So viele Atheisten sind Mitglied in den Kirchen

Um ihre Dogmen in gesellschaftlichen Debatten durchzusetzen, verweisen die Kirchen gern auf ihre Mitgliederzahlen. Das soll ihren angeblich großen Rückhalt in der Bevölkerung suggerieren: Wer einer Kirche angehört, teilt doch auch den Glauben an Gott und seine Gebote – oder etwa nicht? Der Schein trügt: Viele formelle Kirchenmitglieder vertreten in Wahrheit eine atheistische oder agnostische Überzeugung.

Das zeigt eine aktuelle Untersuchung der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid). Als Grundlage diente die jüngste ALLBUS-Umfrage aus dem Jahr 2023. Darin bejahten 36 Prozent aller Befragten die Aussage: "Ich glaube nicht, dass es einen persönlichen Gott, irgendein höheres Wesen oder eine geistige Macht gibt." Sie bezeichneten sich damit als Atheisten. Dennoch war ein beträchtlicher Anteil dieser Gruppe, nämlich 30 Prozent, Mitglied in einer christlichen oder anderen Religionsgemeinschaft. Die meisten (16 Prozent) gehörten einer evangelischen Landeskirche an, weitere 13 Prozent waren Katholiken und 1 Prozent rechneten sich kleineren christlichen und anderen Religionsgemeinschaften zu.

Ein ähnliches Bild ergibt sich für die Gruppe der Agnostiker, bei fowid auch "Atheisten light" genannt. Darunter fallen diejenigen Personen, die in der ALLBUS-Befragung angaben: "Ich weiß nicht richtig, was ich glauben soll". Mit 58 Prozent ist in dieser Gruppe sogar die Mehrheit Mitglied in einer Kirche, darunter jeweils 29 Prozent Katholiken und Evangelische (EKD). Weitere 37 Prozent der Agnostiker sind Konfessionsfreie, der Rest entfällt auf andere Religionsgemeinschaften.

Im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte ist bei den Atheisten die Quote der Konfessionsfreien stetig angestiegen, wie fowid ebenfalls darlegt. Machten die Konfessionsfreien 2002 noch 57,3 Prozent aller Atheisten aus, waren es 2012 bereits 61,2 Prozent und 2023 schließlich 70,1 Prozent. Dagegen hat sich unter den Angehörigen der evangelischen (EKD-)Kirche die Quote der Atheisten im selben Zeitraum halbiert. 2002 waren es 29,4 Prozent, 2012 dann 19,8 Prozent und 2023 nur noch 15,7 Prozent. Eine leichte Erhöhung des Atheisten-Anteils von 11,7 Prozent (2002) auf 12,9 Prozent (2023) ist bei der katholischen Kirche zu verzeichnen.

Auch bei den Agnostikern zeigen sich im Zeitverlauf deutliche Tendenzen. So stieg die Quote der Konfessionsfreien in dieser Gruppe von 26,7 Prozent (2002) auf 37,4 Prozent an. Dagegen ist der Anteil der katholischen und evangelischen (EKD-)Christen rückläufig. 2002 machten die EKD-Evangelischen noch 40,2 Prozent der Agnostiker aus, 2023 waren es 28,9 Prozent. Bei den Katholiken zeigt sich ein schwächerer Trend von 30,6 Prozent 2022 auf 29 Prozent Agnostiker 2023. Ob über die Jahre immer mehr Personen mit atheistischer und agnostischer Überzeugung aus den Kirchen ausgetreten sind, um konfessionsfrei zu leben, wäre Stoff für künftige Untersuchungen.

Die ALLBUS-Umfrage ("Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften") wird seit 1980 regelmäßig vom GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften durchgeführt. Dabei erfragt man bei einer repräsentativen Stichprobe der Bevölkerung Deutschlands (jeweils 2.800 bis 3.500 Teilnehmer) in persönlichen Interviews neben der weltanschaulichen Überzeugung auch Einstellungen, Verhaltensweisen und Sozialstruktur.

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Kommentare (10)

Jürgen Rosner (nicht überprüft)

Di. 11 Mär 2025 - 12:45

Ich habe viele befreundete agnostische / atheistische Lehrer, welche alle noch in der Kirche sind, weil sie Nachteile befürchten, sollten sie aus der Kirche austreten.

Und ich kenne Familien die wegen der Schwierigkeiten, einen Platz in einer OGS (offene Ganztagsgrundschule) zu bekommen, ihre Kinder kurz vor Schuleintritt noch taufen lassen. Kirchliche Träger bevorzugen bei der Vergabe der Plätze nämlich getaufte Kinder, und da beide Eltern arbeiten, besteht da ein gewisser Zwang...

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Mi. 12 Mär 2025 - 11:21

Antwort auf von Jürgen Rosner (nicht überprüft)

@ Jürgen Rosner:
Das zeigt deutlich den Tatbestand der Erpressung, eben Kirche wie sie immer war und noch
immer ist, im Grunde genommen kriminell und verlogen.

Helene (nicht überprüft)

Do. 13 Mär 2025 - 10:20

Antwort auf von Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Genau.. zusammenfassend sind in der Kirche mehr auf den eigenen Vorteil bedachte Opportunisten als außerhalb.

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Di. 11 Mär 2025 - 15:27

Dieser Trent sollte bis zum Punkt Null kommen und es würden Gelder frei für wichtigere Dinge in der BRD und die Menschen hätten ein Problem weniger, welches nur auf Märchen aufgebaut ist und Unsummen an Geldern verschwendet für nichts reales.
Auch ohne Kirchen können wir vernünftig wichtige Angelegenheiten zum Wohle Bedürftiger Menschen angreifen, ohne sinnlose heiligen Attribute dabei zu glauben, das nennt man dann eben Humanismus, außerdem würde die Anzahl missbrauchter Kinder schrumpfen
und diese würden nicht mehr indoktriniert mit ausgedachten Hoffnungen und Ängsten.

Sabine M. (nicht überprüft)

Di. 11 Mär 2025 - 18:54

Ich erinnere mich an eine IBKA-Umfrage, bei der der Anteil der Kirchenmitglieder im Bundestag erfragt wurde. Er war erschreckend hoch. Abgesehen von möglichem Gottesglauben spielen sicher die Möglichkeiten u. Vorteile des sozialen Netzwerkens und Kontaktens bei den üblichen Kirchenbräuchen/-festen in den vorhandenen guten (warum wohl??) Strukturen eine Rolle, besonders bei Familien mit Kindern.

A.S. (nicht überprüft)

Mi. 12 Mär 2025 - 21:40

Viele Menschen bleiben aus sozialem Druck in der Kirche/in ihrer Religionsgemeinschaft. Ein weitere Grund ist berufliche Diskriminierung.

Helene (nicht überprüft)

Do. 13 Mär 2025 - 10:16

Es gibt eben auch andere Gründe in der Kirche zu sein als persönliche Überzeugung: Angst um den Arbeitsplatz bei der Diakonie, familiäre Erwartung, Ausgrenzung in religiösen Gegenden.

AW (nicht überprüft)

Mi. 2 Apr 2025 - 12:55

Philipp Amthor
Späte Taufe, schneller Aufstieg
Der CDU-Politiker setzte im Dezember 2019 ein Zeichen gegen den Trend: Er ließ sich katholisch taufen. Wenige Monate später wurde er in den Diözesanrat berufen, das höchste Laiengremium des Erzbistums Berlin. In einem Protestbrief erklären Gläubige, warum sie sich von Amthor nicht vertreten fühlen.

Von Thomas Klatt | 29.06.2020

Inge Hüsgen

Die Autorin ist die Chefredakteurin des "Skeptiker", der Vierteljahreszeitschrift der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) sowie Redakteurin beim Humanistischen Pressedienst.

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