Interview: 25 Jahre Alibri Verlag

"Unsere Bücher sollen zu gesellschaftlichen Veränderungen beitragen"

Religionskritische Bücher haben es nicht immer leicht auf dem Buchmarkt. Genau deshalb hat sich der Aschaffenburger Alibri Verlag auf sie spezialisiert und wurde so in den vergangenen Jahrzehnten zum führenden Verlag für religionskritische Publikationen im deutschsprachigen Raum. In diesem Jahr feiert der Verlag sein 25-jähriges Bestehen. Im Interview mit dem hpd erläutert Verleger Gunnar Schedel, warum Alibri bei kontroversen Debatten innerhalb der säkularen Szene eine Scharnierfunktion übernehmen kann und was der Verlag außer Religionskritik sonst noch alles zu bieten hat.

hpd: 25 Jahre Alibri – Glückwunsch! Habt ihr ordentlich gefeiert?

Schedel: Klar, war 'ne Riesenparty in den Verlagsräumen ... Schön wär's gewesen, aber natürlich hat uns die Corona-Epidemie da einen Strich durch die Planung gemacht. Eigentlich sollte das Jubiläum auf der Leipziger Buchmesse und mit unserem neuen Gesamtverzeichnis eingeläutet werden. Aber nachdem die Buchmesse und auch alle anderen Veranstaltungen bis in den Sommer hinein abgesagt wurden, konzentrieren wir uns jetzt auf Online-Aktivitäten. Seit letzter Woche stellen wir auf Facebook unsere Lieblingsbücher aus dem Verlagsprogramm vor und derzeit läuft auch noch ein Quiz zur Verlagsgeschichte. In den kommenden Monaten wird auf jeden Fall noch einiges über den Verlag zu erfahren sein. Aber machen wir uns nichts vor: Das Buch ist kein virtuelles Medium, es hat einen "sinnlichen" Anteil und eine Graphic Novel in der Hand zu haben, fühlt sich halt anders an, als auf dem Smartphone zu "blättern". Und genau dieses Erlebnis können wir grad nur sehr eingeschränkt bieten, weil wir im "echten Leben" nirgends präsent sein können und außer in Berlin ja nicht mal die Buchläden geöffnet haben.

Wie sieht denn euer Arbeitsalltag derzeit aus?

Im Moment läuft alles noch wie immer, aber auf Sparflamme. Im Büro gibt es eine Solo-Besetzung, was über den Webshop oder das Telefon an Bestellungen reinkommt, wird sofort bearbeitet. Der Rest kümmert sich im "Homeoffice" um die nächsten geplanten Neuerscheinungen. Zu welchem Termin welcher Titel erscheint, kann ich angesichts der massiven Umsatzausfälle zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht sagen. Die volle Wucht der Krise wird uns auf der Arbeitsebene erst im Frühsommer treffen.

Habt ihr dann überhaupt einen Grund zum Feiern?

Geht so. Letztes Jahr hat ja der größte Buchzwischenhändler im Februar Insolvenz angemeldet, was für uns zur Folge hatte, dass wir einen bedeutenden Teil der Weihnachtsgeschäftsumsätze in den Wind schreiben konnten. Es ist also das zweite Jahr in Folge, wo schon im Frühjahr klar ist, dass der Rest des Jahres vor allem aus Scherben zusammenkehren bestehen wird. Ich denke, wir sind einfallsreich genug, um auch diese Krise zu überleben. Aber alle Kreativität allein ins Überleben des Verlags zu stecken, ist eigentlich nicht unser Anspruch.

Was ist denn euer Anspruch als Verlag?

Eben nicht nur als Verlag, also als Produzent von Büchern, zu agieren. Unsere Bücher sollen zu gesellschaftlichen Veränderungen beitragen. Dafür reicht es nicht aus, Texte gut zu lektorieren, ansehnlich zu gestalten und mit wohlgesetzten Worten zu bewerben.

Sondern?

Zum einen haben wir immer versucht, Debatten mitzugestalten. Wir haben den Positionen, die wir weitsichtig fanden, ein Podium gegeben, und das ging oft weit über die Arbeit an der Buchpublikation hinaus. Als beispielsweise 2003 die atheistische Hochschulgruppe in Trier (die damals nicht so heißen durfte), ihren Kongress zum Einfluss von Religion und Esoterik auf Bildung und Erziehung durchführte, haben wir das von Anfang an auch logistisch unterstützt. Denn hier wurde erstmals klar herausgearbeitet, dass die Privatisierungen im Bildungsbereich zur Stärkung kirchlicher und esoterischer Anbieter führen wird. Dass die Kirchen also auch in einer Marktsituation ihre Machtposition ausbauen können. Auch eine konsequente Trennung von Staat und Kirche würde hieran nichts ändern. Diesen ideologiekritischen Ansatz fanden wir wegweisend und dass die säkulare Szene ihn mit Blick auf andere Gesellschaftsbereiche nicht weiterverfolgt hat, gehört nach meiner Einschätzung zu ihren schwerwiegenderen Versäumnissen.

Dann versteht sich der Verlag als politischer Akteur?

In gewisser Weise ja. Aber, und das ist der zweite Punkt, es gibt einen bedeutenden Unterschied zu den Verbänden und Stiftungen. Die gewinnen ihr Profil dadurch, dass sie eine möglichst markante, gut wiedererkennbare Position vertreten. Bei uns ist es dagegen im Gegenteil die Möglichkeit, unterschiedliche Positionen nebeneinander zu stellen, die uns Profil gibt. Wir können gerade bei kontroversen Debatten innerhalb der säkularen Szene eine Scharnierfunktion übernehmen.

Aber das kann der Humanistische Pressedienst doch auch ...

Das ist richtig. Aber ich sehe da eine klare Aufgabenteilung: Der hpd sorgt für die Orientierung, was aktuell im "säkularen Themenfeld" passiert, wo Handlungsbedarf besteht. Bei Alibri erscheinen die längeren Texte, die diskutieren, wie die gesellschaftlichen Veränderungen denn herbeigeführt werden können. Und dann gibt es noch einen wichtigen Unterschied zum hpd ...

Ihr habt euren Platz im "Gutenberguniversum" ...

Ja, das meine ich aber nicht. Und seit Mai vergangenen Jahres, also seit die neue MIZ-Website online ist, stimmt das auch nicht mehr so uneingeschränkt. Es geht mir um die Finanzierung. Der hpd finanziert sich hauptsächlich durch die Beiträge des Fördervereins und durch Spenden, wir leben von unserem Umsatz. Da erfordert schon die überschaubare Größe der säkularen Szene, immer wieder Projekte zu machen, die auch andere Publikumskreise ansprechen. Auch in dieser Hinsicht kann der Verlag eine Scharnierfunktion übernehmen.

Es ist also richtig, wenn ich sage: Je mehr Bücher die Leute bei Alibri kaufen, desto mehr Aktivitäten könnt ihr entfalten.

Ja, wobei es ja nicht nur um die im Alibri Verlag erschienenen Bücher geht. Wir haben von Anfang an auch eine Art Versandbuchhandlung für Religionskritik, wissenschaftliches Weltbild und humanistische Philosophie betrieben, seit 2005 dann auch als Webshop unter der Adresse www.denkladen.de. Da gibt es natürlich ein ausgewähltes Sortiment, aber wer sich für diese Themen interessiert, kann entscheiden, ob er oder sie im denkladen kauft, und damit unsere Existenz als "säkularer Akteur" sichert. Es gibt sicherlich andere Shops, die vielleicht einen Tag schneller liefern, aber die verwenden das verdiente Geld halt auch anders.

Ob sich unser Modell weiter aufrechterhalten lässt, muss sich zeigen. Es lief schon mal besser, und wir müssten in den denkladen mehr Zeit und auch Geld für ein neues Shopsystem investieren. Aber da haben uns in den letzten Jahren das VG-Wort-Urteil und die KNV-Insolvenz die Planung verhagelt. Für dieses Jahr haben wir es uns nun wieder vorgenommen ...

Ich würde gerne auf euer politisches Engagement zurückkommen. Du sagtest "Scharnierfunktion" – kannst du dafür ein Beispiel nennen?

Als 1992 der Kongress gegen eine staatlich getragene Militärseelsorge in Leipzig stattfand, kamen dazu Leute aus verschiedenen säkularen Verbänden, der Friedensbewegung und innerkirchlich oppositionellen Kreisen zusammen. Wir haben den Kongress mitorganisiert und die Dokumentation herausgegeben. Das war zwar noch vor der Gründung von Alibri, aber wir waren damals ja schon unter dem Label IBDK aktiv.

Ganz Ähnliches ließe sich über die GerDiA-Kampagne sagen, die Kontakte ins gewerkschaftliche Spektrum und in den Antidiskriminierungsbereich geknüpft hat, was sich ja auch in Corinna Gekelers Studie Loyal dienen niedergeschlagen hat. Auch die Kampagne geht auf eine Initiative aus dem Verlag zurück.

Andere Aktionen wie das Kirchenaustrittsjahr waren stärker auf die Kerninteressen der säkularen Szene, hier die Finanzierung der Kirchen, zugeschnitten.

Aber ihr weitet das Programm ja mittlerweile in alle Richtungen aus. Die Kinderbücher übernehmen wohl keine Scharnierfunktion ...

Nein, so funktionieren Kinderbücher nicht. Aber ich denke schon, dass sie zu unserem Selbstverständnis passen. Es macht einen Unterschied, wie Kinder beispielsweise an das Thema Tod herangeführt werden. Wenn Yolanda nach dem Tod ihrer Mutter fragt, wo die denn jetzt ist, und zur Antwort erhält, vielleicht im Anblick einer Blumenwiese oder in ihrem kleinen Bruder, dann ist das ein Versuch, innerweltlichen Trost zu vermitteln. Ohne Spirifax.

Wie steht Alibri in 25 Jahren da?

Weiß nicht. Ich bin dann ja schon Geschichte. Die Entwicklung des Buchmarktes, oder allgemeiner des Informations- und Unterhaltungsmarktes, ist auf eine so lange Sicht nicht zu überblicken. Wenn der Verlag überleben will, müssen wir ein feines Gespür dafür entwickeln, was am Medium Buch zukunftsfähig ist. Wir müssen die digitalen Angebote ausbauen und wahrscheinlich brauchen wir mittelfristig eine vielfältigere Finanzierung.

Und dann kommt es natürlich auch auf den politischen Rahmen an. In einer Zeit, in der für große Teile der Linken Identität wichtiger ist als Emanzipation und Kritik, hat es unser universalistischer, der Aufklärung verpflichteter Ansatz schwer.

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