Rezension

Serpentinen – Die Gottesbeweise des Thomas von Aquin nach dem Zeitalter der Aufklärung

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Serpentinen des "Trollstigen" in Norwegen
Trollstigen

Die kurzfristige Ausladung des Philosophen Sebastian Ostritsch an der Münchner Hochschule für Philosophie lenkte viel Aufmerksamkeit auf sein neues Buch "Serpentinen". Darin versucht er, die Gottesbeweise des Thomas von Aquin für die Moderne neu zu beleben. Ostritsch räumt mit gängigen Mythen über das Mittelalter auf, erklärt präzise, was ein Gottesbeweis leisten muss, und führt ausführlich durch die fünf Wege des Thomas. Doch trotz engagierter Darstellung bleiben zentrale Einwände unbehandelt, sodass offen bleibt, ob seine Argumente skeptische Leser überzeugen können.

An der Münchner Hochschule für Philosophie wurde im November der Philosoph Sebastian Ostritsch erst ein- und kurzfristig wieder ausgeladen, nachdem Studenten gegen seinen Vortrag zum Protest aufgerufen hatten. Hintergrund ist, dass der Philosoph, der seit 2024 als Redakteur für die Tagespost, eine rechtskatholische Wochenzeitung, schreibt, keine liberalen, sondern traditionell-katholische Ansichten vertritt oder wie er selbst sagt: "nicht links" ist. Gerade in Fragen der Abtreibung (Ostritsch würde vom "Lebensschutz" sprechen) und Fragen von LGBTQ-Rechten dürfte er grundsätzlich andere Positionen vertreten, als die meisten hpd-Leser. Um seine gesellschaftspolitischen Positionen sollte es in dem angekündigten Vortrag mit Titel "Ist Gottes Existenz eine Sache der Vernunfterkenntnis? Thomas von Aquin vs. Immanuel Kant" jedoch gar nicht gehen, sondern um sein neues Buch mit dem Titel "Serpentinen", in dem er versucht, die Gottesbeweise des Thomas von Aquin für das 21. Jahrhundert wiederzubeleben. Ob ihm dies gelungen ist, soll in dieser Rezension betrachtet werden.

Buchcover

Hintergrund des Versuchs ist die "aufgeklärte" Moderne und ihr Mythos – so Ostritsch –, dass es keine großen Erzählungen mehr brauche und man dank der Vernunft alle Mythen hinter sich gelassen hätte. Besonders der Glaube gelte vielen als "überkommene mythische Vernunftwidrigkeit" und nicht wenige hpd-Leser dürften dem so zustimmen. Um zu der Frage zu gelangen, ob die Gottesbeweise des Thomas sich für das 21. Jahrhundert als brauchbar erweisen, räumt Ostritsch zunächst mit einigen Mythen über das angebliche "dunkle" Mittelalter auf und zeigt, dass dieses eine anspruchsvolle intellektuelle Tradition besitzt, die, wenn auch oft wenig beachtet, die Grundlage für die modernen Universitäten und andere Entwicklungen birgt, welche am Ende die Aufklärung erst ermöglicht haben.

Ostritsch widmet der Frage danach, was es heißt, Gottes Existenz zu beweisen, ein ganzes Kapitel, dem auch Atheisten zustimmen können und an dem sich am Ende sein Projekt wird messen lassen müssen. Er schreibt: "Für einen Atheisten oder Agnostiker, der an seinen Überzeugungen hängt, ist die Beschäftigung mit den fünf Wegen des Thomas durchaus riskant, muss er doch bereit sein, bei einer Anerkennung der Argumentation seine Meinung zu ändern oder aber sich einer zwingenden Schlussfolgerung zu verschließen." Bevor wir aber die Wege des Thomas erkunden, wird zunächst der sogenannte "ontologische" Gottesbeweis des Anselm von Canterbury diskutiert und letztendlich verworfen. Rein aus der Begrifflichkeit lässt sich Gott nicht beweisen.

Die fünf Wege des Thomas gründen schließlich im Gegensatz zu Anselms Weg über das ausschließliche Denken auch in der Empirie und werden in der "klassischen" Form als Veränderung, Kausalität, Kontingenz, Maximum und Zweckmäßigkeit vorgestellt und ausführlich dargelegt. Zum Prinzip des "unbewegten Bewegers" zum Beispiel wird von Aquin mit folgendem Satz zitiert: "Alles aber, was bewegt wird, wird von einem anderen bewegt." Daraus folgt dann, weil es keinen endlosen Regress geben kann – so zumindest die Behauptung –, dass es einen ersten Beweger geben müsse, der aber selbst nicht bewegt sei. Dazu wird dann sogar die Quantenphysik herangezogen, am Beispiel des Zerfalls von Blei-Isotopen, aber als dem Prinzip nicht widersprechend bewertet. Dass aber sowohl die Behauptung vom unmöglichen Regress nicht unwidersprochen ist, oder von Philosophen angemerkt wurde, dass der Satz, dass "alles" von einem anderen bewegt werden muss, dem selbst "unbewegten Beweger" widerspricht, fehlt leider in der Diskussion.

Auch die weiteren Wege des Thomas werden detailreich geschildert und ausführlich erläutert. Ostritsch bietet dabei sicherlich eine starke Version des Projekts des heiligen Thomas, ob es am Ende aber reicht, um als Atheist oder Agnostiker seine Ansicht zu ändern, da man "ausreichend Belege" vorgelegt bekommen habe, um nicht mehr sinnvoll an Gottes Existenz zweifeln zu können, bleibt fraglich. Die Argumente, die Ostritsch bringt, sind nicht neu und so ist es schade, dass zwar Richard Dawkins' Buch "Der Gotteswahn" sich in der Literaturliste findet, nicht aber John Leslie Mackies "Das Wunder des Theismus", das sich aus philosophischer Perspektive deutlich tiefer mit der Materie beschäftigt und auch schon moderne Varianten der Gottesbeweise von zum Beispiel Plantinga diskutiert. Wer am Thema Gottesbeweise Interesse hat, wird das Buch trotzdem mit Gewinn lesen.

Sebastian Ostritsch, Serpentinen – Die Gottesbeweise des Thomas von Aquin nach dem Zeitalter der Aufklärung. Theologische Brocken, Berlin 2025, Matthes & Seitz, 220 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-7518-6514-2

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