Rezension

Hilfreiche Kränkung: Wie die moderne Hirnforschung unser Selbstbild revolutioniert

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Gehirn

"Im Keller des Geistes", so lautet der Titel eines jetzt erschienenen Sammelbandes mit Artikeln über die aktuelle Forschung zum Unbewussten. Das Buch bündelt Beiträge der Referenten beim Symposium Kortizes 2024 – die Themen reichen von Neurowissenschaft über Psychologie bis zur Philosophie.

Wir Menschen lieben die Illusion, wir hätten unsere Wahrnehmungen und Entscheidungen komplett im Griff. Doch in Wahrheit wird vieles davon durch unbewusste Prozesse gesteuert. Wir sind keineswegs "Herr im eigenen Haus", wie Sigmund Freud es formulierte. Freud zählte diese Erkenntnis zu den bedeutenden "narzisstischen Kränkungen" der Menschheit – wohl auch, weil er als Begründer der Psychoanalyse selbst maßgeblich zu dieser Entzauberung beitrug.

Während Freuds Therapieansatz heute eher von historischem Interesse ist, rücken die tatsächlichen Leistungen des Unbewussten bei Handlungen und Wahrnehmungen zunehmend in den Fokus der Forschung. All dies war Thema des Kortizes-Symposiums 2024 in Nürnberg, das Referenten unterschiedlicher Fachgebiete versammelte. Ihre Beiträge sind in einem jetzt erschienenen Buch gebündelt. Herausgeber sind die Organisatoren des Symposiums, Rainer Rosenzweig und Helmut Fink, der auch die Einleitung verfasst hat.

Den Einstieg bildet ein Interview mit dem Psychologen und Neurowissenschaftler Prof. Christian Doeller. Ausgehend von den neurobiologischen Grundlagen unserer Orientierungsfähigkeit im Raum – eine bedeutende Rolle spielen dabei zwei Typen von Neuronen, Orts- und Gitterzellen – erläutert Doeller, wie diese Zellnetzwerke auch höhere kognitive Aufgaben erfüllen, etwa beim Lernen von Konzepten und der Generalisierung von Wissen.

Die enorme Flexibilität des Gehirns thematisiert auch die Kognitive und Biologische Psychologin Prof. Gesa Hartwigsen im anschließenden Beitrag. Darin betrachtet sie vor allem, wie das Gehirn nach einem Schlaganfall die Sprachfähigkeit wiedererlangen kann. Diese Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, neue Verknüpfungen von Nervenzellen auszubilden, bietet wertvolle Ansätze für moderne Behandlungen wie Hirnstimulation und Sprachtherapie.

Mit der visuellen Wahrnehmung befasst sich die Neurowissenschaftlerin Prof. Natalia Zaretskaya. Anhand von Wahrnehmungstäuschungen zeigt sie: Was wir zu sehen glauben, ist auch abhängig von unserem Vorwissen und unseren Erwartungen. In ihren Experimenten arbeitete Zaretskaya unter anderem mit sogenannten "Kippfiguren" wie dem Necker-Würfel, der bei längerem Betrachten zu "kippen" scheint. Das Gehirn nimmt beide Varianten wahr, aber nur jeweils eine davon bewusst. 

Auch der Geruchssinn spielt eine oft unterschätzte Rolle für unser Verhalten. So untersuchen die Neurowissenschaftlerinnen Helena Althammer und Prof. Jessica Freiherr in ihrem Beitrag die Bedeutung von Düften für unser Sozialleben, etwa bei der Bindung zwischen Mutter und Kind. Doch auch in anderen Lebensbereichen bestimmt der Geruchssinn unser Handeln mit, man denke nur an den Duft einer Bäckerei. Wer ließe sich da nicht zum Impulskauf verleiten? Autohersteller verwenden sogar spezielle Duftkompositionen für den Innenraum ihrer Wagen. All das ist kein Zufall, schreiben die Wissenschaftlerinnen: "Düfte können uns […] nicht nur zum Kauf einer Zimtschnecke verführen, sondern auch unsere Physiologie – wie Atmung, Herzfrequenz oder Kortisol-Level im Speichel – verändern."

Zur Betrachtung des Unbewussten gehört auch ein Blick auf den regelmäßigen Zustand, in dem wir die bewusste Kontrolle komplett abgeben: den Schlaf. Die medizinischen Psychologen Prof. Jan Born und Prof. Manfred Hallschmid erläutern in ihrem Artikel, wie der Schlaf die Konsolidierung von frischen Gedächtnisinhalten fördert. Die Erfahrungen des Tages sind zunächst in einer bestimmten Hirnregion zwischengespeichert, im Hippocampus. Erst während des Schlafens wandern sie ins Langzeitgedächtnis in der Hirnrinde. Bleibt diese Übertragung aus, etwa bei Schlafmangel, zerfallen die Erinnerungen und werden vergessen. Die neuronalen Aktivierungen während des Konsolidierungsprozesses beeinflussen wahrscheinlich auch unsere Träume, schreiben die Autoren weiter.

Hier schließt sich wieder der Kreis zur Psychoanalyse, für die Träume traditionell der "Königsweg zum Unbewussten" sind. Die Psychologin und Psychoanalytikerin Prof. Tamara Fischmann wagt mit der "Neuropsychoanalyse" das ambitionierte Vorhaben, Psychoanalyse und Wissenschaft zu verbinden – es wäre zu wünschen, dass ihr Beitrag zum Auftakt einer fruchtbaren Debatte wird.

Doch was sagt die experimentelle Forschung zum Einfluss unbewusster Prozesse auf unsere Entscheidungen? Mit dieser Frage befasst sich der Psychologe Prof. Ulrich Ansorge im Experiment. Sein Fazit: Befürchtungen über ein unkontrollierbares oder gar irrationales Unbewusstes seien nicht gerechtfertigt. Dies gelte auch für den Bereich der Werbung – über den zahlreiche Legenden von angeblicher unterschwelliger Manipulation kursieren. Tatsächlich aber sei es die bewusst wahrgenommene Werbung, die unsere Kaufentscheidungen klar mitbeeinflusst.

Den Abschluss des Bandes liefern zwei Beiträge mit philosophischen Betrachtungen. Prof. Michael Pauen widmet sich einer Grundfrage in der Philosophie des Geistes: Wie lassen sich subjektive Empfindungen und objektive Tatsachen zusammenbringen? Gemeinhin geht man davon aus, dass sich bewusste Erlebnisinhalte nicht auf physische Hirnzustände zurückführen lassen. In seinem Aufsatz entwickelt Pauen dennoch einen Gegenentwurf. Demnach sei eine kausale Theorie des Bewusstseins durchaus möglich. Dazu betrachtet er subjektive Schmerzempfindungen und den objektiven Drang, den Schmerz zu beenden.

Zuletzt hinterfragt die Philosophin Prof. Katja Crone die vermeintliche Grundlage unseres Selbstverständnisses als Individuum. Gewiss, wir erzählen uns selbst in autobiografischen Episoden, schreiben uns Persönlichkeitsmerkmale zu und greifen dazu auf Fakten wie auch Konstruktionen zurück. Aber, gibt Crone zu bedenken, solch eine rein "narrative" Identität alleine erkläre nicht, dass wir uns über die Zeit hinweg als ein und dieselbe Person erleben. Dazu brauche es einen erlebten Bewusstseinsstrom und qualitative Eigenschaften von frühen Erinnerungen. 

Mit seinen vielfältigen und anspruchsvollen Beiträgen liefert der Band einen aktuellen Überblick über die Forschungsdebatten zum Thema Unbewusstes. Die Artikel zeigen zudem, wie die Entdeckung des Unbewussten von der narzisstischen Kränkung zum Impulsgeber für ein besseres Verständnis des Menschen wurde.  

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.), Im Keller des Geistes, Kortizes, Nürnberg 2026, 192 Seiten, 19,80 Euro

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