Vorsitzender des Bundes Freireligiöser Gemeinden

Gustav Tschirn

* 9. Juli 1865 in Peterswaldau/Schlesien Δ 25. Mai 1931 in Leipzig;
einflussreiche Persönlichkeit der freigeistigen Bewegung in der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Als führendes Mitglied sowohl der Freireligiösen als auch der freidenkerischen Bewegung versuchte er den Brückenschlag zwischen beiden.

 

Er wurde als Sohn eines Webereibesitzers geboren. Als er zwei Jahre alt war verlor er seinen Vater. Er besuchte das Gymnasium in Breslau und studierte anschließend Theologie. Jedoch legte er seine anerzogene strenge Frömmigkeit ab, als seine Mutter am religiösen Wahnsinn zugrunde ging und wendete sich der Freireligiösen Bewegung zu. Mit 24 Jahren hielt er 1889 seine Probepredigt in der Freien Gemeinde Breslau. Von da an gehörte er zu den erfolgreichsten Vertretern der Freireligiösen. In Massenversammlungen und Podiumsdiskussionen sowie durch zahlreiche Flugblätter und Broschüren konnte er ein breites Publikum ansprechen und für die kirchenfreien Organisationen gewinnen.

1891 wurde er zum Vorsitzenden des Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands (BFGD) gewählt, den er 30 Jahre lang leitete. Auf dem Bundestag in Nürnberg 1893 brachte er den Antrag ein, in den entsprechenden Verfassungsparagraphen statt "Förderung des religiösen Lebens" "Förderung der Humanitätsreligion" zu setzen. Tschirn verfolgte eine „naturalistische" Anschauung. Sie orientierte sich am Materialismus und der Religionskritik Ludwig Feuerbachs. In dessen Denkrichtung führte Tschirn seine Gemeinden. Das brachte viele von ihnen konsequenterweise in die organisierte Freidenkerei und ihn selbst 1901 auf dem Wiesbadener Kongress an die Spitze der deutschen Freidenkerbewegung. Er wurde Präsident des deutschen Freidenkerbundes und vertrat diese auf den internationalen Kongressen 1904 in Rom, 1905 in Paris und 1907 in Prag. 1921 gelang es ihm, den Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands und den Deutschen Freidenker Bund zum Deutschen Volksbund für Geistesfreiheit zusammenzuführen.

Im April 1924 beschloss man auf der „Zweiten freigeistigen Woche" in Leipzig einstimmig die Verschmelzung beider Organisationen. BFGD und DFB lösten sich damit auf. Der Verband süd- und westdeutscher Freireligiöser Gemeinden, mehr kulturchristlich als freigeistig orientiert, machte diese Vereinigung jedoch nicht mit. In Wiesbaden, wo Tschirn zuletzt lebte, ist seine Urne in ein Denkmal vor dem Gebäude der dortigen Freireligiösen Gemeinde eingemauert.

Zitat:
„Alle freien Denker stehen ... auf dem Boden der natürlichen Menschheitsmoral, dass der Mensch - kein ohnmächtiger, verlorener Sünder von Natur - sittliche Anlagen besitzt, das Streben zum Guten in sich hat, was er ohne Himmelslohn und Höllenfurcht aus eigener Kraft und Vernunft betätigt. Sie erkennen das Urgebot: „Liebe den anderen wie dich selbst" als Ausdruck des individuellen und sozialen Urtriebes an und streben über Rassen-, Klassen- und Völkerhass hinweg zur Menschheitsverbrüderung, zur Solidarität, wie zur Persönlichkeitserhöhung, zum Sieg des Rechts über das Gewaltprinzip, zum Volks- und Völkerfrieden, zum höchstmöglichen Glück des Einzelnen."