Rezension

Michael Butter: Was Verschwörungserzählungen anrichten

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Pro-Trump-Demonstranten 2020 in Minnesota: Fox News befeuerte die Legende von der "gestohlenen Wahl".
Pro-Trump-Demonstranten 2020 in Minnesota

Nicht erst seit Corona prägen Verschwörungsmythen den öffentlichen Diskurs. Michael Butter geht in seinem neuen Buch "Die Alarmierten" der Frage nach, wie solche Erzählungen demokratische Prozesse untergraben – und wie man ihnen wirksam entgegentreten kann. Der Literaturwissenschaftler, der an der Universität Tübingen lehrt, gilt spätestens seit seinem vielbeachteten Werk "Nichts ist wie es scheint" als einer der wichtigsten deutschsprachigen Experten zu diesem Thema.

Der Umgang mit Verschwörungserzählungen bleibt umstritten. Während die einen darin eine ernste Gefahr für den demokratischen Diskurs sehen, werten andere sie als hysterisch überhöhte Randerscheinung ab. Michael Butter zeigt, dass beides zu kurz greift: Zwar erreichen die meisten Verschwörungsmythen vor allem Menschen, die ohnehin schon stark radikalisiert sind – doch gerade ihre Wirkung auf gesellschaftliche Debatten macht sie so problematisch.

Buchcover

In "Die Alarmierten" – Untertitel: "Was Verschwörungstheorien anrichten" nimmt Butter nicht nur ausgewiesene Verschwörungsgläubige unter die Lupe, sondern auch jene "Stiftungen, NGOs, Thinktanks und Beratungsstellen", die vorgeben, diese Narrative bekämpfen zu wollen, dabei aber ähnlich vorgehen und argumentieren wie jene, die sie kritisieren. Je stärker eine Theorie ins eigene Weltbild passe, desto überzeugender wirke sie, schreibt Butter. "In beiden Fällen grenzt man die eigene Gruppe strikt von 'den Anderen', den Verschwörer*innen bzw. Verschwörungstheoretiker*innen, ab und versichert sich der eigenen moralischen Überlegenheit."

Als Amerikanist richtet er seinen Blick immer wieder auf die USA. Trumps Mythos von der "gestohlenen Wahl" ist dabei das prominenteste Beispiel. Gleichzeitig erinnert Butter daran, dass 2016 auch viele Demokraten überzeugt waren, Donald Trump stehe unter dem Einfluss des Kremls und dieses Narrativ verbreiteten. Verschwörungserzählungen, so zeigt Butter, sind kein exklusiv rechtes Phänomen. Sie können sogar – historisch betrachtet – als unerwarteter "Katalysator" wirken: So beschreibt Butter, wie sie bei der Abschaffung der Sklaverei eine mobilisierende Rolle spielten.

Corona, Correctiv und die Dynamik der Skandalisierung

Auch die Corona-Proteste beleuchtet Butter differenziert. Nicht nur Querdenker verbreiteten während der Pandemie Verschwörungserzählungen – auch Medien und Politik neigten dazu, Demonstrierende pauschal durch Alarmnarrative zu diskreditieren. Besonders interessant ist Butters Analyse des Correctiv-Artikels über ein Treffen von AfD-Politikern, Neonazis und anderen Rechtsextremen. Um das zu erklären, zeigt Butter, wie die Berichterstattung selbst zur Verbreitung eines Verschwörungsmythos beitrug: der Vorstellung eines Geheimplans zur massenhaften Vertreibung von Migranten. Später wurde deutlich, dass den "Enthüllungen" in zentralen Punkten die Substanz fehlte.

Was Butter aus wissenschaftlicher Perspektive scharf herausarbeitet, wirkt sprachlich gelegentlich schwerfällig. Den Lesefluss stören immer wieder Sätze, die so elegant sind wie Gebrauchsanleitungen. Dennoch lohnt die Lektüre. Für Butter sind die Gründe, warum jemand an Verschwörungsmythen glaubt, vielfältig und gleichzeitig Symptome für tieferliegende Probleme. Im Schlusskapitel "Was gegen Verschwörungstheorien helfen würde" betont Butter, dass es nicht genügt, Verschwörungserzählungen lediglich zu widerlegen. Entscheidend sei, die gesellschaftlichen Ursachen anzugehen: Statusverlustängste, soziale Abstiegsbefürchtungen und das Gefühl, politisch und kulturell abgehängt zu sein. Erst wenn Teilhabe und Inklusion gestärkt werden, verliert der Verschwörungsglaube seinen Nährboden.

Michael Butter: Die Alarmierten. Was Verschwörungstheorien anrichten, Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, 247 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-518-02992-3

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