Menschenrechte und die Goldene Regel

Wenn es darum geht, für die erhabene Moral des Christentums zu argumentieren, geht nichts über die Goldene Regel. Selbst wenn die zehn Gebote dank Gottes fragwürdiger Ankündigung von Rache „bis in die dritte und vierte Generation“ etwas an ihrem Glanz verlieren,

selbst wenn die Bergpredigt dank Jesus Aufruf, man solle sich sein wollüstiges Auge ausreißen, etwas Rost ansetzt, wider die Goldene Regel argumentiert auch nicht der ärgste Häretiker – wohl weil er nicht „arg“ genug ist.

 

Von Andreas Müller

 

Die Goldene Regel

In der Bibel kommt die Goldene Regel in zwei Varianten vor, in einer aktiven und in einer passiven: „Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ (Matthäus 7,12) und „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ (Tobias 4,16).

Die Goldene Regel ist nicht eine Exklusivität des Christentums, noch wurde sie vom Christentum, erfunden. Es gibt sie bereits in der griechischen Philosophie, im Konfuzianismus, im Hinduismus, im Buddhismus und in vielen anderen antiken Weltanschauungen. Sie gilt als die eine große, kulturvereinende ethische Weisheit, auf die sich alle Menschen einigen können. Sie ist außerdem unsinnig und wir sollten sie aufgeben.

Das tut ihnen auch!

Vor seinem berüchtigten Massenmord in der Westroads Mall am 5. Dezember 2007, bei dem der 19-jährige Robert A. Hawkins neun Menschen inklusive sich selbst töten und vier verletzen sollte, schrieb er eine Selbstmordnotiz an seine Freunde und erwähnte seine ethische Rechtfertigung der folgenden Tat: „Ich war mein ganzes Leben lang ein Stück Scheiße [...] Ich möchte einfach ein paar Stück Scheiße mit mir nehmen.“

Robert A. Hawkins wollte getötet werden und er hat andere Menschen getötet. Das ist eine konsequente und in sich legitime Anwendung der Goldenen Regel. Fatalerweise geht man stets davon aus, dass Menschen nicht wollen, dass man ihnen Schaden zufügt und dass sie deshalb anderen Menschen keinen Schaden zufügen würden. Aber das ist falsch.

Hawkins ist bei weitem nicht das einzige Beispiel, zu welch schrecklichen Taten diese Logik führen kann. Man denke nur an Selbstmordattentäter. Sie wollen in die Luft gesprengt werden und sprengen andere in die Luft. Aus Sicht der Goldenen Regel ein einwandfreies Verhalten. Was du willst, das man dir tu (in die Luft sprengen), das füg auch anderen zu. Die Goldene Regel ist nicht nur eine mögliche Legitimation für Massenmord. Wer es darauf anlegt, kann sie sogar, wie Robert Hawkins, als Aufruf zum Massenmord verstehen.

Noch mehr Probleme

Eine weitere Schwierigkeit: Wenn ein Polizist anderen Menschen nichts antun soll, von dem er nicht will, dass es ihm angetan wird, dann dürfte er Verbrecher nicht festnehmen. Einmal angenommen, er würde nämlich selbst einmal zum Verbrecher, dann würde dieser Polizist wahrscheinlich gar nicht wollen, dass man ihn festnimmt. Was nun? Mit der Goldenen Regel lässt sich dieses Dilemma jedenfalls nicht lösen.

Problem Nummer drei zeigt sich bei Interessenskonflikten. Sie geben eine Party und Ihr Nachbar will Ihre laute Musik nicht hören. Wenn er eine Party gibt, wollen Sie seine laute Musik nicht hören. Trotzdem ist es in beiden Fällen vertretbar, die laute Musik dem Anderen „zuzufügen“.

Für alle „normalen Menschen“, insofern sie sich nicht in einer Extremsituation befinden, ist die Goldene Regel zumeist trotzdem ganz brauchbar... Würde man meinen. Aber nehmen wir das Beispiel der – überwiegend christlich begründeten – Todesstrafe, die in den USA noch praktiziert wird. Sie ist sehr wohl mit der Goldenen Regel vereinbar. Ihre Anhänger sagen einfach: „Sobald ich einen Mord begehe, sollte ich ebenfalls exekutiert werden“. Voilà. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ steht also keineswegs im Widerspruch zur Goldenen Regel!

Göttliches Recht

In bestimmten Fällen kann man die Goldene Regel sicherlich anwenden. Das Problem besteht vor allem darin, dass dieses ethische Gebot das Resultat einer absoluten Moral ist. Die Regel will immer gültig sein, weil sie von Gott stammt. Und genauso argumentieren viele Christen auch. Wenn schon die Gebote in Levitikus nichts taugen, wie es zum Teil bereits Paulus eingeräumt hat, dann halten wir uns eben sklavisch an ein anderes göttliches Gebot, komme was da wolle.

So moderat ein Christ auch sein mag, wenigstens die Goldene Regel wird er als das Goldene Kalb des Christentums präsentieren müssen. Viel mehr bleibt nach Abzug der Sklaverei (auch Selbstversklavung unter Gottes Herrschaft), Antisemitismus (Juden als „Christusmörder“ und „Hostienschänder“), Unterdrückung der Frau (verantwortlich für die Erbsünde, wurde für Adam erschaffen), Sündenbock-Moral (Jesus stirbt für „unsere“ Sünden), den Freuden der Selbstgeißelung und der Furcht vor ewigem Höllenfeuer nicht mehr übrig vom Christentum. Allenfalls eine seltsame Form von Pazifismus, laut der man nur Menschen für ihre Taten verantwortlich machen darf, wenn man selbst vollkommen fehlerfrei ist („Der werfe den ersten Stein“). Wie US-Präsident Barack Obama bemerkte, müssten wir mit der Logik das Verteidigungsministerium abschaffen. Genausogut könnten wir uns als Selbstmordattentats-Dummys bei Al Kaida bewerben.

Menschliches Recht

Eine sinnvollere Grundlage der Ethik als göttliche Gebote sind die Menschenrechte, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 festgelegt wurden. Ergänzend könnte man den Utilitarismus miteinbeziehen, der das größtmögliche Glück für die größtmögliche Menge an Menschen anstrebt. Dann muss man noch anerkennen, dass die Menschenrechte für ihre Gegner nur eingeschränkt gelten, wie es bereits der Marquis de Condorcet 1790 in seiner Schrift „On the Admission of Women to the Rights of Citizenship“ feststellte:

„Entweder hat kein Individuum der Menschheit wahre Rechte, oder alle haben dieselben; und wer auch immer gegen die Rechte eines anderen votiert, was immer auch seine Religion, seine Hautfarbe oder sein Geschlecht sein mag, der hat von diesem Moment an seine eigenen Rechte verwirkt.“

Das ist dann auch der Grund, warum man Verbrecher einsperren darf, was an sich ein Verstoß gegen ihre Menschenrechte ist – sie haben jedoch selbst gegen die Rechte ihrer Mitmenschen verstoßen und verlieren deshalb einen Teil ihrer eigenen Rechte. Und so ist auch das Widerstandsrecht legitimiert, das Bürgern die Absetzung einer Regierung erlaubt, welche die Menschenrechte nicht anerkennt.

Ursprung der natürlichen Rechte

Umso besser, dachten sich christliche Apologeten, und erklärten kurzerhand die Menschenrechte zu ihrer eigenen Erfindung, die ohne Gott (ohne ihren Gott!) nicht zu rechtfertigen sei und die ohne christliches Engagement nie durchgesetzt worden wäre. Die Goldene Regel alleine ist eben nicht beeindruckend genug.

Es ist ziemlich schwierig, den einen Erfinder der Menschenrechte ausfindig zu machen. Wenn man sie unbedingt an einer Person festmachen will, dann spricht einiges dafür, dass es mit dem Calvinisten Hugo Grotius (1583-1645) tatsächlich ein Christ war, der das Naturrecht und somit das Menschenrecht erfunden hat. Er war der erste Philosoph, der für alle „rationalen und sozialen“ Menschen (also auch für Frauen, Schwarze und andere Minderheiten, denen bis ins 20. Jahrhundert Menschenrechte verwehrt wurden), allgemeine Menschenrechte einforderte. Nebenbei hat er auch noch die Grundlagen des Völkerrechts konzipiert, internationale Gewässer eingeführt und das Konzept des „gerechten Kriegs“ erarbeitet. Wie sich zeigen wird, gibt es jedoch einen guten Grund, warum er bei Christen weitaus weniger beliebt und bekannt ist als ihre Märtyrer und Heiligen.

Denn wie kam Hugo Grotius als Anhänger einer göttlichen Moral auf die Menschenrechte? Das ging nur auf eine Weise, nämlich indem er sich nicht auf Gott bezog. Für Grotius genügte ein Studium der menschlichen Natur, um die Menschenrechte zu begründen. Und er ist dabei sehr konsequent gewesen. Der Eintrag über Grotius im philosophischen Lexikon verrät uns folgendes:

„Für ihn gelten die natürlichen Rechte für alle rationalen und sozialen Wesen. Es ist unbedeutend, was sie denken oder glauben, wenn sie vernunftbegabt und gesellschaftsfähig sind, dann sind sie durch das Naturrecht gebunden.“

Also gelten diese Rechte auch für Ungläubige und Hexen, was seinen Zeitgenossen so gar nicht gefallen konnte. Für Grotius bestanden die Menschenrechte aus dem Recht auf Leben, dem Recht auf körperliche Unversehrtheit, dem Recht auf individuelle Selbstbestimmung und dem Recht auf „Ehre“, was man heute als „Würde“ kennt. Eine für seine Zeit bemerkenswert fortschrittliche Vision.

Erkämpfung der Menschenrechte

Unnötig zu erwähnen, dass dies über Jahrhunderte nur ein paar Philosophen interessiert hat. Erst die Aufklärer des 18. Jahrhunderts, die sich wieder auf Grotius beziehen (Thomas Reid nannte ihn den „unsterblichen Hugo Grotius“, für Leibniz war er „unvergleichbar“), und ihre Anhänger, setzten die Menschenrechte endlich durch.

Dass heute noch ein absolutes Moralprinzip wie die Goldene Regel in den Köpfen herumspukt, liegt zum einen daran, dass sie ein sehr „fittes Mem“ ist – sie klingt gut und ist einprägsam –, zum anderen am ungebrochenen Einfluss der Gegenaufklärung. Es gibt einen Grund, warum christliche Apologeten nicht das Naheliegende tun und Grotius als einen der ihren feiern, etwa indem sie den peinlichen und lächerlichen „Dreikönigstag“ durch einen „Grotius-Tag“ ersetzen: Sie bewerten göttliche Moral höher als menschliche Moral, höher als die Menschenrechte. Und als ob das alles noch nicht haarsträubend genug wäre: Hugo Grotius war der Erfinder der (protestantischen) christlichen Apologetik. Und heute sind es Atheisten, die sich andachtsvoll an ihn erinnern.

 

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