu Geschlechterungerechtigkeit (Beschneidung bei Mädchen und Frauen vs. Jungen und Männer) beitrügen. Insgesamt würden Anti-FGM-Gesetze afrikanische Frauen sozial stigmatisieren und marginalisieren.

Kritische Würdigung

Der vorliegende Essay beschäftigt sich kritisch mit aktuellen internationalen Perspektiven und Handlungsansätzen zur FGM. Dabei problematisiert er die grundlegende Konzeption des Begriffs, mahnt zur Differenzierung und Zurückhaltung und führt den Aktivismus zur Aufklärung und Reduktion von FGM auf rassistische, politische und machterhaltende Motive zurück. Jedoch weist der Text einige gravierende argumentative Mängel auf, die weitaus mehr Aufschlüsse über die weltanschauliche Gesinnung der Autoren geben, als relevante Erkenntnisse über die aktuelle FGM-Debatte.

Wissenschaftlichkeit

Die "Achillesverse" des Essays – und damit dessen größte Schwäche – dürfte die geringe wissenschaftliche Güte darstellen, was hinsichtlich des Publikationsniveaus in den BMJ-Journals verwundert. Kernargumente des Artikels, beispielsweise zur female genital surgery – die in "Box 1" des Essays abgebildet sind und belegen sollen, dass es sich bei FGM lediglich um rassistische Stereotype, westliche Sensationslust, nicht-repräsentative Beispiele und Desinformation handele – verweisen nicht selten auf wenig geeignete Quellen. Im Falle der female genital surgery verweist die Quellenangabe lediglich auf ein Positionspapier, welches von einer einzigen Person verfasst wurde. Diese Quelle wiederum verweist ebenfalls auf Positionspapiere, qualitative Interviews aus den critical studies und case studies. Genannte Quellen finden sich im Essay ebenfalls zur Genüge. Qualitative Interviews und case studies beziehen sich in der Regel auf wenige Untersuchungspersonen und verfügen häufig nicht über geeignete Kontrollgruppen und überbewerten die Subjektivität, was die Güte dieser Studien stark einschränkt. Forschungen aus den critical studies stehen aufgrund ihrer fraglichen Ergebnisoffenheit, ihrem dogmatischen Theoriegebäude und der engen Verzahnung mit (politischem) Aktivismus unter Verdacht der Pseudowissenschaftlichkeit.

Als weiteres Beispiel seien die Ausführungen zum Thema "Trauma" angeführt. Das recht enge Verständnis von Trauma als "Erfahrung, die keinen Sinn ergibt", was auch in der Retrospektive erlebt werden könne sowie die Hinführung auf die Verursachung durch medizinisches Personal durch "falsche" Fragen, entbehrt jeglicher wissenschaftlichen Begründung. Auch die Ideen, dass die Diagnose einer PTBS ein auf westliche Gesellschaften angepasstes Konstrukt sei, man im Falle des Vorliegens einer PTBS nach anderen Ursachen suchen müsse (sachgerechte Diagnostik exploriert ohnehin alle möglichen Ursachen für Traumata) und andere Kulturen "Schmerz" nicht als Ursache für Traumata ansehen würden (was auch immer das bedeutet), wird einfach behauptet und kommt ebenfalls ohne jegliche wissenschaftliche Begründung aus.

Unabhängig von den handwerklichen Fehlern ignoriert der Essay systematisch große Studien zur FGM und vermeidet die Nennung konkreter Kennwerte, stattdessen verliert sich der Text in Unterstellungen und Relativierungen, wie dem Vorwurf der selektiven Berichterstattung zu nicht-repräsentativen Einzelfällen oder den Verweis auf ästhetische Intimchirurgie. Die UN berichtet beispielsweise, dass weltweit circa 230 Millionen Frauen und Mädchen von Genitalverstümmelung betroffen und jährlich 4,3 Millionen Mädchen dem Risiko von FGM ausgesetzt sind. In 92 Ländern werde laut der UN FGM aktiv betrieben. Dass FGM Teil der Kultur, Religion oder sozialen Gruppe sei und in seinen Gefahren überbewertet werde, beinhaltet eine gravierende Relativierung der eigentlichen Gefahren durch FGM. Studien zweier Professoren der Universität von Birmingham schätzen überdies, dass alle 12 Minuten (!) ein Mädchen oder eine Frau an den Folgen von FGM verstirbt. Eine Metastudie – die ironischerweise ebenfalls in den BMJ-Journals 2014 erschien – untersuchte über drei Millionen Frauen und belegt klar, dass Frauen von dem Moment ihrer Verstümmelung als Kleinkinder, über ihre Sexualität bis hin zu ihrer Schwangerschaft unter gesundheitlichen Problemen leiden. Langzeitkonsequenzen sind laut der Metastudie: Infektionen der Harnwege, bakterielle Vaginose, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und Geburtskomplikationen.

Philosophie

Weitere Probleme des Essays sind durch die inkonsistenten und oberflächlichen Verwendungen zentraler Begrifflichkeiten gekennzeichnet. In der Einleitung werden verschiedene Perspektiven auf unterschiedliche "genitale Praktiken" dargelegt und in unzulässiger Weise verglichen, ohne relevante weltanschauliche Hintergründe zu benennen. So macht es beispielsweise sehr große Unterschiede ob ein Mensch bei einem Eingriff erwachsen oder minderjährig ist, sich diesen Eingriff selbst aussucht (Selbstbestimmung) oder ihn aufgebürdet bekommt, ob er Anästhesie erhält oder bei vollem Bewusstsein ist oder ob es sich um ein Piercing handelt oder die Amputation weiter Teile der Vulva. All das ist für die Autoren wenig differenzierungswürdig und hinsichtlich der weltanschaulichen Grundlagen scheinbar irrelevant. Die Ausführungen zu ethisch/moralischen Einordnung der unterschiedlichen Praktiken werden lediglich nebeneinander aufgereiht und hinsichtlich ihrer inneren Plausibilität nicht weiter gewichtet.

So ist die Orientierung an Kinderrechten und körperlicher Autonomie vergleichbar mit nicht näher bezeichneten religiösen Anschauungen. Dies alles dient der Relativierung. Der Relativierung, dass FGM eine einfache Spielart menschlicher Genitalpraktiken seien, die zutiefst missverstanden werde.
Der argumentative Fokus des Essays liegt auf der kulturellen Identität, der Problematisierung von individualistischem Denken bei kollektivistischen Gesellschaften sowie der moralischen Dichotomisierung (die mächtigen Westler, die die armen Afrikaner unterdrücken). Wobei die Punchline jedoch inkonsistent bleibt. Im "Anti-FGM-Gesetz"-Abschnitt berichten die Autoren, dass entsprechende Gesetze den Menschenrechten zuwiderlaufen würden. Menschenrechte – im Sinne der UN-Menschenrechtskonvention – setzen allerdings das Individuum ins Zentrum der Aufmerksamkeit, nicht die soziale Gruppe, was also einen Widerspruch darstellt.

Hinsichtlich der ethisch/moralischen Dichotomisierung verweisen die Autoren auf die aus ihrer Sicht "westliche Erzählung" der FGM, die dazu diene afrikanische Frauen in die "passive Opferrolle" zu pressen, was als hegemoniale Handlung kritisiert wird. Gleichzeitig betonen die Autoren selbst an einigen Stellen des Textes, dass Bewohner des globalen Nordens Macht über den globalen Süden ausüben wollten, um diese zu unterdrücken. Handelt es sich hierbei ebenfalls um eine Form der Viktimisierung? Sind Afrikaner also nun doch Opfer, zu deren Hilfe 26 westliche Forscherinnen und Forscher eilen müssen?

Und was ist mit dem Vorwurf, dass das FGM-Konzept viele unterschiedliche Genitalpraktiken kollektiv verurteilen würde? Die Autoren bleiben der Frage schuldig, welche Praktiken nun verurteilt werden dürfen und welche nicht. Also ab wann Genitalverstümmelung als solche benannt werden darf?
Ein Punkt kann dem Essay jedoch bedenkenlos gegeben werden: Die Frage, warum weibliche Genitalverstümmelung anders eingeordnet wird als männliche. Sicherlich ist die Tragweite der Schädigung in vielen Fällen eine andere, jedoch lässt sich die männliche Zirkumzision durchaus mit Typ 1 der FGM (u.a. Entfernung der Klitorisvorhaut) vergleichen. Die Amputation der Penisvorhaut ist ebenfalls mit medizinischen Risiken und Einschränkungen der Lebensqualität verbunden und wird tatsächlich auch heute noch weitgehend verharmlost und an religiösen Bedürfnissen dritter relativiert. Warum es sich auch hierbei um eine Körperverletzung handelt, hat das Institut für Weltanschauungsrecht (ifw) in einer Stellungnahme 2022 überzeugend dargelegt.

Ideologie

Neben den wissenschaftlichen und philosophischen Schwächen des Essays stellt sich nun die Frage, aus welchen Motiven heraus dieses Werk überhaupt entstanden ist. Eine Analyse des Textaufbaus und der grundlegenden Argumentationsführung legt eine woke Weltanschauung der Autoren nahe, die sich auf der Basis postmoderner Überzeugungen entfaltet. Helen Pluckrose und James Lindsay1 beschreiben zwei grundlegende Prinzipien postmoderner Philosophie, die sich grob in vier Themenbereichen aufzeigen lassen: Das erste Prinzip bildet das "postmoderne Wissensprinzip", welches eine Form des radikalen Skeptizismus gegenüber objektivem Wissen und Wahrheiten beschreibt und ein Bekenntnis zum kulturellen Konstruktivismus beinhaltet. Das zweite ist das "politische Prinzip des Postmodernismus", was davon ausgeht, dass die Gesellschaft grundlegend auf Machtsystemen und Hierarchien aufbaut, die bestimmen, was Wahrheit und Wissen ist. Die Themenbereiche sind: "das Verwischen von Grenzen und Begrifflichkeiten", "die Macht der Sprache", "Kulturrelativismus" und die "Ablehnung der Begriffe des Universalen und des Individuellen, zugunsten von Gruppenidentitäten".

Das "postmoderne Wissensprinzip" zeigt sich im Text weniger explizit, wird aber an unterschiedlichen Stellen indirekt deutlich. Zwar wird der "radikale Skeptizismus" als solches nicht benannt, jedoch kommt das Bekenntnis zum kulturellen Konstruktivismus in jenen Textstellen zum Ausdruck, die auf die kulturellen und religiösen Besonderheiten verweisen, die von der westlichen Welt nicht verstanden werden würden, da sie nicht Teil der angesprochenen afrikanischen Kultur wären. In der Einleitung des Textes zeigt sich die kulturell konstruktivistische Haltung durch die zum Teil grotesken Vergleiche der FGM mit anderen genitalen "Praktiken", die moralisch unterschiedlich, aber gleichwertig begründet werden.

Deutlicher zeigt sich das "politische Prinzip des Postmodernismus". An zahlreichen Stellen verweist der Essay auf die konstitutive Macht und das "Überlegenheitsgefühl" das vom globalen Norden ausgehen würde. So gäbe es eine breite Front an Interessensgemeinschaften die entschieden hätten, dass FGM ein Problem wäre, das gelöst werden müsse. Allein schon der Begriff "FGM" sei ein Akt der Machtausübung, der von FGM betroffene Frauen unter Stress stellen würde, da ihre subjektive Realität ja eine andere wäre.

An zahlreichen Stellen im Text entfalten sich schließlich die angesprochenen Themenbereiche des Postmodernismus. "Die Macht der Sprache" wird deutlich anhand der empfindlichen Auseinandersetzung mit dem FGM-Begriff, der zugunsten des "neutraleren" FGP weichen solle, oder des Auslösens eines "Traumas", wenn medizinisches Personal die subjektive gelebte Realität nicht anerkenne. Der "Kulturrelativismus" wird an jenen Stellen deutlich in denen darauf verwiesen wird, dass FGM keine problematische Handlung darstelle und diese lediglich aus westlicher Perspektive fehlinterpretiert werde. Die "Ablehnung des individuellen" zeigt sich ebenfalls über den kompletten Text verteilt, insofern, dass von FGM betroffene Frauen konsequent tribalistisch interpretiert werden. Die "Ablehnung des Universellen" offenbart sich im Essay hingegen uneinheitlich, da einerseits zwar auf das wesentliche Fundament der Gruppenzugehörigkeiten geschlossen, zugleich aber an die Einhaltung von Menschenrechten appelliert wird. Der Themenbereich des "Verwischens von Grenzen und Begrifflichkeiten" deutet sich durch die negativ konnotierte Bezeichnung der Zweigeschlechtlichkeit als "Ideologie" an, die kulturell überformt sei.

Im Vergleich zur eher "nüchtern" einordnenden postmodernen Philosophie unterscheidet sich Wokeness durch ihren aktivistischen und normativen Charakter. Während in der Postmoderne das beschriebene Machtgefüge unterschiedlicher Parteien herausgearbeitet und überbetont wird, formuliert die woke Weltanschauung konkrete moralische Urteile und (politische) Konsequenzen. Die woken Positionen im Essay werden durch das moralische Urteil "Rassismus" durch den globalen Norden und im Kontext "unachtsamer" Gesprächsführung im medizinischen Kontext sehr klar benannt. Zugleich werden ebenfalls klare Konsequenzen gefordert, im dem Sinne, dass der FGM-Begriff aufgrund seiner inhärenten Abwertungen nicht mehr benutzt werden sollte und anti-FGM Kampagnen zurückgefahren werden müssten, da sie auf rassistischer Machtausübung basieren würden.

Fazit

Zu Beginn dieses Textes wurde die Frage gestellt inwiefern der vorliegende Essay mit dem Titel: "Harms of the current global anti-FGM campaign" ein relevantes Problem in der aktuellen Diskussion um FGMs beschreibt. Der Essay wurde hinsichtlich seiner wissenschaftlichen Güte, begrifflichen Klarheit relevanter Konzepte und seiner ideologischen Fundierung hin analysiert. In den ersten beiden Bereichen konnten grobe Mängel festgestellt werden, die die Gültigkeit des Artikels inhaltlich stark in Zweifel ziehen. Der dritte Bereich gibt zudem Hinweise auf mögliche politische Motivationen der Autoren, die die Argumentationskette des Essays und Auswahl der zugrundeliegenden Quellen beeinflusst haben könnten.

Der Essay relativiert zudem das Leid von Mädchen und Frauen, die Opfer von gewaltsamen Genitalverstümmelungen geworden sind und rechtfertigt reaktionär menschenverachtende Praktiken. Aus den genannten Gründen kann der Essay keine nennenswerten neuen Erkenntnisse zur FGM-Debatte beisteuern. Stattdessen besteht die Gefahr, dass der Erfolg bisheriger FGM-Kampagnen verwässert und wissenschaftliche sowie gesundheitspolitische Akteure zulasten von durch FGM bedrohten Mädchen und Frauen beeinflusst werden.

Wer sich für authentische Erfahrungen von Opfern weiblicher Genitalverstümmelung interessiert, sei an dieser Stelle auf die Autobiografie "Wüstenblume" von Waris Dirie, verwiesen.

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1 Pluckrose, H., & Lindsay, J. (2022). Zynische Theorien: Wie aktivistische Wissenschaft Race, Gender und Identität über alles stellt – und warum das niemandem nützt. Vol. 6467. C. H. Beck.