Globalisierung, Krieg und Frieden

(hpd) Der britische Historiker Eric Hobsbawm präsentiert in den zehn Essays seines Bandes „Globalisierung, Demokratie und Terrorismus“ Analysen und Reflexionen zu den Themenkomplexen Gewalt und Terrorismus, Hegemonie und Imperien, Krieg und Frieden.

Der undogmatische Marxist erweist sich dabei als ein problemorientierter Betrachter der internationalen Beziehungen, wobei die beachtenswerten und diskussionswürdigen Texte auch etwas systematischer angelegt hätten sein können.

Eric Hobsbawm gehört zu den international angesehensten Historikern der Gegenwart. Sein Buch „Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts“ machte ihn weit über Fachgrenzen hinaus bekannt. Und als 1917 geborener undogmatischer Marxist zählt Hobsbawn zu den interessantesten Intellektuellenfiguren unserer Zeit. Mit „Globalisierung, Demokratie und Terrorismus“ liegt eine Essaysammlung vor, worin zehn seiner Aufsätze zu den im Titel genannten Themenkomplexen enthalten sind. Der langjährige Professor an der Universität London versteht den Band als „Versuch eines Historikers, die Lage der Welt zu Beginn des dritten Jahrtausends sowie einige der drängendsten politischen Probleme zu inspizieren, zu analysieren und zu verstehen (S. 10). Die englischsprachige Originalausgabe erschien bereits 2007 und die Texte entstanden als Aufsätze oder Vorträge zwischen 2001 und 2006, was die bei jetziger Lektüre etwas irritierenden Ausführungen zur seinerzeit noch von der Bush-Administration zu verantwortenden US-Außenpolitik erklärt.

Hobsbawm widmet sich unterschiedlichen Themen der internationalen Beziehungen von Gewalt und Terrorismus über Hegemonie und Imperien bis zu Krieg und Frieden: Zunächst geht es um die neuen Formen militärischer Konflikte, welche zunehmend nicht mehr zwischen Staaten, sondern innerhalb von Staaten auszumachen seien. Dem gegenüber erinnert der Historiker an die Notwendigkeit eines souveränen Staates: „Um bewaffnete Konflikte im Inneren zu vermeiden oder unter Kontrolle zu bekommen, bedarf es noch unmittelbarer der Macht und des effektiven Funktionierens nationaler Regierungen, die von der Mehrzahl der Einwohner als legitim anerkannt werden“ (S. 34). Demgegenüber sei die Zeit der Imperien als internationale Ordnungsmächte endgültig vorbei, wie vergleichende Betrachtungen des britischen Empire mit dem amerikanischen Imperium veranschaulichen sollen. Die entscheidenden Instrumente dafür, „die Kooperation mit lokalen Interessen“ und „die Legitimität effektiver Macht“ (S. 83), wären, wie das Beispiel Irak zeige, nicht mehr gegeben.

In der mit dem Stichwort „Globalisierung“ verbundenen Entwicklung sieht Hobsbawm eine Gefahr für die Demokratie: „Das Ideal der Marktsouveränität ist keine Ergänzung der liberalen Demokratie, sondern eine Alternative dazu. Es ist sogar eine Alternative zu jeglicher Form von Politik, denn es leugnet die Notwendigkeit politischer Entscheidungen, die ja gerade Entscheidungen über allgemeine oder Gruppeninteressen sind im Unterschied zur Summe der – ob rational oder sonst wie – getroffenen Entscheidungen von Individuen, die ihre persönlichen Präferenzen im Auge haben“ (S. 106).

Eine weitere Gefahr für die Demokratie sieht der Historiker in der falschen und übertriebenen Reaktion auf den Terrorismus: „In der Praxis freilich liegt die reale Bedrohung durch den Terror nicht in der Gefahr, die von einer Handvoll anonymer Fanatiker ausgeht, sondern in der übermäßigen Angst, die ihre Aktivitäten erzeugen und die von den Medien wie auch von unklug agierenden Regierungen heute zusätzlich geschürt wird“ (S. 151).

Bei den einzelnen Texten handelt es sich um reflektierende Essays, nicht um systematische Erörterungen. Dies erklärt auch, warum manche Probleme zwar innovativ angesprochen, aber nicht abgerundet erörtert werden. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Hobsbawms Ausführungen zur Diskussion um die Frage, ob Demokratien zur Verbreitung ihrer Ideale in andere Länder militärisch intervenieren sollen. Zutreffend skizziert der Autor bedeutende Legitimationskriterien und formuliert begründete Einwände. Doch die andere Perspektive, etwa bezüglich der Folgen einer Nicht-Intervention, bleibt außerhalb der Betrachtung. Gleichwohl erweist sich Hobsbawm auch in diesen Texten als beachtenswerter und kluger Analytiker, veranschaulicht er doch prägnant die neue Rahmensituation für Gewalt und Umbrüche im 21. Jahrhundert. Gerade aus den historischen Vergleichen lässt sich durchaus etwas für die Gestaltung der Gegenwart lernen. Dazu bieten die Essays Hobsbawms in „Globalisierung, Demokratie und Terrorismus“ anregenden Stoff für Diskussion und Kritik.

Armin Pfahl-Traughber

Eric Hobsbawm, Globalisierung, Demokratie und Terrorismus. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn, München 2009 (Deutscher Taschenbuch-Verlag), 176 S., 14,90 €