Osteuropas Konsens im Schwulenhass (1)

„Päderasten in den Ofen!", „Schwule weggesperrt!", „Tod den Perversen!" - so oder ähnlich denken viele in Russland, Polen, Lettland oder anderen

osteuropäischen Ländern, und das nicht nur im stillen Kämmerlein. Als Reaktion auf die derzeit stattfindenden Manifestationen für die Gleichberechtigung sexueller Minderheiten formiert sich in Osteuropa eine Einheitsfront, die je nach Fanatisierungsgrad gegen ihre Feinde skandiert, betet oder zuschlägt. (Teil 1)

Neuer Sündenbock allen Übels

Für lesbische Frauen, schwule Männer, Bi- und Transsexuelle lebt es sich zunehmend ungemütlich in Städten wie Moskau, Warschau oder Riga. Angehörige der LGBT-Gruppen (Englisch: Lesbians, Gays, Bisexuals, Transsexuals) haben hier keine große Lobby - abgesehen von einigen Menschenrechtsorganisationen, für die Themen wie sexuelle Identität und Selbstbestimmung jedoch recht neu und nicht unbedingt das Anliegen Nummer 1 sind.

Umso aktiver organisieren sich die Gegner der als „Minderheiten nichttraditioneller sexueller Orientierung" diffamierten Menschen, und sie werden von verantwortungslosen Politikern und bornierten Kirchenoberen unterstützt. Es scheint, als habe man nach Holocaust und Antisemitismus in der Vergangenheit nun einen „politisch korrekten" Ersatzfeind gefunden und denkt dabei - wie seinerzeit lange auch in beiden deutschen Nachkriegsstaaten - nicht einmal daran, dass Schwule ebenfalls in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet wurden.

Menschen, die abseits der heterosexuellen „Norm" empfinden, sind eben ein bequemer Sündenbock. Zum einen bilden sie eine „beherrschbare" Minderheit - 5 bis 10 % der Bevölkerung sind homosexuell; Bisexuelle hinzugerechnet, steigt dieser Anteil um weitere 10 %, laut Kinsey-Report noch höher. Zum anderen lässt es sich in einer unaufgeklärten Gesellschaft sehr leicht partei- und konfessionsübergreifend auf LGBTs einschießen, was die einheitlich negativen Stellungnahmen christlicher, islamischer und jüdischer Kirchen in Russland, Lettland, Polen usw. zeigen. Und auch der Papst beruft sich bis heute gern darauf, dass Homosexualität in allen Kulturkreisen nicht zur Norm gehöre.

Bezogen auf Osteuropa kommt hinzu, dass viele Menschen im Zuge der sie überrollenden Marktwirtschaft sexuelle Minderheiten für die damit empfundenen Übel verantwortlich machen - westliche „Dekadenz und Sittenverfall", Drogensucht, demographische und sonstige Probleme. Die Logik ist so schlicht wie falsch: In Westeuropa konnten sich Schwule und Lesben in den letzten Jahren vor gesetzlicher Verfolgung befreien. Sie werden auch gesellschaftlich zunehmend akzeptiert. Parallel hierzu kämpft aber auch der Westen mit diversen Problemen und so mancher Westeuropäer sehnt sich nach einer Rückkehr in das verklärte heilige Abendland. Diese Sinnsuche müsse ja irgendwer verursacht haben und sinkende Geburtenraten können schließlich auch nur Folge einer öffentlich „propagierten Homosexualität" sein. Also wehret den Anfängen und unterbindet „satanische" Umzüge!

In diesem Klima staatlich und kirchlich gestützter Homophobie kommt es in Osteuropa - Tschechien und Ungarn ausgenommen - einem aussichtslosen, ja gefährlichen Unterfangen gleich, Demonstrationen für gleiche Rechte von Schwulen und Lesben nach dem Vorbild westlicher „Christopher Street Days (CSD)" und „Gay Prides" zu organisieren. Bedrohlich irrational wächst im Einflussgebiet der ehemaligen Sowjetunion ein Grundkonsens, der unverhohlen Homo-, Bi- und Transsexuelle als Seuche und Abschaum verdammt, und die Bereitschaft stärkt, hiergegen vorzugehen. Es ist ein Konsens des Hasses gegen alles, was nicht als normal, sauber und der christlichen Tradition entsprechend angesehen wird. Da kann es schon einmal wie jüngst in Moskau dazu kommen, dass biedere Stalinisten, radikale Orthodoxe, verstaubte Zaristen, uniformierte Kosaken, schwarzbraune Nazis und rechte Skinheads in unbeabsichtigter Einheit gegen die „Sodomiten" vorgehen.

Moskau: Stell dir vor, es ist CSD und der Gegner ist schon da

Als sich ein Häuflein schwullesbischer Aktivisten, unterstützt von wenigen westlichen Politikern wie dem grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck, am 27. Mai aufmachten (1993 wurde an diesem Tag der russische Strafparagraf zur Homosexualität gestrichen), um Bürgermeister Juri Luschkow eine Petition für Versammlungsfreiheit zu überbringen, waren Polizei und Extremisten aller Couleur schon vor Ort. Letztere verkündeten, „den Ordnungshütern zur Seite zu stehen", um zu verhindern, „dass die Perversen Moskaus Straßen beflecken." Der CSD, den der homophobe Biedermann Luschkow im Vorfeld als „Teufelswerk" gebrandmarkt und verboten hatte - hpd berichtete -, fand gar nicht statt.

Dafür gab es pogromartige Szenen selbst gegen diese kleine Aktion des Protestes, bei der ein demokratisches Grundrecht eingefordert werden sollte. Doch hasserfüllte Gesichter skandierten nicht nur „Moskau ist nicht Sodom!", „Schützt die heiligen Werte der christliche Familie!", „Gegen Perverse, Drogen und Unzucht!", „Die Miliz und das Volk sind eins!". Sie schlugen auch handfest zu und trafen zum Beispiel den britischen Schwulenaktivisten Peter Tatchell von der Menschenrechtsgruppe „Outrage!" – siehe Video-Bericht (Russisch) – sowie den spontan erschienenen schwulen Sänger Richard Fairbess von der britischen Popgruppe „Right said Fred", siehe Erlebnisbericht auf der Homepage der Band (Englisch).

Der Mob prügelte, eine Medienschlacht tobte und die Polizei griff nur zögerlich ein. Eine Sängerin der russischen Popgruppe „t.A.T.u." wurde zwar mit Wasser begossen, aber sie und ihre Kollegin kamen dank der Leibwächter mit dem Schrecken davon. Dass das Duo seine aktuelle Plattenproduktion in Los Angeles unterbrochen hatte, um Flagge für die Gleichberechtigung von Minderheiten in ihrer Heimat zu zeigen, entlockte dem SPIEGEL in seiner Ausgabe 22 folgenden Kommentar: „Jelena Katina und Julia Wolkowa, beide 22, nutzen den Streit um die Moskauer Gay-Parade, um ihr Image aufzupolieren." Nun, erstens macht man sich mit solcher Art Solidaritätsbekundungen im heutigen Russland eher unbeliebt. Zweitens hatten t.A.T.u. schon 2002 ihren Hit „Maltschik gej (Der Junge ist schwul)" veröffentlicht und außerdem setzen sich beide Damen von Karrierebeginn an für freie Liebe jedweder Beziehung ein. In einem Interview nach den Krawallen äußerten sie sich sichtlich entsetzt über das Ausmaß des Hasses am 27. Mai: „Überall feiert man die Vielfältigkeit mit bunten Karnevals, nur hier ist Krieg!" - ausführlicher siehe ihre Homepage. (Englisch und Russisch).

So absurd es sein mag, doch der aggressive Spuk in Moskau hatte auch seine grotesken Züge: Eine Augenzeugin berichtet, wie ein vermummter Skinhead seine Maske nicht richtig vom Mund gezogen bekam und sich dann selbst anstelle seines Opfers bespuckte. Und wenn man auf Fotos und Videos die frömmelnden Mütterchen mit Ikonen in der Hand und ihre unchristlichen Flüche erlebt, wenn man orthodoxe Priester in protzigen BMWs vorfahren sieht, die die „Sittenpolizei der Straße" segnen, wenn man die Hammer-und-Sichel-T-Shirts junger Stalinisten, das Lametta der Uniformen von Kosaken und von orthodoxen Nationalisten betrachtet, so sei die ketzerische Frage erlaubt, ob diese traurigen Kreaturen des Anti-CSDs in ihren Outfits nicht schriller als die verhinderte Gay-Parade gewesen sind.

CNN-Bericht zum Moskauer CSD (Englisch)

Augenzeugenbericht (Russisch)

CSD-Teilnehmer und -Gegner: Fotostrecke 1, Fotostrecke 2

Pressekonferenz mit t.A.T.u. (Englisch)

Videos, Fotos, Kommentare - Im Artikel nach unten blättern! (Russisch)

Handy-Video vom 27. Mai mit unterlegtem t.A.T.u.-Song „Maltschik gej"

 

Tibor Vogelsang

In Kürze folgt der zweite Teil mit Informationen aus St. Petersburg, Lettland und Polen.