Führt ein bedingungsloses Grundeinkommen dazu, dass Menschen weniger arbeiten? Oder stärkt es vielmehr ihre Lebenszufriedenheit und Entscheidungsfreiheit? Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen: Viele der weitverbreiteten Annahmen über negative Auswirkungen eines Grundeinkommens halten einer empirischen Überprüfung nicht stand.
Im Rahmen eines großangelegten, randomisierten Kontrollexperiments in Deutschland untersuchten Forschende über einen Zeitraum von drei Jahren, wie sich ein monatliches bedingungsloses Grundeinkommen von 1.200 Euro auf Erwerbsarbeit, Wohlbefinden und Lebensentscheidungen auswirkt. Geleitet wurde die Studie unter anderem von Susann Fiedler, Professorin für Verhaltensökonomie und Entscheidungsforschung an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien.
Kaum Rückzug aus dem Arbeitsmarkt
Entgegen der häufig geäußerten Befürchtung, Menschen würden bei einem bedingungslosen Einkommen ihre Arbeit aufgeben oder massiv reduzieren, erläutert Susann Fiedler, zu Gast im Wissens-Podcast "Welthandelsplatz 1" der WU Wien, die evidenzbasierten Ergebnisse ihrer Studie: Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden blieb weiterhin erwerbstätig. Es gab weder einen signifikanten Anstieg von Teilzeit noch ein genereller Rückzug aus dem Arbeitsmarkt.
"Die Vorstellung, dass Menschen bei finanzieller Absicherung automatisch aufhören zu arbeiten, ist tief verankert, wird aber durch unsere Daten nicht bestätigt", erklärt Fiedler. Tatsächlich überschätzten sowohl die allgemeine Öffentlichkeit als auch Fachwissenschaftler*innen die erwarteten Auswirkungen auf das Arbeitsangebot vor Beginn des Experiments deutlich.
Mehr Zufriedenheit und psychische Gesundheit
Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse signifikante positive Effekte auf Lebenszufriedenheit, psychisches Wohlbefinden und wahrgenommene Autonomie. Die finanzielle Sicherheit ermöglichte es den Teilnehmenden, bewusster Entscheidungen zu treffen, etwa bei der Berufswahl, Weiterbildung oder persönlichen Lebensgestaltung.
Besonders bemerkenswert: Diese Effekte blieben auch nach dem Ende der Auszahlungen bestehen. Noch mehr als ein Jahr später waren die positiven Auswirkungen auf Wohlbefinden und Entscheidungsfreiheit zu rund 80 Prozent nachweisbar.
Autonomie als zentraler Wirkmechanismus
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die Rolle der Autonomie. Das Grundeinkommen schuf keinen Anreiz zur Untätigkeit, sondern stärkte das Gefühl von Selbstbestimmung: Viele Teilnehmende berichteten, dass allein das Wissen um eine finanzielle Absicherung ihre Verhandlungsposition im Job verbesserte und Stress reduzierte.
"Schon die Möglichkeit, im Zweifel gehen zu können, verändert, wie Menschen ihre Arbeit erleben", so Fiedler. Diese Freiheit wirke sich positiv auf mentale Gesundheit, Sinnempfinden und langfristige Lebensplanung aus.
Breiter gesellschaftlicher Nutzen denkbar
Die Forschungsergebnisse legen nahe, dass ein Grundeinkommen auch gesamtgesellschaftliche Effekte haben könnte: geringere Belastungen für das Gesundheitssystem, stabilere Erwerbsbiografien und mehr Investitionen in Bildung und Qualifikation. Gleichzeitig blieb ein befürchteter Produktivitätsverlust aus.
Wissenschaft statt Bauchgefühl
Die Studie zeigt auch, wie stark öffentliche Debatten vom Bauchgefühl geprägt sind. Die tatsächlichen Effekte eines Grundeinkommens wurden sowohl überschätzt (hinsichtlich Arbeitsverweigerung) als auch unterschätzt (hinsichtlich des realistischen Anstiegs des Wohlbefindens). "Gerade bei moralisch aufgeladenen Themen ist empirische Forschung entscheidend, um ideologische Debatten zu versachlichen", betont Fiedler.
Ausblick: Neue Modelle denkbar
Auf Basis der Ergebnisse diskutieren die Forschenden auch alternative Modelle, etwa zeitlich begrenzte Grundeinkommensphasen über den Lebensverlauf, welche flexibel für Weiterbildung, Pflege oder persönliche Krisen genutzt werden können. Solche Modelle könnten Autonomie stärken, ohne dauerhaft in bestehende Sozialsysteme einzugreifen.
Die Forschung liefert damit einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte über die Zukunft von Arbeit, sozialer Absicherung und individueller Entscheidungsfreiheit.
Die gesamte Podcast-Episode kann man hier nachhören.






