Debatte um Krankschreibungen

Friedrich Merz und die Verwechslung von Zahlen mit Ökonomie

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Wegen Krankheit bleibt manche Arbeit liegen, die dann nachgeholt werden muss.
Arbeitsplatz

Wenn steigende Krankentage wieder einmal als Beleg für mangelnde Leistungsbereitschaft herhalten müssen und daraus eine Korrekturbedürftigkeit der Sozialgesetzgebung abgeleitet wird, ist die Debatte so alt wie unerquicklich. Neu ist lediglich die Selbstsicherheit, mit der altbekannte Denkfehler als wirtschaftspolitische Einsichten präsentiert werden. Friedrich Merz liefert dafür derzeit ein besonders plakatives Beispiel.

Es gehört zu den verlässlichsten Ritualen der Arbeitsmarktdebatte: Steigen die Krankentage, wird eine Zahl aufgerufen, bedeutungsvoll in den Raum gestellt – und als Symptom moralischen Verfalls gedeutet. Dass Friedrich Merz dieses Ritual erneut bedient, überrascht kaum. Überraschend ist höchstens, mit welcher Chuzpe dabei Statistik als Ersatz für Analyse dient.

Die magische Zahl lautet diesmal: 14,5 Krankheitstage pro Arbeitnehmer und Jahr. Sie klingt dramatisch, sie klingt teuer – und sie wirkt. Genau dafür ist sie geeignet. Ökonomisch belastbar ist sie allerdings nur für jemanden, der Zahlen für Argumente hält.

Denn es handelt sich um einen arithmetischen Mittelwert, gemeinhin als "Durchschnitt" bekannt. Er wirft Beschäftigte mit ein oder zwei Erkältungen pro Jahr mit Menschen zusammen, die aufgrund chronischer Erkrankungen, schwerer Operationen, Chemotherapien oder gesundheitlicher Folgen der Pandemie wie Long Covid und ME/CFS über längere Zeiträume ausfallen. Ein Medianwert, der die ungleiche Verteilung des Krankenstandes innerhalb der Gesamtmenge der Arbeitnehmer deutlich werden ließe, ist leider nicht verfügbar. Wer auf Basis des Durchschnitts so argumentiert wie Merz, will nicht verstehen, sondern beeindrucken.

Arbeitstage, keine Kalendertage – und keine Dekadenz

Hinzu kommt: Die 14,5 Tage beziehen sich auf Arbeitstage, nicht auf Kalendertage. Der Anteil der Arbeitnehmer mit mindestens einer Krankschreibung (Krankheitsquote) lag 2024 bei etwa 5,9 Prozent – unter Einschluss aller schweren und langfristigen Erkrankungen.

Zwei bis drei stärkere grippale Infekte pro Jahr reichen im Einzelfall dafür bereits aus. Das ist kein Ausdruck nachlassender Arbeitsmoral, sondern ein völlig unaufgeregter Befund über menschliche Physiologie in einer verdichteten Arbeitswelt. Mit Schwankungen in beide Richtungen, die in der Regel gut begründbar sind (vollständigere Erfassung durch die elektronische Krankschreibung, Corona-Folgeeffekte usw.).

Produktivität ist keine Anwesenheitsstatistik

Spätestens hier wird es für jemanden, der gern den ökonomisch Nüchternen gibt, unerquicklich. Denn die bloße Zahl der Fehltage und erst recht nicht ihr Durchschnitt quer über die Arbeitnehmerschaft sagt nichts über Produktivität aus. Produktivität bemisst sich nicht an Anwesenheit, sondern an nachhaltigem Output, Qualität und Stabilität.

Menschen, die krank arbeiten, leisten weniger, machen mehr Fehler, gefährden andere und verlängern häufig ihre eigene Erkrankung. Präsentismus ist kein Zeichen von Leistungswillen, sondern ein Kostenfaktor – betrieblich wie volkswirtschaftlich. Diese Zusammenhänge sind arbeitswissenschaftlich seit Jahrzehnten belegt. Wer diesen Zusammenhang dennoch ignoriert und Präsentismus weiter forcieren möchte, landet folgerichtig bei Vorschlägen wie dem – auch vom Kanzler erwähnten – Karenztag.

Arbeitszeitgesetzgebung und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sind daher keine sozialromantischen Relikte, sondern funktionale Elemente moderner Marktwirtschaft. Sie schützen Beschäftigte vor Überforderung – und Unternehmen vor den Folgen überforderter Arbeitskräfte.

Der Mythos vom verlorenen Arbeitstag

Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall schützt abhängig Beschäftigte. Sie richtet sich an jene, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, nicht an jene, die über Arbeitskraft frei verfügen können. Wer seine Zeit selbst disponiert, Boni bezieht und Verantwortung delegiert, bewegt sich strukturell außerhalb dieses Schutzraums.

Gerade aus dieser Perspektive heraus wirkt dann auch die Rede vom "verlorenen Arbeitstag" so eigentümlich schief. Sie setzt ein Arbeitsmodell voraus, in dem Leistung beliebig austauschbar ist. Dieses Modell mag in Teilen der industriellen Produktion greifen – auf große Bereiche moderner Wissens- und Dienstleistungsarbeit trifft es nicht zu.

In hoch spezialisierten Funktionen – Prüfung, Revision, Beratung, Entwicklung, Steuerung – übernimmt bei krankheitsbedingter Abwesenheit in der Regel niemand kurzfristig "die Arbeit". Entscheidungen werden vertagt, Analysen bleiben liegen, Bewertungen werden aufgeschoben. Die Arbeit verschwindet nicht, sie staut sich und muss nach der Rückkehr nachgeholt, aufbereitet und oft unter erhöhtem Zeitdruck erledigt werden.

Ökonomisch entsteht so kein Produktivitätsgewinn durch Anwesenheitsdruck, sondern lediglich eine zeitliche Verschiebung der Leistung. Präsentismus verschärft das eher noch. Wer krank arbeitet, produziert nicht mehr, sondern schlechter. Gerade dort, wo Verantwortung, Kontrolle und Qualität zählen, ist das kein Nebeneffekt, sondern ein handfestes Problem.

Die Gleichsetzung von Krankheitstagen mit Leistungsverweigerung ist daher nicht nur sozialpolitisch schief, sondern ökonomisch unhaltbar. Sie operiert mit einem Fließbandbild der Arbeit in einer Welt, die längst von Spezialisierung, Wissensmonopolen und Verantwortung geprägt ist.

Karenztage: Wenn Krankheit zum Geschäftsmodell wird

Spätestens an dieser Stelle lohnt es sich, die Debatte zuzuspitzen. Denn solange unklar bleibt, welches Problem eigentlich gelöst werden soll, bleibt auch jede politische Forderung folgenlos vage. Genau das ist derzeit zu beobachten.

Wenn Friedrich Merz steigende Krankheitstage problematisiert, sagt er nicht, ob er einen Wertschöpfungsausfall meint oder eine finanzielle Belastung der Arbeitgeber durch die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Beides wird rhetorisch vermengt – obwohl es sich um grundverschiedene Fragen handelt.

Gerade deshalb ist es entscheidend, das Argument des Wertschöpfungsausfalls sauber zu prüfen. Denn in vielen dienstleistungs- und wissensintensiven Tätigkeiten – insbesondere in spezialisierten Funktionen – findet – wie schon gezeigt – bei krankheitsbedingter Abwesenheit kein nachhaltiger Produktionsausfall statt. Die Arbeit wird nicht von anderen übernommen, sie entfällt nicht, sie wird verschoben. Nach der Rückkehr wird sie nachgeholt, häufig unter erhöhtem Zeitdruck.

Ökonomisch bedeutet das: Die Wertschöpfung findet statt – nur zeitversetzt. Was ausfällt, ist nicht die Leistung, sondern die Anwesenheit.

Vor diesem Hintergrund bekommt der Vorschlag eines Karenztags eine bemerkenswerte Bedeutung. Wird bei insgesamt gleichbleibender Leistung ein Teil des Lohns einbehalten, dann entsteht per Saldo ein finanzieller Vorteil für den Arbeitgeber. Die Arbeit wird erbracht, die Vergütung teilweise nicht gezahlt.

Man kann das klar benennen: Der Karenztag verwandelt Krankheit bei vielen Dienstleistungs- und Spezialberufen in einen betriebswirtschaftlichen Ertrag.

Damit kippt das moralische Narrativ, dessen Merz sich mehr oder weniger direkt bedient, vollständig. Was als Reaktion auf angebliche Leistungsverweigerung verkauft wird, erweist sich als Kostenverlagerung zulasten vieler Beschäftigter, finanziert aus einem allgemeinen Lebensrisiko. Krankheit wird nicht als biologisch normale, unvermeidbare Realität behandelt, sondern als individuelles Risiko, das sich betriebswirtschaftlich abschöpfen lässt.

Dass diese Konsequenz selten offen ausgesprochen wird, ist nachvollziehbar. Denn dann müsste man die eigentliche Frage diskutieren: Wer soll das Risiko von Krankheit tragen – der Einzelne oder die Solidargemeinschaft?

Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist historisch genau deshalb eingeführt worden: Um Krankheit nicht zu individualisieren und nicht zu sanktionieren. Der Karenztag kehrt dieses Prinzip um – stillschweigend, technisch, scheinbar vernünftig. Er ist kein Instrument zur Steigerung von Produktivität, sondern zur Senkung von Lohnkosten, legitimiert durch ein moralisches Zerrbild von "zu vielen Krankentagen".

Das ist keine ökonomische Notwendigkeit, sondern eine politische Entscheidung. Man kann sie vertreten. Man sollte sie dann aber auch ehrlich benennen – und nicht hinter diffusen Produktivitätsbehauptungen verstecken.

Alter Wein, alte Schläuche, alte Denkfehler

Damit schließt sich der Kreis. Die Klage über angeblich ausufernde Krankentage ist kein Beitrag zur Produktivitätsdebatte, sondern ein sozial codiertes Ressentiment. Sie wird von jenen vorgetragen und mit Beifall bedacht, für die Krankheit kein existenzielles Risiko ist.

Was hier als wirtschaftspolitischer Realismus verkauft wird, ist alter Wein in alten Schläuchen: Große Zahlen, kleine Analyse – und eine politische Entscheidung, die sich als Sachzwang tarnt. Friedrich Merz verwechselt Statistik mit Moral, Anwesenheit mit Leistung und Härte mit Ökonomie.

Und ja – man könnte an dieser Stelle einen berühmten Berliner Maler zitieren. Aber ersparen wir uns das.

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