Meister der antifeudalen und antiklerikalen Polemik

Saint-Simon

* 17. Oktober 1760 in Paris, Δ 19. Mai 1825 in Paris; eigentlich: Claude Henri de Rouvroy, Graf von Saint-Simon;
soziologischer und philosophischer Autor und Verfechter einer Neuordnung der europäischen Gesellschaft. Er entwickelte das Modell einer sozialistischen Gesellschaft.

De Rouvroy entstammte einer verarmten Adelsfamilie und wurde im Geist der Aufklärung erzogen. Mit 16 Jahren ging er nach Nordamerika und nahm am Unabhängigkeitskrieg gegen England teil. Bei seiner Rückkehr war er zunächst begeisterter Anhänger der beginnenden Französischen Revolution. Jedoch unter der Terrorherrschaft Robespierres verlor er all seine Güter und sogar fast das Leben. Nachdem er in den folgenden Jahren durch geschäftlichen Erfolg wieder zu Wohlstand gekommen war, heiratete er 1801 eine Adlige, die ihm auch Zutritt zu den gesellschaftlichen Salons verschaffen sollte. Diese Ehe hielt aber nicht lange und er verlor erneut sein Vermögen.

Er begann philosophische Studien, schrieb gesellschaftstheoretische Artikel und gab die literarisch-philosophische Zeitschrift „Dècade Philosophique" heraus, mit der er auch als Publizist bekannt wurde. Saint-Simon arbeitete in dieser Zeit seine Ideen zur Neugestaltung der Gesellschaft aus, missbilligte dabei die schmarotzende Aristokratie und Geistlichkeit, die nach der Revolution wieder ihre alten Machtstellungen einnahmen.

Er sah die Arbeiter, Bauern und Handwerker aber auch Bankiers und Unternehmer als die eigentlichen Schöpfer des gesellschaftlichen Reichtums an. Das Privateigentum und die Privilegien des Adels identifizierte er als Grund für die Ausbeutung und wollte diese beschränken bzw. abschaffen.

In „De la réorganisation de la société européenne" (1814) beschreibt er eine gerechte Gesellschaft mit Abstufung der Rechte nach dem Grundsatz der Leistung. Das Wissen war für ihn der entscheidende Faktor für das Wohl aller und die Beseitigung der Unterdrückung. Er beeinflusste den Frühsozialismus der Saint-Simonisten und wirkte auf Karl Marx, der allerdings den grundlegenden Klassengegensatz zwischen Kapital und Arbeit sah.

Neben antifeudaler und antiklerikaler Polemik wandte sich Saint-Simon vor allem der Stärkung des neu entstandenen Proletariats zu. Seine materialistische Auffassung als Voraussetzung für Wissenschaft und die Erkennbarkeit der Regeln des menschlichen Zusammenlebens prägte seinen Schüler Auguste Comte und dessen Philosophie des Positivismus.

Angesichts der sich vertiefenden Widersprüche zwischen arm und reich und dass seine Appelle an die Vernunft nichts genutzt haben, entwickelte er eine säkulare Morallehre, in der Ordnung und Fortschritt verbunden werden sollten. In seinem postum gedruckten Buch „Le Nouveau Christianisme" (1825) erklärte Saint-Simon es zur Aufgabe des Christen, die Ärmsten bei der Verteilung des Sozialprodukts gerecht zu berücksichtigen. Er benutzte Glaube und Gefühl, um die Massen der Unwissenden für seine Ideen zu begeistern. Der vernunftmäßige Vertreter der Aufklärung, der immer für die Wissenschaft und die Überlegenheit des Geistes war, schwenkte zu den Gefühlen um. Er besaß ein starkes sittlich-religiöses Gemüt und beschäftigte sich daher mit den sozialen Lehren des Christentums. Dabei ließ er sich von Lessings Gedanken zur „Erziehung des Menschengeschlechts" beeinflussen.

Im „Catechisme des Industries" betonte er die notwendige Hilfe der Unternehmer für die Arbeiter. Er auferlegte den herrschenden Industiellen die Sorge für das Wohlergehen der Arbeiter, damit sie sich nicht aus der Not heraus auflehnen und  zerstörerisch wirken. Die immer größer werdende Kluft der Klassen sollten sie überbrücken, indem sie die Gesellschaft mit Hilfe eines Staatssozialismus und religiöser Reformen neu organisieren. Da seine Anhänger durch verschiedene private Interessen ganz eigene Ziele verfolgten, wurden seine Ansätze fehlinterpretiert und abgewandelt. Das Wissen wird immer mehr durch ein mystisches, diesseitsgerichtetes neues Christentum ersetzt.

Die Hervorhebung der Religiosität und Absage an die Mittel des Klassenkampfes und damit auch die mangelnde Akzeptanz durch die Arbeiterklasse lassen die Saint-Simonisten nach kurzer Zeit in der Bedeutungslosigkeit versinken. Aber mit dem „Neuen Christentum" und dessen Auslegung durch seine Anhänger wurde er zum Vater der katholischen Soziallehre deklariert, die um 1900 auflebte und sich als christliche Alternative zum atheistischen Sozialismus verstand.

Die eigentlichen Forderungen wie die Organisation der Arbeit, statt der Ausbeutung des Menschen, die Verbesserung der Lage der Ärmsten, allgemeine Bildung und Gleichberechtigung von Mann und Frau sind nach wie vor aktuell und machen die eigentliche Bedeutung Saint-Simons aus. Er gilt heute als einer der Begründer der wissenschaftlichen Soziologie und zugleich des utopischen Sozialismus. Nach Saint-Simons Tod entstand unter seinem Namen die erste französische Sozialistenschule, deren Programmpunkte die Kritik am Privateigentum, Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die Erneuerung der Ausbildung waren.