ASCHAFFENBURG. (hpd) Unmittelbar vor der Präsidentschaftswahl in den USA ist Heft 3/08 der MIZ (Materialien und Informationen zur Zeit) erschienen und befasst sich mit dem Verhältnis von Politik und Religion in jenem Land, in dem Religionsfreiheit gewissermaßen zum Gründungsmythos gehört.
Einer formalen, in der Verfassung verankerten Trennung von Staat und Kirchen steht ein großer Einfluss der Religion im Alltag gegenüber, wie René Hartmann im Editorial herausarbeitet.
Die christliche Rechte
Ausführlich wird die christliche Rechte vorgestellt, die in den letzten 30 Jahren ihr politisches Gewicht deutlich steigern konnte. Lukas Mihr stellt die Politikfelder vor, die besonders aktiv beackert werden; er gibt Einblicke in die Personalpolitik der Administration Bush (z.B. im Gesundheitsbereich) und er erklärt, wie es zusammenpasst, dass sich die christliche Rechte einerseits stets an die Seite Israels stellt, andererseits aber krude antijudaistische Vorstellungen pflegt.
Mihrs Überblick wird ergänzt durch einen Beitrag von Ait Chapel vom Center for Inquiry, in dem dieser den „March for Life" beschreibt, mit dem Zehntausende fundamentalistischer „Lebensschützer" alljährlich in Washington gegen Empfängnisverhütung, Stammzellenforschung, jegliche Form der Sterbehilfe (auch die Entfernung von Ernährungssonden bei hirntoten Menschen) und vor allem gegen den selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch demonstrieren.
In einem Interview mit Stuart Bechman, der soeben zum Präsidenten der Atheist Alliance International gewählt worden ist, geht es vor allem um die Situation der Atheisten in den USA. Dabei beschreibt Bechman die Strategie des religiösen Lagers, bereits das offene Bekenntnis zum Atheismus als „aggressiv" zu brandmarken und verbale oder sogar körperliche Angriffe auf Atheisten mit dieser vermeintlichen Aggressivität zu rechtfertigen. Was die anstehende Wahl angeht, sieht der AAI-Präsident durch die Nominierung von Sarah Palin einen Mobilisierungseffekt für den republikanischen Kandidaten im evangelikalen Lager. Da Palin jedoch so extrem antisäkular auftritt, geht er davon aus, dass auf der anderen Seite viele säkular eingestellte Menschen nun doch Obama wählen werden, obwohl seine Aussagen zur Trennung von Staat und Kirche für sie enttäuschend sind.
Maskierte konservative Sexualmoral
Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit wurde ein Gesetz verabschiedet, das Kinder und Jugendliche besser vor sexueller Ausbeutung schützen soll. Allerdings, so findet Oswald Berger, atmet es den Geist der „Schmutz- und Schundkampagnen" des 19. Jahrhunderts und bringt aufgrund ziemlich lebensfremder Bestimmungen für Jugendliche möglicherweise eher eine Kriminalisierung als einen wirkungsvollen Schutz.
Das christliche Menschenbild als Grundlage politischen Handelns greift Marcel Dobberstein an. Wer von der „Gottesbedürftigkeit" des Menschen ausgehe, schreibe ihm Demut und Gehorsam als angemessenes Verhalten zu - Eigenschaften, die wenig hilfreich sind, eine demokratische Gesellschaft mit Leben zu erfüllen. Wer Menschenwürde nicht als kulturelle Konvention verstehe, übersehe, dass eine an Gott geknüpfte Menschenwürde untrennbar mit der Gehorsamspflicht verbunden sei, folglich den Menschen in einen Zustand der Unwürde setze. Zudem werde dabei verkannt, dass Menschenwürde und Menschenrechte nie einfach vorhanden waren, sondern stets erkämpft werden mussten - nicht zuletzt gegen den massiven Widerstand der Religionen.
Weitere Beiträge befassen sich mit der Fahrtkostenerstattung für Kinder, die den Religionsunterricht nicht besuchen, mit der Kritik der Religionskritik und dem Islamischen Finanzwesen in Deutschland.
Daneben gibt es Rezensionen, Berichte über säkulare Veranstaltungen, Pressemitteilungen und Veröffentlichungen sowie die Internationale Rundschau mit einschlägigen Kurzmeldungen aus aller Welt.
Martin Bauer





