Gern gehen Russlands orthodoxe Würdenträger mit dem Argument der Moral hausieren, wenn sie begründen, warum sich ihre Landsleute wieder mehr Väterchen Gott zuwenden sollen. Nach dem Motto: Ohne Glaube – keine Moral. Wladimir Inosemzew hat dieses Argument einmal näher unter die Lupe genommen und verglichen.
In einer Welt, in der sich immer öfter zeigt, wie die grausamsten Formen des Extremismus mit religiösen Dogmen zusammenhängen und in der Handlungen des Staatsoberhaupts der „einzigen Supermacht“ (so seine Worte) diesem unmittelbar von Gott vorgegeben werden, erweist sich Europa als wichtigste Hochburg der aufgeklärten Säkularisierung. Das bedeutet nicht gleich, dass Staat und Kirche in der Alten Welt überall getrennt sind wie beispielsweise in Frankreich. In Großbritannien ist die Königin gleichzeitig Oberhaupt der anglikanischen Kirche; in Dänemark und Griechenland, auf Malta und Zypern gilt das Christentum als Staatskirche, und die erste Zeile der Verfassung Irlands betont, dass dieses Dokument im Angesicht der heiligen Dreifaltigkeit angenommen wurde, „von der alle Macht [auf Erden] ausgeht und im Einklang mit welcher die Taten der Menschen und Staaten zu stehen haben“.
Doch diese Traditionen existieren für sich, während das Leben seinen eigenen Lauf nimmt. Heute glaubt nur noch in 11 der 27 EU-Staaten mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung an Gott; in Deutschland, England, Frankreich, in Skandinavien und den Benelux-Staaten rechnen sich zwischen 26 und 60 Prozent der Einwohner einer religiösen Konfession zugehörig (zum Vergleich: In den USA schwanken die Zahlen von 78 bis 92 Prozent der Menschen, die sich als Gläubige bekennen). Etwas mehr als 14 Prozent der Europäer besuchen Gottesdienste, in den USA sind es 42 Prozent.
Führt diese Irreligiosität der Europäer deshalb zu einer geringer ausgeprägten Moral unter ihnen? Das zumindest sollte man annehmen, wenn man den Behauptungen unserer Gottesdiener glaubte, die geradezu eine direkte Abhängigkeit zwischen beidem – Glaube und Moral – sehen. Doch eher nicht: 2007 fielen in der EU auf 100.000 Einwohner 3,4-mal weniger Tötungsdelikte, 4,9-mal weniger bewaffnete Überfälle und 5,7-mal weniger Vergewaltigungen als in den USA (entsprechend 9,9-, 11,4- und 8,6-mal weniger als im „von Geistlichkeit nur so durchdrungenem“ Russland). Die Verbreitungsrate von Geschlechtskrankheiten war hingegen unter amerikanischen Teenagern 27-mal (!) höher als in der EU, und zu ergänzen wäre, dass 19 der 25 gefährlichsten amerikanischen Städte im sogenannten Bibelgürtel – den US-Staaten mit der höchsten Religiosität – liegen.
Dafür hat die Abkehr von der Religion die Europäer in ihren bürgerlichen Rechten gleich gemacht: 84 Prozent von ihnen erklären, dass sie bei Wahlen einen Kandidaten unabhängig von seinem Glauben unterstützen, während in den USA 53 Prozent der Bürger unter keinen Umständen einen Atheisten wählen würden. Vernunft und Moral werden heutzutage immer stärker losgelöst von Religion betrachtet, und Europa zeigt uns überzeugend, wie schnell die Verbindung zwischen diesen Kategorien verloren geht.
Die Irreligiosität der Europäer ist ein Symbol für die Normalität Europas und für die Reife der europäischen Nationen. Das christliche Abendland ist erwachsen geworden und hat es nicht nötig, sich Mythen zu unterwerfen. Seine Bewohner sehen keine Veranlassung dazu, sich gegenseitig vom Wert der Moral unter Bezug auf heilige Texte zu überzeugen. Indem sie sich von den Dogmen des Glaubens befreiten, haben die Europäer eine neue Stufe der Freiheit erreicht, die ihnen bisher keineswegs geschadet hat.
Wladimir Inosemzew (Übersetzung: Tibor Vogelsang)
Quelle: atheism.ru
Bild: expo02 Schweiz, Tibor Vogelsang





