Während Israel mit massiver Kritik überzogen wird, schweigen viele zu den im Iran auszumachenden Menschenrechtsverletzungen. Diese Doppelstandards sprechen nicht für die Glaubwürdigkeit von linken Protestbewegungen. Ein Kommentar.
Seit 1979 besteht de facto eine islamistische Diktatur im Iran. Gegen diese Auffassung spricht auch nicht, dass es dort gelegentlich Wahlen gibt. Die formalen Bestandteile von Demokratie dienen lediglich der Legitimation, sie können nicht über die Existenz eines brutalen Unterdrückungssystems hinwegtäuschen. Für die Bürger bestehen nicht wirklich Grundrechte, oppositionelle Bestrebungen werden mit brutaler Gewalt unterdrückt, bei der Justiz kann man nicht von einer Unabhängigkeit sprechen, die Medien berichten einseitig zugunsten des Regimes. All dies machen die dortigen Entwicklungen seit Jahrzehnten deutlich. Aktuell kann man das Beschriebene besonders deutlich wahrnehmen, wobei allenfalls die Dimensionen der Repressionsfolgen neu sind: Demonstranten wurden zu Hunderten getötet oder verletzt, auf deren Köpfe erfolgten gezielte Schüsse. Das Ausmaß an Brutalität ist offensichtlich und Gegenstand täglicher Medienberichte hierzulande.
Doch wie reagieren linke Protestgruppen auf derartige Ereignisse, nicht nur in der Gegenwart, sondern schon seit Jahrzehnten? Man darf auch hier ein ohrenbetäubendes Schweigen konstatieren, was für ein erschreckendes moralisch-politisches Selbstverständnis steht. Besonders deutlich wird dessen Dimension in der Gesamtschau, wenn man damit die Einstellungen zu Israel vergleicht. Durchaus berechtigte Kritik an der Netanjahu-Regierung wurde mit schiefen Vergleichen und Zuordnungen vorgetragen. Demgegenüber nahm man die Bedrohung durch die iranische Diktatur jahrzehntelang nicht wahr, auch gegenwärtig ist nicht von "All Eyes on Iran" oder "Free, free Iran" die Rede (analog zu "All eyes on Gaza" und "Free, free Palestine"). Allenfalls sind Exiliraner auf den Straßen, nur wenige deutsche Linke zeigen Präsenz. Damit offenbaren sich erneut Doppelstandards im politischen Selbstverständnis, werden doch je nach gewählter Seite die diversen Unrechtspraktiken gar nicht oder unterschiedlich wahrgenommen.
Diese Aussage will umgekehrt die genannten Fälle nicht gleichsetzen, es geht primär um die verschiedenen Kommentierungen menschenrechtsfeindlicher Vorkommnisse. Diese Einsicht lässt auch grundsätzliche Fragen aufkommen, etwa die zu Bekenntnissen zugunsten universeller Grundsätze. Wenn die Einhaltung der Menschenrechte als Prinzip beschworen wird, warum schweigt man dann zur Diktatur im Iran und den jahrzehntelangen Repressionen? Dort werden bekanntlich Frauen diskriminiert und sexuelle Minderheiten verfolgt. Religionskritische und säkulare Positionen stehen unter Strafe. Oppositionelle Regungen lösen brutale Unterdrückung aus. Jeder Blick in den Jahresbericht einer Menschenrechtsorganisation macht deutlich, welche Dimensionen von Gewalt dem islamistischen Regime eigen sind. Das Fehlen einer Kritik daran lässt auch Positionen in anderen Zusammenhängen als unglaubwürdig erscheinen. An dem konsequenten Bekenntnis zu universellen Menschenrechten sollte sich jede Protestbewegung messen lassen.







12 Kommentare
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Kommentare
Roland Fakler am Permanenter Link
Deutschland und Europa haben weggeschaut und verharmlost, weil sie unbedingt mit dem Schurkenstaat Geschäfte machen wollten und die Linken haben wegschaut, weil dieser Terrorstaat einfach nur peinlich ist, für ihre Id
GeBa am Permanenter Link
Jetzt wäre es wichtig das Volk dort zu unterstützen bei ihren Kampf gegen das Unrechtssystem im Iran und Freiheit für alle als selbstverständlich zu machen.
GeBa am Permanenter Link
lauter tolle Kommentare, aber nichts was wirklich hilft, niemand greift ein und die Menschen dort werden reihenweise ermordet, auch ich mit meinen 80 Jahren kann mich da nicht wirklich engagieren, das sollte jüngere M
Guggemos, Walter am Permanenter Link
Das Ausmaß der Gewalt, mit der die religiöse Führung im Iran gegen die eigene Bevölkerung vorgeht, ist immens.
Hört man genauer auf die Stellungnahmen von Bundeskanzler Merz oder Außenminister Wadephul, so entsteht der Eindruck, dass diese vor allem von Hoffnungen und Erwartungen getragen sind, jedoch kaum mit eigenen konkreten Beiträgen zu einer Beendigung der Gewalt verbunden sind. Und – man kann hier „leider“ oder auch „wieder einmal“ ergänzen – kommt derzeit allein von Donald Trump, der sich selbst gern als Verkörperung der USA versteht, so etwas wie Hoffnung für die Aufständischen.
Wenn auch nur sehr vage, denn niemand weiß, was er mit der Ankündigung „Hilfe ist unterwegs“ tatsächlich meint.
SG aus E am Permanenter Link
Ja, warum hört man das nicht? Die Frage kann man eigentlich nur dem Herrn Prof. Dr. Dipl.-Pol., Dipl.-Soz. zurückgeben. Er möge sich im Kollegenkreis umhören nach Forschung zu Protestbewegungen.
Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) hat Teilnehmende der Gaza-Proteste befragt (1): A) Was waren die Motive zur Teilnahme? Die drei wichtigsten Motive waren: a) die Politik zum Handeln zu bewegen, b) ein Zeichen zu setzen, c) mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen.
B) Wie wird die Wirksamkeit der Proteste eingeschätzt? Hier sind die Werte geringer: Mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen, traut die Hälfte der Teilnehmenden den Protesten zu. Etwas weniger glauben, damit ein Zeichen zu setzen. Und nur wenige erwarten politisches Handeln aufgrund der Proteste.
Aus den Antworten kann geschlossen werden: a) Die Proteste richteten sich gegen die deutsche Politik, die bekanntermaßen unverbrüchlich an der Seite Israels steht, und wollen b) auf das Leid der Palästinenser aufmerksam machen, das (nach Ansicht der Teilnehmenden) zu wenig gesehen wird.
Um es kurz zu machen: Proteste in Deutschland haben zwei mögliche Adressaten: die deutsche Regierung und die deutsche Öffentlichkeit. Israel ist eine befreundete Demokratie, die dem Westen zugerechnet wird, mit vielen Sympathisanten in der Öffentlichkeit. Der Iran gilt sowohl der Regierung als auch der Öffentlichkeit als diktatorischer Schurkenstaat mit einer Ideologie, die von fast allen abgelehnt wird.
Welchen Sinn außer "Empörialismus" sollten also Iran-Proteste haben? Es sind sich doch alle einig. Niemand muss überzeugt werden, und noch mehr Aufmerksamkeit kann wohl kaum noch erzeugt werden.
Prof. Dr. Dipl.-Pol., Dipl.-Soz. Armin Pfahl-Traughbers Vorwürfe gegen 'die Linken' gehen ins Leere, und ich wundere mich, dass er das Offensichtliche nicht sieht: Es fehlt nicht an Kritik am Mullah-Regime, sondern an der Notwendigkeit, dafür auf die Straße zu gehen.
—
(1) https://protestinstitut.eu/wp-content/uploads/2025/10/ipb-working-paper_2-2025_All-Eyes-on-Gaza.pdf
Armin Pfahl-Tra... am Permanenter Link
In meinem Kommentar ging es um eine Kritik an den Doppelstandards in linken Protestbewegungen. Über die Gründe für das Engagement in Protestbewegungen habe ich mich in meinen Aufsätzen und Büchern geäußert.
SG aus E am Permanenter Link
Dann führen Sie doch bitte etwas genauer aus: Welche "linke Protestbewegungen" meinen Sie und auf welche angeblichen Doppelstandarts beziehen Sie sich.
Über einen Link zu einem Ihrer Artikel, der erklärt, a) warum ich falsch liege und b) warum man in Deutschland gegen das Mullah-Regime im Iran auf die Straße gehen sollte und bei wem man damit eine Meinungsänderung herbeiführen wollte, würde ich mich sehr freuen.
Armin Pfahl-Tra... am Permanenter Link
Der Kommentar bezieht sich mehrfach vergleichend auf die Proteste, die insbesondere in Berlin im Namen der Menschenrechte gegen die israelische Politik gerichtet waren.
Dies war mit "linke Protestbewegungen" gemeint. An derartigen Veranstaltungen nahmen indessen auch Islamisten teil. Allein diese Konstellation macht deutlich,
Mark am Permanenter Link
Wer soll dieses Regime eigentlich ersetzen? Ich glaube kaum dass die neuen Machthaber Demokraten sei werden.
Helga Baumann am Permanenter Link
Was weist daraufhin, dass, wie es in Ihrem Artikel dargestellt wurde, nur oder hauptsächlich die Linke die Lage in Iran ignoriert habe?
Volker Bunse am Permanenter Link
Zu behaupten, niemand in "der Linken" engagiert sich für die Menschen im Iran zeigt ein hohes Maß an Ignoranz.
Ich empfehle die Lektüre von ANF.de
malte am Permanenter Link
Das wird in dem Artikel allerdings auch nicht behauptet.