Innerhalb der politischen Linken wächst eine autoritäre Minderheit, die von Hamas-Apologie und Israelfeindlichkeit geprägt ist. Darauf macht das Buch "Die neue autoritäre Linke" des taz-Journalisten Nicholas Potter aufmerksam. Er kritisiert darin mit linker Einstellung die Fehlentwicklungen in der politischen Linken.
Was hat das "Hamas-Dreieck" mit einer "autoritären Linken" zu tun? Der Blick auf das Buchcover lässt diese Frage aufkommen. Aber dazu bedarf es zunächst einer Erläuterung: Das erstgenannte rote und umgekehrte Dreieck ist ein Symbol, womit Anhänger der Hamas einzelne Juden, Israelis und deren Sympathisanten bedrohen. Und die Bezeichnung "autoritäre Linke" ist ein Terminus, der dogmatische Einstellungen und hierarchische Strukturen in entsprechenden politischen Zusammenhängen thematisiert. Dafür standen insbesondere die K-Gruppen der 1970er Jahre, die ganz offen für die "Zerschlagung des zionistischen Gebildes" eintraten. Gemeint war damit Israel als Staat, der eben nicht nur eine Auflösung, sondern auch eine Vernichtung erfahren sollte. Beide Ausrichtungen haben jüngst eine Renaissance erfahren, was man mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen kann. Indessen gilt dies nur bei idealistischen Auffassungen über die politische Linke, welche auch gelegentlich von einem informellen Autoritarismus und Dogmatismus geprägt war und ist.
Dies empört gegenwärtigen auch einen linken Journalisten: Nicholas Potter, heute taz-Redakteur. In einem neuen Buch berichtet er von einer Erfahrung, die in der Erschütterung seines Selbstverständnisses und einer existentiellen Bedrohung für ihn mündete: "Nach dem Hamas-Angriff auf Israel im Oktober 2023 war ich (…) erschüttert: Viele Linke, die ich trotz grundlegender Meinungsverschiedenheiten dennoch als Verbündete im Kampf für eine gerechtere Welt begriff, entpuppten sich als fanatische Versteher eines Regimes, das nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern auch die Bevölkerung Gazas terrorisiert" (S. 213). Diese Aussage findet sich in seinem Buch "Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft". Der Autor, der die Hamas rigoros verurteilt und Israel differenziert betrachtet hatte, fand sich öffentlichen Morddrohungen ausgesetzt. Gleichzeitig gab es eine Kampagne gegen ihn, in der er als "Israel-Propagandamaschine" diffamiert wurde. Doch dieser Druck brachte ihn nicht zum Schweigen.

Ganz im Gegenteil: in seiner neuen Monographie warnt er vor diesen politischen Tendenzen. Dabei schreibt der Betroffene aber nicht als Betroffener. Nicht die Einseitigkeit hat ihm die Feder geführt. Bei aller Empörung und Enttäuschung, die sich auch in dem zitierten Satz findet, dominieren die Fakten bei Potter. Seine Kernaussage bezieht sich dabei auf eine "neue autoritäre Linke", die über einen bestimmten Merkmalkatalog als konkretes Phänomen wahrgenommen wird: Absolutheitsansprüche, Dualismen, Gewaltverherrlichung, Illiberalismus und Intoleranz (vgl. S. 18 f.). Kritisch angemerkt werden darf hier gegenüber dem Autor, dass es bereits zuvor derartiges innerhalb der Linken gab. Das Besondere ist für Potter, dass es hier auf Hamas-Apologie und Israelfeindlichkeit bezogen ist. Wie sich all dies in bestimmten Handlungen manifestierte, ist dann sein Thema. Das Buch enthält einen recht ausführlichen Fußnotenteil, was für eine journalistische Monographie ungewöhnlich ist. Der Autor belegt alle genannten Details.
Das Gemeinte wird in den Kapiteln gründlich dargestellt, wobei die Inhalte gut durch die gewählten Untertitel vermittelt werden: "Wie sich die neue autoritäre Linke organisiert", "Wie Terror zu Widerstand verklärt wird", "Wie Bewegungen infiltriert werden", "Wie Journalisten bedroht werden", "Wie soziale Medien zur Polarisierung beitragen", "Wie Universitäten als Kulisse extremistischer Proteste dienen", "Wie Musik den Soundtrack zur Radikalisierung liefert" und "Wie auf Worte Gewalt folgt". Für alles Angedeutete liefert er genaue Belege, wobei aber über die Dimensionen keine so richtige Klarheit besteht. Bei den genannten Gruppen handelt es sich offenkundig nicht um größere Organisationen. Bekannte autoritäre, linksextremistische Akteure scheinen sich weniger in diesem Sinne zu engagieren. Die große Aufmerksamkeit für die hier gemeinte "autoritäre Linke" ergibt sich wohl mehr durch das Schweigen der anderen linken Szenen. Denn von ebendort fehlen die inhaltlichen Distanzierungen und kritischen Stimmen.
Gleichzeitig deutet sich aber auch ein Anwachsen dieser "autoritären Linken" an, wovor Potter mit großer Überzeugungskraft warnt. Denn: "Während der zwei Jahre Krieg in Gaza hat sich ein autoritärer Radikalisierungsprozess in einem erheblichen Teil der globalen Linken vollzogen, der die demokratische Gesellschaft noch lange beschäftigen wird – politisch, zivilgesellschaftlich, medial und sicherheitspolitisch" (S. 198). Die Ablehnung von Demokratie und Freiheit durch diese "autoritäre Linke" dürfte nach Potter weiter gesellschaftliche Wirkung entfalten. Weder gegen seine Beschreibung noch seine Einordnungen lässt sich im breiteren Sinne inhaltlicher Widerspruch artikulieren. Der Autor dramatisiert nicht mit emotionalen Bildern, sondern verweist auf bedenkliche Dimensionen auch und gerade in der politischen Linken. Entscheidend ist hier offenkundig das Engagement der andersdenkenden Linken. Ein Bruch der demokratischen Linken mit der extremistischen Linken sollte auch aus menschenrechtlicher Sicht selbstverständlich sein.
Mit demokratietheoretischer Argumentation wird gegenwärtig für eine "Brandmauer" geworben, sollten sich doch demokratische Konservative von extremistischen Rechten distanzieren. Eine derartige Distanz wäre auch für das linke politische Lager empfehlenswert. Denn nur dadurch kann dessen emanzipatorischer Anspruch dauerhaft inhaltliche Glaubwürdigkeit beanspruchen.
Die vom Autor des Buches präsentierten acht Merkmale sind dabei hilfreich, sie können als inhaltlicher Lackmus-Test zur politischen Selbstreflexion dienen. Dazu gehören etwa die Ablehnung liberaler Demokratien zugunsten autoritärer Regime, ein Absolutheitsanspruch gegenüber realer Komplexität, die aggressive Anfeindung von argumentativer Kritik oder die Gewaltlegitimation von angeblichem antikolonialem Widerstand. Zahlreiche Beispiele dafür nennt Potter in dem Buch. Man darf hier ergänzend als Kommentar formulieren: Derartige Einstellungen und Haltungen finden sich bei nicht wenigen Linken auch zu anderen politischen Themen.
Nicholas Potter, Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft, München 2026, dtv, 255 Seiten, 20 Euro







