Religion bei Meinungsmachern

(hpd) Medien und Meinungen. Kritische Anmerkungen zur gesellschaftspolitischen Einordnung von Religion bzw. Weltanschauung durch führende Journalisten anlässlich einer soziologischen Untersuchung. Von Gerhard Czermak.

Kürzlich ist der im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellte Religionsmonitor Deutschland 2013 erschienen. Er kommt u.a. zu dem Ergebnis, trotz des großen Bedeutungsrückgangs der Religion in beiden Teilen Deutschlands ergebe sich bundesweit eine gegenüber dem Christentum immer noch mehrheitlich positiv eingestellte Grundstimmung. Da für diese das Bild, das die Medien verbreiten, von größter Bedeutung ist, verdient eine genauere Untersuchung des Verhältnisses von Elitejournalisten zur Religion Interesse.

Konzept der religionssoziologischen Befragung

Eine solche Untersuchung haben vier Religionssoziologen unter Beteiligung zahlreicher weiterer Wissenschaftler mit kompletter Förderung durch die DFG und die Adolf-Loges-Stiftung vorgenommen. Die Befragungen wurden 2006/2007 in Form von Tiefeninterviews durchgeführt, die Auswertung mit großem theoretischem Aufwand jedoch erst 2012 unter dem Titel „Religion bei Meinungsmachern“ publiziert. Untersucht wurden Fragen des Nachrichtenwerts von Religion, der Wahrnehmung religiöser Ereignisse und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung mit dem Ziel, den „Stellenwert religiöser Orientierungen bei meinungsbildenden Eliten“ zu ermitteln. Ausgegangen wurde von der Neutralitätspflicht einerseits, aber gleichzeitig der zwangsläufigen Einwirkung des kulturellen und religiösen Hintergrunds andererseits.

Befragt wurden durch jeweils zwei Personen streng anonym 18 Journalisten (Politik- und Feuilleton-Redakteure) in leitender Position (Chefredakteure, Ressortleiter), die in 15 überregionalen Qualitätsmedien (fünf Tageszeitungen, vier Wochenzeitungen bzw. Wochenmagazinen, fünf öffentlich-rechtlichen und privatrechtlichen Rundfunk- und Fernsehsendern) tätig waren. Es wurden verschiedene kontrastierende Auswahlkriterien verwendet unter Ausschluss von Kirchenredakteuren und Journalisten mit einem bekannten dezidiert religiösen Hintergrund. Je sechs der Interviewten gehörten der katholischen oder evangelischen Kirche an, die übrigen hatten überwiegend durch die Taufe zumindest einen christlich-konfessionellen Hintergrund. Jemand mit einer ausgesprochen „atheistischen“ Position, eine ostdeutsche Journalistin, musste man „mit einiger Mühe“ gezielt suchen.

Die genau dokumentierten Gespräche wurden nach überaus zahlreichen Gesichtspunkten analysiert. Ein Hauptteil der Analyse befasst sich mit inhaltlichen Schwerpunkten (Kriterien der Thematisierung, Bedeutung religiöser Orientierungen für die journalistischen Eliten, Einstellung zu gesellschaftlichen Funktion von Religion, berufsethische Fragen). Zahlreiche Aspekte befassen sich mit dem professionellen Berufshabitus.

Präferenz für Religion

Die qualifiziert gewonnenen praktischen Ergebnisse der Untersuchung bestätigen die Erfahrungen eines kritischen Beobachters, vermögen ihn aber nicht allzu sehr zu überraschen: die Auswahl der als berichtenswert angesehenen religiösen Themen erfolgt, den Selbstaussagen der Elite-Meinungsmacher zufolge, nach den auch sonst anerkannten medien-systemtypischen Kriterien wie Neuigkeitswert, Konfliktorientierung, Massenwirksamkeit, Sprecherstatus, Fixierung auf quantitative Daten; Focus auf die Außenwirkung von Religion, weniger innerreligiöse Themen; Kirchen als verfassungsrechtlich anerkannter und immer noch mitgliederstarker Faktor öffentlichen und medialen Lebens („Inklusionsparadigma“, anders als die früher bevorzugte [?] „Exlusionsstrategie“).

Bemerkenswert erscheint, dass die Befragten einschließlich der aus der Kirche Ausgetretenen fast alle den gesellschaftlichen Einfluss der religiös-kirchlichen Repräsentanten als legitim und bedeutsam wahrnahmen. Alarmierend sind aus säkular-humanistischer Perspektive folgende Sätze der Studie: „Auch wenn die meisten Befragten unseres Samples Religion nicht als relevant für die eigene Lebensführung erachten, wird dem Christentum als Basis für Sittlichkeit, Moral und Lebensorientierung eine (zum Teil sogar exklusive) Bedeutung zugeschrieben, auf die die Gesellschaft nicht verzichten könne.“ (S. 121) Und weiter: „Eine ideologiekritische Auseinandersetzung mit Religion und Kirche, die diese als Hemmschuh der Modernisierung oder als Aberglaube versteht, wird in den Qualitätsmedien kaum noch geführt. Die meisten Journalisten halten als Intellektuelle die ideologiekritische Opposition gegen Religion und Kirche für anachronistisch“ (S. 122).

Trotz grundsätzlicher Unabhängigkeit berufsethischer Standards von religiösen Haltungen stellt die Studie einen Zusammenhang im Hinblick auf Wahrnehmung und Deutung religiöser Sachverhalte fest. Gegen Ende der Studie wird nochmals betont, Kirchen und Religion würden „als zivilgesellschaftliche Kraft geschätzt“, es werde ihnen „im Hinblick auf die Wertefundierung der Gesellschaft eine wichtige Funktion zugeschrieben“ (S. 255). Die Journalisten hätten ein „Bewusstsein für die Erhaltung der abendländischen Kultur“ entwickelt. Die befragte „Öffentlichkeitselite“ sehe eine gesellschaftliche Krise, und ihre Antworten reichten „vom positiven Rückgriff auf christliche Antworten, der Verteidigung eines säkularen Kulturchristentums – auch durch Religionslose – bis hin zu einem erklärungsbedürftigen Atheismus“. Eine Alternative sei nicht in Sicht.

Kritik an Studie und Elitejournalisten

Die Frage, inwieweit die 2010 bekanntgewordenen massiven Sexualverbrechen von Geistlichen insbesondere bei der katholischen Kirche die Einstellung der Medienelite verändert hat, konnte die Studie leider nicht mehr berücksichtigen. Diese wirft aber auch so Fragen auf. Die Zahl der Nichtreligiösen, die auch zum Zeitpunkt der Befragungen sogar formal keiner Religionsgemeinschaft mehr angehörten, betrug immerhin genau ein Drittel. Trotzdem spielte dieses Faktum weder in den Befragungen, noch in der Auswertung eine Rolle. Ist es schon schlimm genug, dass führende Journalisten einen wertvollen Beitrag von Nichtreligiösen zur Integration der Gesellschaft offenbar von vorneherein ausschließen, so hätte das doch wenigstens in der Analyse problematisiert werden müssen, zumal die Verfasser bekannte Religionssoziologen sind. Ob das auch mit dem Umstand zu tun hat, dass Prof. Reuter an einer Evangelisch-Theologischen Fakultät lehrt und Prof. Gabriel an einer Katholisch-Theologischen Fakultät tätig war?

Selbst in der hier rezensierten Studie wird ja darauf hingewiesen, dass die Sozialisation auch beim Bemühen um professionelle Standards eine gewisse Rolle bei der Wahrnehmung und Deutung religiöser Sachverhalte spielt. Unverständlich ist, dass der ohnehin nur selten erwähnte „Atheismus“ keine begriffliche Differenzierung erfährt, abgesehen davon, dass die Gottesfrage bei der gesellschaftlichen Bedeutung des säkularen Humanismus ohnehin nur eine untergeordnete Rolle spielt. Weder in der Befragung, noch deren Analyse wird die Basisfrage gestellt, was denn konkret der Inhalt der so wertgeschätzten christlich-abendländischen Tradition (dazu wichtig) sein soll. Es wurde nicht einmal der Versuch unternommen, die Einstellung zu Religion und Christentum aus religionskritischer Sicht wenigstens verstehen zu wollen.

Das Hauptergebnis, dass die führenden Journalisten meist recht religionsfreundlich sind, war auch schon vor der Studie bekannt. Es erschreckt aber der zwangsläufige Eindruck, fast alle Befragten hätten keinerlei grundsätzlichen gesellschaftskritischen Einwände gegen die Kirchen vorzubringen und dass sie die statistisch und soziologisch längst widerlegte Eignung des Christentums zur gesamtgesellschaftlichen Integration kritiklos glauben. Die Verbindung dieses Glaubens mit einem gewissen gesellschaftspolitisch-missionarischen Denken schadet dem inneren Frieden und steht auch in fundamentalem Widerspruch zum neutralen und liberalen Konzept des Grundgesetzes (kompakt zur „Ideologie“ des Grundgesetzes und im größeren Zusammenhang. So verfestigen die Meinungsmacher die zahllosen auch rechtlichen Diskriminierungen insbesondere des großen Teils der bewusst nichtreligiösen Menschen. Deren anhaltende Bemühungen, einen positiven Beitrag in die Gesellschaft einzubringen, werden somit aus ideologischen Gründen sabotiert.

Handlungsbedarf

Viel interessanter als die Feststellung religiöser Tendenzen im Spitzenjournalismus wäre eine Untersuchung der Frage gewesen, unter welchen Gesamtumständen es diesen Journalisten trotz Konkurrenz gelungen ist, ihre einflussreichen Positionen zu erhalten. Ob es wohl für solche Untersuchungen auch öffentliche Gelder geben würde?

Die hier besprochene Publikation zeigt erneut auf, wie katastrophal die gesellschaftspolitische Situation des säkularen Humanismus immer noch ist. Es muss gelingen, die einflussreiche Elite auf ihre z.T. anscheinend erheblichen Wissensdefizite im religiös-weltanschaulichen Bereich aufmerksam zu machen, damit sie für kritisches Denken bei der Wahrnehmung und Diskussion der Fakten etwas aufgeschlossener sind.

Gerhard Czermak

Christel Gärtner/ Karl Gabriel/ Hans-Richard Reuter: Religion bei Meinungsmachern. Eine Untersuchung bei Elitejournalisten in Deutschland. Wiesbaden 2012, 282 S. (VS Verlag) – Preis: 39,95 Euro,  ISBN 978-3-531-18443-2