Denn sie wissen, was sie tun

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Schweine, eingepfercht in einen LKW, auf dem Weg zu ihrer Schlachtung.

Wer Fleisch isst, blendet gern aus, mit welch immensem Tierleid das Schnitzel auf dem Teller verbunden ist. In der Massentierhaltung verbringen Tiere ihr kurzes Leben unter widrigsten Bedingungen und bei der Schlachtung erleiden sie Angst und Qualen.

Geschätzte 200 Millionen Tiere leben zeitgleich als "Vieh" deklariertes Produkt in Stallungen der deutschen Fleischproduktion. Geboren in Gefangenschaft, gelebt in Massenhaltung, verwendet zum alleinigen Zwecke der Tötung. Die Fleischwirtschaft ist ein gewaltiger Industriezweig mit 130.000 Beschäftigten in 1.500 Betrieben, einem Jahresumsatz von 40 Milliarden Euro und einem Ertrag von 8 Millionen Tonnen Fleisch. Größter Konzern ist "Tönnies" aus Rheda-Wiedenbrück, mit 7 Milliarden Euro Umsatz und allein 16 Millionen getöteter Schweine im Jahr.

Die "Betäubung"

Vor die Tötung von jährlich 750 Millionen Tieren hat der Gesetzgeber die Betäubung gesetzt, verankert in der Tierschutz-Schlachtverordnung. Tiere sind danach "so zu betäuben, dass sie schnell und unter Vermeidung von Schmerzen oder Leiden in einen bis zum Tod anhaltenden Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit versetzt werden". Die Betäubungsmechanismen in der Fleischindustrie sind allerdings ausgelegt auf Schnelligkeit und Kostengünstigkeit. Außerdem stehen die Arbeiter unter Akkord-Druck und keine der diversen Betäubungsanlagen für die jeweiligen Tierarten arbeitet fehlerfrei und ohne Ausnahmen schmerzlos. Eine technische Überwachung der Gerätschaften durch den TÜV findet nicht statt. Grund: es sind keine Menschen gefährdet.

Schweine werden mit CO2-Gas betäubt. Die Schweine erleiden hierbei über fast 30 Sekunden Erstickungsanfälle und Verätzungen der Atemwege. Die EU hat dieses Verfahren vor zwölf Jahren legalisiert – trotz im Vorfeld eingeholter Gutachten, die eine solche Betäubung als tierschutzwidrig deklariert hatten. Begründung der EU: wirtschaftliche Aspekte. Auch nach deutscher Rechtsprechung ist dieses Verfahren fragwürdig. Im Deutschen Tierschutzgesetz ist zwar der Grundsatz verankert "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuführen", allerdings ist nicht näher erläutert, welche Gründe exakt in Betracht kommen. So kritisiert auch der Deutsche Ethikrat in Person des Mitgliedes und Juristen Steffen Augsberg dieses Gesetz. Er kenne kein Rechtsgebiet, in dem so heuchlerisch vorgegangen werde wie im Tierschutzrecht. In der Realität würden den Tieren oft routinemäßig Schmerzen zugefügt. So ist die CO2-Betäubung von Schweinen mittlerweile Standard in 90 Prozent der großen Schlachthöfe.

Schlachtung
Schweineschlachtung in einer kleinen Schlachterei. Nach Elektrobetäubung wird dem Tier die Halsschlagader aufgeschnitten, so dass es langsam an der Ausblutung stirbt. Lebende Schweine erleben verängstigt den Tod ihrer Artgenossen mit, bevor sie als nächste geschlachtet werden. (© Dirk Gießelmann, soylent-network.com)

Die alternative Elektrobetäubung birgt ein weitaus höheres Risiko für Fehlbetäubungen. Mit der Folge, dass ein Tier den eigentlichen Tötungsvorgang – einen Schnitt durch die Kehle – noch bei Bewusstsein erlebt. Möglich ist auch, dass die Betäubung zwar erfolgreich war, aber der Kehlschnitt nicht korrekt ausgeführt wurde. Festzustellen ist dies erst beim anschließenden Produktionsabschnitt des Ausnehmens, wenn Wasser in der Lunge des Tiers entdeckt wird. Mitarbeiter der Fleischindustrie sprechen dabei von den sogenannten "Matrosen". Die Anzahl der fehlerhaften Betäubungen bei Schweinen wird von Aufsichtsbehörden auf rund 500.000 im Jahr geschätzt.

Rinder, Schafe und Ziegen werden mit einem Bolzenschuss betäubt. Hierbei wird ein Bolzen mit hoher Geschwindigkeit in den Schädel des in einer Fixierungsbox befindlichen Tieres gerammt. Fehlerquellen dabei sind defekte oder falsch angesetzte Bolzenschussgeräte oder schlichtweg eine plötzliche Kopfbewegung des Tieres. Die Quote der Fehlbetäubungen soll nach Hochrechnungen von Wissenschaftlern bei 7 bis 10 Prozent liegen.

Federtiere werden am Fließband bei vollem Bewusstsein kopfüber in ein Elektrobad getaucht. Schon allein diese Körperhaltung verursacht Stress und Schmerzen. Gerade wenn im Akkord nur versehentlich ein Bein eingehängt ist, besteht die Gefahr, dass ein Tier den Kopf hebt, was eine anschließende Betäubung ausschließt, so dass das Tier den Entblutungsvorgang bei vollem Bewusstsein miterlebt. Die alternative Betäubungsart wäre dann wieder das CO2-Verfahren.

Gleichwohl, die deutsche Fleischwirtschaft sucht nach Verbesserungen. Im Jahre 2010 wurde die Tönnies Forschung gegründet. Mit der Zielsetzung "im Bereich Tierschutz nachhaltige Verbesserungen des Schutzes der Tiere forschungsseitig zu initiieren, organisieren und zu fördern". Trotz der EU-Zulassung einer CO2-Betäubung forschte Tönnies an alternativen Gasformen oder war an Forschungsprojekten des Bundes beteiligt. Bis heute allerdings ohne jeglichen Erfolg. Das Unterfangen, beim Schlachtprozess Tierschutz zu integrieren, ist ähnlich erfolgversprechend wie das Vorhaben, mit dem Auto von Hamburg nach München zu fahren und dabei seine Reifen nicht abzufahren.

Beispielbild
Schweinekadaver im Schlachthaus, aufgehängt zur Weiterverarbeitung für den menschlichen Verzehr. (© Dirk Gießelmann, soylent-network.com)

Der vermeintliche Kontrolleur beim eigentlichen Schlachtvorgang, ein Veterinärmediziner, ist seinem eigentlichen Berufsbild, der Heilung von kranken Tieren, vollends entrückt. Von Beruf im Sinne von "Berufung" und Berufsethos kann hier eigentlich nicht mehr die Rede sein. Tierärztliche Behandlungen in Schlachthäusern sind nicht vorgesehen, lediglich Nottötungen. Ein Veterinär in einem Schlachthaus kontrolliert Gesetze. Gesetze, gemacht von Menschen für Menschen, um unter dem Grundprinzip der Unterdrückung und maximalen Ausbeutung Tiere vor Menschen zu schützen – und das an einem Ort, an dem Tiere unter industriellen Bedingungen in großer Zahl getötet werden. Ein Veterinärmediziner an diesem Ort, das ist eigentlich ein Paradoxon.

Auswege aus dem Tierleid

Das Problem scheint nicht, dass Menschen Fleisch essen, sondern dass viele Menschen viel Fleisch essen. Fleisch als Billigprodukt, unter kostengünstigsten Bedingungen hergestellt. Beim Gang durch den Supermarkt zwischen Obsttheke und Konserven ein Halt am Fleischregal. Das Tier hinter dem Fleisch ist unsichtbar geworden. Lediglich ein kurzer Blick auf Augen hinter Gitterstäben in vorbeifahrenden Lastwagen lässt uns das Leben in Mastställen und das Sterben in Schlachthäusern erahnen und für einen winzigen Moment in unser Gedächtnis zurückholen.

Fleisch als Beute durch Jagd gab es nur zu Urzeiten. Sehr schnell begann man, Tiere zu züchten und zu schlachten – einmalig und einzigartig in der Natur. Zuerst im häuslichen Bereich, dann in den ersten Schlachthäusern. Bei zunehmender Überbevölkerung entstanden immer größere Mastställe und schließlich die industriell arbeitende Fleischverarbeitung. Der Koloss Fleischwirtschaft hat seine Kapazitätsgrenzen noch längst nicht erreicht, in seiner Ausdehnung aber die Grenzen von Moral und Ethik schon lange überschritten. Es hat sich im Laufe der Jahrzehnte ein fulminanter Kreislauf aus billigem Fleisch und kaufwilligen Verbrauchern entwickelt, der sich pausenlos um eine Achse aus lebenden Tieren dreht. Schockvideos von Aktionsgruppen, Kampagnen von Tierschutzorganisationen und Kennzeichnung von Haltung und Herkunft können diese Rotation nicht stoppen oder ins Wanken bringen. Kenntnisnahme und Akzeptanz erscheinen einfacher als Reaktion und Verzicht. Das Handeln des Einzelnen erscheint zu verpuffen in einer millionenschweren Masse der Unbeweglichen.

Aber es gibt Menschen, die ausscheren aus diesem anscheinend nicht zu stoppenden Kreislauf. 10 Prozent der deutschen Bevölkerung ernähren sich vegetarisch und 2 Prozent vegan. Mittlerweile 55 Prozent bezeichnen sich als Flexitarier, sie versuchen bewusst weniger tierische Lebensmittel zu konsumieren. Hauptgrund bei allen ist der Tierschutz, gefolgt von Umwelt und Klima. Lediglich 3 Prozent verzichten aus gesundheitlichen Gründen auf Fleisch. Der Umsatz von vegetarischen und veganen Lebensmittel in Deutschland beträgt 1,2 Milliarden Euro im Jahr. Wie weit diese Menschengruppe im bleibenden Trend noch wächst, bleibt abzuwarten, immerhin scheint aber das Größenwachstum der Fleischindustrie gestoppt zu sein.

Eine weltweit ausschließlich vegetarische Ernährung ist hypothetisch, aber scheinbar in der Praxis durchführbar. Jüngst kam ein internationales Forscherteam zu dem Ergebnis, dass sich auf einer Fläche, auf der sich 100 Kilogramm pflanzliche Nahrung erzeugen lassen, nur 4 Kilogramm Rindfleisch herstellen lässt. Selbst bei Hühnerfleisch ergab der Verlust 50 Prozent. Anders gesagt: Mit pflanzlicher Nahrung kann man auf der gleichen Fläche mindestens doppelt so viele Proteine beziehungsweise Kalorien erzeugen wie mit Tierhaltung. Offen bleibt die Frage, ob die Menschheit zu einer radikalen Umstellung willens ist.

Die Zukunft: In-vitro-Fleisch

Schon seit 1994 forscht man mit In-vitro-Fleisch (von lateinisch: in vitro "im Glas") – Laborfleisch aus Gewebezüchtung mit dem Ziel, Fleisch zum menschlichen Verzehr synthetisch herzustellen. Pionier auf diesem Gebiet war Mark Post von der Universität Maastricht, der im Jahre 2013 den ersten aus Muskelzellen hergestellten Rindfleisch-Burger präsentierte. Mittlerweile arbeiten 50 Unternehmen weltweit an diesem Projekt und im Jahre 2021 konnten in Singapur erstmalig Chicken Nuggets als kommerzielles Produkt auf dem Markt gebracht werden. Bekannte Kapitalgeber beteiligen sich mit großen Summen an den Forschungen: Bill Gates, Sergey Brin (Mitbegründer Google), der britische Milliardär Richard Bronson (Virgin).

Im Kern benutzen alle die gleiche Technologie. Mittels Biopsie werden aus dem Muskelgewebe von Rindern Stammzellen entnommen, die sich dann in Zellkulturen wieder teilen und vermehren. So entsteht nach gewisser Zeit Muskelgewebe mit faseriger Struktur, ähnlich wie bei einem natürlichen Tier.

Aber man benötigt weiterhin lebende Tiere zur Herstellung, wenn auch bedeutend weniger. Um das Fleisch letztendlich wachsen lassen zu können, bedarf es einer Nährlösung. Dabei gilt Kälberserum als bestes Medium. Es wird aus dem Blut der noch schlagenden Herzen von Kälberföten entnommen. Das Kalb stirbt dabei. Mark Post mit seinem Unternehmen "Mosa Meat" hat im Sommer 2020 verkündet, dass man jetzt als Nährlösung Kollagen aus Knochen von Rindern und Schweinen herstellen kann. An pflanzlichen und somit tierfreien Methoden würde intensiv geforscht.

Irgendwann, in nicht allzu weiter Zukunft, wird sich die Welt weiter verändert haben. Und die Menschen werden Fleisch ohne Tierleid essen. Sie werden auf uns zurückblicken und sich vielleicht die Frage stellen: "Was habt ihr damals gemacht?"

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