Skeptiker 2/2025 erschienen

Placebo – die Macht der Erwartung

Wie wirken sich die Erwartungen von Patienten auf den Erfolg einer Therapie aus? Und warum vertrauen viele auf Coaches, deren Methoden kaum fundiert sind? Medikamente ohne Wirkstoff – aber mit Wirkung: Was paradox klingt, wird in der Forschung immer wieder bestätigt. Das Phänomen ist als Placebo-Effekt bekannt und zeigt, in welchem Maße Erwartungen eine Behandlung beeinflussen können. Viele angebliche Triumphe der "Alternativmedizin" beruhen in Wahrheit auf dem Placebo-Effekt, doch auch geprüfte Therapien und Medikamente zeigen eine stärkere Wirkung, wenn die Erwartungen der Patienten positiv sind.

Mit solchen Phänomenen befasst sich Ulrike Bingel, Professorin für Klinische Neurowissenschaften und Leiterin des Zentrums für Schmerzmedizin an der Universitätsklinik Essen. Sie ist zudem Sprecherin des Sonderforschungsbereichs "Treatment Expectation" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der den Einfluss von Erwartungen auf den Behandlungserfolg untersucht. In der aktuellen Ausgabe des Skeptiker 2/2025 gibt sie einen Einblick in den Stand der Forschung und gewährt einen Blick in die Praxis. So zeigte eine von Bingel und ihren Kollegen 2017 durchgeführte Studie mit Hitzeschmerz-Reizen, dass ein Schmerzmittel per Infusion deutlich besser wirkt, wenn es offen verabreicht wird und der Arzt darüber informiert. Erfolgt die Infusion dagegen verdeckt – also ohne Aufklärung des Patienten – bleibt die Wirkung nur moderat. Umgekehrt kann ein vermeintlicher Stopp der Medikamentengabe die schmerzlindernde Wirkung fast vollständig aufheben. Andere Studien belegen, dass eine positive Erwartungshaltung nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch physiologische Messwerte verbessert.

Angesichts solcher Forschungsergebnisse rät Ulrike Bingel Ärzten und Therapeuten, die Kommunikation mit ihren Patienten zu suchen, um den Behandlungserfolg zu optimieren. Ganz wichtig sei es, "dem Patienten nicht ausschließlich die eigenständige Konsultation bei 'Dr. Google' zu überlassen" betont sie. Den Patientinnen und Patienten rät Bingel, aktiv auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Arzt oder Therapeuten zu achten: "Es hilft, jemanden zu finden, dem man vertraut und mit dem man gut sprechen kann." Wichtig sei es auch, realistische Erwartungen zu haben. Und: Eine positive Einstellung und Geduld könnten helfen, die Beschwerden im Alltag zu reduzieren.

Ein weiterer ausführlicher Beitrag im neuen Heft widmet sich dem boomenden Markt für privates und berufliches Coaching. Coach, so darf sich in Deutschland jeder nennen, die Bezeichnung ist nicht geschützt. Entsprechend vielfältig ist das Angebot. Es reicht von fundierten Methoden wie Rollenspielen bis hin zu wissenschaftlich widerlegten Ansätzen, wie der Psychotechnik NLP und der Persönlichkeitsanalyse auf Basis der Handschrift (Grafologie). Auch esoterische und spirituelle Angebote sind vertreten. Es verwundert kaum, dass die Marketingstrategie für den wirtschaftlichen Erfolg eine entscheidende Rolle spielt.

Doch wie gelingt es Anbietern, ihre Methoden erfolgreich zu vermarkten und das Vertrauen der potenziellen Kundschaft zu gewinnen? Prof. Dr. Uwe Kanning und Angelina Weber haben diese Fragen aus Sicht der Wirtschaftspsychologie untersucht. In einer empirischen Studie befragten sie die Teilnehmer, potenzielle Coaching-Klientinnen und -Klienten, welche Methoden und Marketing-Argumente sie besonders überzeugend fanden. Im aktuellen Skeptiker berichten sie über die Resultate. Ein zentrales Ergebnis: Ob ein Angebot als vertrauenswürdig eingestuft wird, hat kaum etwas mit der tatsächlichen Vertrauenswürdigkeit zu tun. So schätzten die Befragten das gut fundierte Rollenspiel und die pseudowissenschaftliche NLP-Technik etwa gleichermaßen vertrauenswürdig ein. Fast paradox erscheint es da, dass sich ausgerechnet der Verweis auf angebliche wissenschaftliche Forschung bei den Befragten als wirkungsvolles Marketinginstrument erwies – vor allem, wenn es um Psychologie und Neurowissenschaft ging. Ob diese Bezüge inhaltlich gerechtfertigt sind, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Zudem zeigte sich, dass potenzielle Klienten bei einem Coach auf Erfahrung und einen akademischen Abschluss Wert legen. Doch leider liefert auch dies keine Garantie für Seriosität, wie Kanning und Weber betonen. Ein Schamanen-Coaching, angeboten von einem Jura-Absolventen, ist und bleibt wirkungslos. Und auch 20 Jahre Erfahrung mit einer ineffektiven Methode ändern nichts an deren Wirkungslosigkeit. Vor diesem Hintergrund plädieren die Autoren dafür, dass die Wissenschaft sich klarer positioniert, um unseriöse Angebote besser von seriösen unterscheiden zu können.

Weitere Beiträge im neuen Heft befassen sich mit einem Forschungsprojekt der Universität Graz zur Verbreitung von Verschwörungserzälungen in den Sozialen Medien und mit der Jahreskonferenz "SkepKon", der größten skeptischen Veranstaltung, die es je im deutschsprachigen Raum gegeben hat. Und anlässlich des Todes von Joe Nickell, dem bekannten skeptischen "Investigator", hat der langjährige Vorsitzende der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) Amardeo Sarma einen persönlich gefärbten Nachruf verfasst. 

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