Volkslieder als Therapie bei Demenzerkrankungen

Lieder gegen das Alzheimer'sche Vergessen

Was das weiße Rauschen für den Klang ist, ist die Demenz für die Fantasie und das Gedächtnis. Ein Rauschen, in dem sich alle Frequenzanteile in etwa gleich laut anhören, ist wie ein Klangklumpen, der keine Melodie hat, kein hoch und runter, keine Modulation besitzt. Bei der Demenzerkrankung verschwindet mehr und mehr das Gestern und Heute, das Jetzt und Morgen – und die Motorik. Steinalte Menschen werden so hilflos wie Babys. Und dann wird es sehr still. Wiebke Hoogklimmer tut was dagegen.

Ein Leben für die Musik

Wiebke ist gebürtige Hannoveranerin und lebt in Berlin. Sie ist Altistin und Musiktheaterregisseurin. Sie arbeitet unter anderem an der Niedersächsischen Staatsoper Hannover, an der Hamburger Staatsoper und der Deutschen Oper Berlin. Der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Hamburg lässt sie ein Gesangstudium folgen. Ab 1988 sammelt sie solistische Bühnenerfahrungen. Ab 2003 veröffentlicht sie mehrere CDs, und mit ihrer zweiten Leidenschaft, dem Film, ist sie seit 1986 stark verbunden: als Produktionsassistentin, Kuratorin von Filmfestivals, Regieassistentin.

Ein Leben für die Kunst, die Kultur, den schönen Geist, die Muse und das Herz, so mag man meinen. Ein freiberufliches Leben, das nach innerem Wachstum und Erweiterung des künstlerischen Horizontes strebt – ein schönes Leben. Doch 2000 erkrankt ihre Mutter an Demenz. Und alles wird anders...

Volkskrankheit Alzheimer

In 60% der weltweiten Demenzerkrankungen ist die Alzheimer Krankheit (kurz: AK oder Alzheimer) die Ursache. Sie degeneriert die Nerven, verändert das Gehirn, lässt es schrumpfen, macht es kaputt. Neben Schleifen aus wiederholten Geschichten, Sätzen und Wörtern zeigen sich zunehmend Wortfindungsstörungen, Erinnerungslücken und Desorientierung. Alltagskleinigkeiten werden verlernt. Es verschlechtert sich ganz allgemein die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit. Lesen, schreiben, sprechen, kommunizieren – all das wird schwierig, schmiert ab und wird schließlich gänzlich unmöglich. Körperkontakt ist oft die einzige Möglichkeit noch eine Verbindung zum Betroffenen herzustellen. Aktuell leiden mehr als 24 Mio. Menschen an der Erkrankung. Vermutet wird eine hohe Dunkelziffer. In Deutschland sind es rund 1,3 Mio. Tendenz steigend.

Ein Lied als Brücke

Als der Gesundheitszustand von Wiebkes Mutter in ihrem Stift rapide sinkt und es ihr klar wird, dass nicht mehr viel geht, Gespräche zu Monologen mutieren, beginnt sie ihrer Mutter Volkslieder vorzusingen. Lieder, die ihre Mutter in ihrer großen Liederbuchsammlung hat, Lieder, welche die Familie, früher im Schwarzwald, beim Wandern gesungen hatte. Aus dem sprachlosen Nebel, in dem ihre Mutter bereits versunken war, blitzen plötzlich Zeichen der klaren Anteilnahme auf: sie reagiert, ein Zucken im Gesicht, sie sagt "schön", ein Lachen und Weinen, ein Brabbeln, das offensichtlich von ihrer Erregung stammt und der Versuch ist, das "sim sa la dim bam ba" vom Kuckuck auf dem Baume mitzusingen ("Auf einem Baum ein Kuckuck", Volkslied von ca. 1830, Text und Melodie unbekannt).

Musik als Schlüssel

Hier wächst die Idee bei Wiebke Hoogklimmer heran, auch anderen Menschen auf diese Weise den Zugang zu ihren dementen Angehörigen zu ermöglichen. Den Liebsten damit helfen zu können, dass altes Liedgut gemeinsam wieder entdeckt wird. Indem man mit der Sängerin auf einer CD mitsingt. Mit großer Textverständlichkeit und in tiefer Tonlage, da ältere Menschen oft schlechter hören und mit zunehmendem Alter eine tiefere Stimme bekommen, das Mitsingen der gewöhnlichen Tonhöhen dieser Lieder sonst zu anstrengend, zu schwierig wäre. Und so veröffentlicht Wiebke seit 2011 mehrere CDs mit Volksliedern auf ihrem eigenen Label Pfefferkuchen Records. Zuletzt erscheint im Oktober 2016 "Weihnachtslieder – Musik als Schlüssel zu Menschen mit Demenz". Es sind 28 gesungene Lieder ohne Instrumentalbegleitung, flankiert von einem Weihnachtsliederbuch in Großdruckbuchstaben. Um auch das gemeinsame Lesen der Liedtexte in dieser schwierigen Situation entscheidend zu erleichtern.

Ausschnitt aus einem Interview mit Wiebke Hoogklimmer

hpd: Im September 2014 verstarb Deine Mutter. Hast Du ihr bis zum Schluss vorgesungen?

Wiebke Hoogklimmer: Ich habe bis zum Schluss meiner Mutter vorgesungen. Allerdings nicht, als sie am Hinübergehen war. Um sie nicht zu stören und ihr den Abschied zu erleichtern. Meine allerschönste Erinnerung in dieser Abschiedszeit war, dass ich einmal meinen Arm unter ihren Nacken gelegt hatte, um ihr das Gefühl einer Umarmung zu geben und ich ihr sehr leise – wie einem Baby – vorsang. Ich musste auch daran denken, dass ich dieses Geschenk der Innigkeit nie erlebt hätte, wäre meine Mutter vollkommen gesund gealtert. Und sie, die sich überhaupt nicht selbstständig bewegen konnte, kuschelte ihr Köpfchen immer mehr in meine Ellenbogenbeuge. Das war das Gefühl der absoluten Geborgenheit.

Worum musste sich die Tochter Wiebke kümmern, als die beginnende Erkrankung der Mutter offensichtlich wurde – und weiter fortschritt?

Man hat ja plötzlich ein Kind. Ich habe meine Mutter im Rückwärtsstadium als Sechzehnjährige, Zwölfjährige, Sechsjährige, Zweijährige und Neugeborene kennengelernt. Und alles, was man für Kinder organisieren muss, muss man dann auch für die Mutter organisieren. Nur mit dem Unterschied, dass Kinder immer selbstständiger werden, die Mutter immer unselbstständiger. Geldgeschäfte, häuslicher Pflegedienst, Essendienst, Pflegestufen, GEZ-Befreiung, Rollator-, Rollstuhlbeantragung, Schwerbeschädigteneinstufung. Es ist viel Papierkram! Und da ja erst einmal alles abgelehnt wird, doppelter, dreifacher und vierfacher Papierkram. Und viele Nerven!

Das ganze Interview mit Wiebke Hoogklimmer können Sie am Montag im hpd lesen.

Epilog: Ein kleiner Hoffnungsschimmer

Neueste Forschungen bezüglich der Alzheimer-Demenz lassen vermuten, dass krankheitserregende Eiweißablagerungen im Gehirn entscheidend daran beteiligt sind. Auf dem 90. deutschen Neurologenkongress, der vom 20. – 23. September 2017 in Leipzig stattfand, berichtete eine Wissenschaftlerin, dass man mit geeigneten Nahrungsmitteln dem neuronalen Abbau im Gehirn vorbeugen könne. Wenn auch genetische Faktoren manchmal eine entscheidende Rolle für den Ausbruch der Krankheit spielen, die man, Stand heute, noch nicht beeinflussen kann, so ist mit der richtigen Ernährung eine gewisse Prävention möglich. Aktuell werden Studien mit hochdosiertem Spermidin in Kapseln durchgeführt. Spermidin findet sich in unserer Nahrung zum Beispiel in Sojabohnen, Weizenkeimen, Grapefruits. Die ersten Ergebnisse dieser Studien nähren die Hoffnung, dass die Selbstreinigungskräfte des Gehirns damit positiv beeinflusst werden können – und so der altersbedingten Demenz entgegenwirken können. Prinzipiell werden mediterrane Ernährungsmuster gelobt, um Alzheimer möglicherweise ein Bein stellen und es altersmäßig so verschieben zu können, dass wir es gar nicht mehr erleben. Viel Obst, viel Gemüse, ungesättigte Fettsäuren (natives Olivenöl), leichter roter Wein, wenig raffinierte Produkte (Industriezucker, geschältes Getreide, usw.), wenig rotes Fleisch – das könnte der Königsweg für die Prävention von Alzheimer sein. Begleitet von ausreichend Omega-3-Fettsäuren und einer ganze Palette an B-Vitaminen. Das Ganze am besten bio - aber das ist ja klar. Oder?!