Das Gefühl der Kleinheit und Ohnmacht

Friedrich Dürrenmatt

* 5. Januar 1921 in Konolfingen;  Δ 14. Dezember 1990 in Neuenburg/Neuchâtel;
Schweizer Schriftsteller, Dramatiker und Maler. 

 

Dürrenmatt wächst in einem Pfarrhaus auf. Dennoch oder gerade deshalb hat er zu Gott und Glauben ein eher distanziertes Verhältnis. Dürrenmatt glaubt nur an die Macht der Vernunft. Seine Figuren leben ohne Gott und ohne Beziehungen zu anderen.

Das Weltgefühl, das aus Friedrich Dürrenmatts Werken spricht, ist das Gefühl der Kleinheit und Ohnmacht des Menschen vor einer chaotischen, schwer zu bewältigenden Welt. Einer Welt voller Unheil, das hingenommen werden muss, vor dem es jedoch kein Kapitulieren geben darf. Dürrenmatt leitet dieses Gefühl in seinen theoretischen Äußerungen aus dem Zustand der Welt ab. Die Apparate und Organisationen, die Bürokratisierung und Technisierung der Gesellschaft engen das Individuum ein, begraben es. Diese Ohnmacht bestätigt sich in allen möglichen gesellschaftlichen Erscheinungen, ließe sich aber seiner Meinung nach nicht durch eine veränderte Gesellschaft verhindern, sondern durch eine allseits gerechte Ordnung der Welt.

Obwohl Dürrenmatts Werke immer wieder Erscheinungen unserer Gesellschaft aufgreifen, sie geben keine konkreten Antworten. Es geht in ihnen nicht um den Wohlfahrtsstaat, das kapitalistische System oder den Atomkrieg, sondern um Verrat, Schuld, Sühne, Treue, Freiheit und Gerechtigkeit, es geht ihm um die grundlegende Moral. Die Möglichkeit und Pflicht des Theaters, insbesondere das Drama, soll den Zuschauer elektrisieren, soll Fragen an sich selbst und seine Moral provozieren. Dürrenmatts Geschichten bringen in einer unmoralischen Welt Menschen in Konfliktsituationen, die sie zu moralischen Entscheidungen zwingen.

Dürrenmatts gewaltiges Werk umfasst 23 Dramen, zahlreiche Romane, Erzählungen und Hörspielen sowie Reden. Es tauchen in den verschiedenen Werken einige Grundthemen immer wieder auf - der Zweifel am Sinn des menschlichen Tuns und das Gefangensein in einer chaotischen, zufälligen Welt. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber Ungerechtigkeit ist auch heute noch aktuell. In seinen späteren Werken entwickelt er zunehmend Perspektiven für den einzelnen Menschen: Er solle selbst die Welt ständig in Zweifel ziehen und das Chaos nicht hinnehmen. Im Laufe der Jahre entwickelte sich Dürrenmatt zu einem zeitkritischen und unbequemen Autor, der sich keiner literarischen Strömung zuordnen ließ. Er verstand das Stückeschreiben als eine Art des „Sich-klar-Werdens, des Klärens und des Denkens“.