Versuch über ein ethisches Problem

Die Frage von Schuld und Verantwortung

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Rainer Schepper (2014)
Rainer Schepper (2014)

MÜNSTER. (hpd) Der freie Schriftsteller, Publizist und Rezitator Rainer Schepper schrieb einen theoretischen Aufsatz über die “Frage von Schuld und Verantwortung aus deterministischer Sicht”. Der Humanistische Pressedienst hat sich entschlossen, den Text in voller Länge zu veröffentlichen, auch wenn er länger als gewöhnlich ist.

Vorbemerkung

Oberstes Postulat und unverzichtbares Theorem aller monotheistischen Religionen ist die Willensfreiheit des Menschen, der Indeterminismus. Er gilt als unantastbares Axiom und ist grundgelegt in der dubiosen Paradiesesgeschichte, in der vier handelnde Personen auftreten, nämlich Gott als Schöpfergott, sein Widersacher, der Satan oder Teufel in Gestalt einer redenden Schlange, Adam, als Gottes Ebenbildnis aus Erdmasse erschaffen und Eva, als eine seiner Rippen von ihm genommene und ihm untergeordnete Kreatur. Diese beiden verfügen über einen freien Willen, mit dem sie sich dafür entscheiden, lügenhaften Einflüsterungen der Schlange zu glauben, wonach sie die Strafe auf sich nehmen müssen, aus dem Paradiese für immer vertrieben zu werden. Sie sündigten wider ihren Schöpfer, und diese Sünde übertrug sich laut monotheistischer Lehre auf alle ihre Nachkommen, also auf die gesamte Menschheit, die ihrerseits mit dem freien Willen begabt war, sich für Gutes oder Böses zu entscheiden, also sündig, schuldig zu werden oder sich von Schuld frei zu halten. Schuld und Strafe gehören nach dieser Lehre von Anbeginn der Menschheit her zur menschlichen Existenz.

Abgesehen von dieser ideologisch motivierten These hat aber der Indeterminismus auch eine pragmatische, eine praktische, eine praktikable Seite. Indem man dem Menschen den freien Willen und damit Schuldfähigkeit und Strafwürdigkeit zuerkennt, unterwirft man ihn gleichzeitig Sanktionen, macht ihn beherrschbar und, soweit man ihn nicht beherrschen kann, zumindest diffamabel, nimmt sich das Recht heraus, ihn schuldig zu sprechen, verantwortlich für seine Verfehlungen. So erscheint die Lehre und das Postulat der Willensfreiheit primär weltanschaulich fundiert.

Der Mensch sträubt sich gegen eine Schicksalslehre, weil er sich durch sie entwürdigt wähnt, aber damit unterliegt er der Verwechslung von Tun und Wollen. Das Vermögen der Freiheit des Handelns erzeugt in ihm die Illusion der Willensfreiheit.

Abgesehen von diesem psychologischen Sachverhalt hebt das Axiom des freien Willens den Menschen, auf sich selbst bezogen, über alle anderen Wesen hinaus, setzt sich (und ihn) von ihnen ab, da ihn die freie Entscheidungsfähigkeit, die sich über jede Art Instinkt und Trieb erhebt, zu einer Art Souverän werden lässt, für den er sich denn auch halten darf. Er verfügt über eine sich von allen andern Wesen unterscheidende Selbstbestimmung, mit der ihm eine göttliche oder doch gottähnliche Eigenschaft zuerkannt ist.

Allein der Gedanke, nicht selbstbestimmt zu sein, keinen freien Willen zu haben, sondern determiniert denken und handeln zu müssen, nimmt ihm, wie er meint, seine Menschenwürde, die als Fundament aller freiheitlichen Verfassungen ausdrücklich formuliert und anerkannt ist. Und so wird der Indeterminismus unversehens und unmittelbar zu einem unverzichtbaren, unantastbaren Politikum, wie er denn auch von jeher die Kultur des Abendlandes bestimmt und beherrscht und aus den Köpfen der Menschen kaum noch wegzudenken ist. Das gesamte Gesetzesgefüge – nicht nur – des Abendlandes ist auf dem Indeterminismus aufgebaut, insbesondere aber das Strafrecht, das an dem Verurteilten die Rache der Gesellschaft auslässt, ohne je etwas Besserndes, also Nützliches bewirkt zu haben.

Es erben sich Gesetz und Rechte
Wie eine ew´ge Krankheit fort,
Sie schleppen von Geschlecht sich zu Geschlechte
Und rücken sacht von Ort zu Ort,
Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage:
Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist leider! nie die Frage.
(Goethe, Faust I, Studierzimmer, 1972–1979)

Determinismus als philosophisches Axiom

Das älteste Zeugnis über die Erkenntnis der Determination findet sich in der Antike beim griechischen Philosophen Leukippos von Milet, der etwa 500 vor der Zeitrechnung lebte. Er war der Begründer des atomistischen Systems. Sein Schüler Demokrit, (etwa 460–370 v.d.Z.), leugnet jede Ursache; Ursachen sind für ihn ewig, also ohne Anfang und Ende. Ihm folgten die Stoiker, deren Begründer Zenon aus Kition auf Zypern (336–254 v.d.Z.) war. Sie erkannten, dass der Kosmos von einem unverbrüchlichen Determinismus gekennzeichnet ist, und sie vertraten die Auffassung einer durchgehenden Teleologie, die ihrerseits auf Aristoteles (384–322 v.d.Z.) überging, wenn auch in abgewandeltem und modifiziertem Verständnis. Cicero (106–43 v.d.Z.) vertrat in “De fato” die Überzeugung, dass alles vom Schicksal bestimmt sei und man sich daher um nichts zu sorgen oder zu bemühen brauche. Von ihm ging diese Ansicht auf Vergil (70–19 v.d.Z.) über, der sie in seinem “Hirtengedicht” kosmisch verankert sieht. Auch Seneca (4 v.d.Z.- 65 n.d.Z.) bringt in seiner “Trostschrift an Marcia” seine deterministische Anschauung zum Ausdruck, wenn er das Glück der Völker wie auch das größte und kleinste Geschehen vom Lauf der Gestirne abhängig sieht.

Kirchenvater Aurelius Augustinus (354–430), der als scharfer Denker den Tatbestand des empirisch wahrzunehmenden Determinismus nicht leugnen konnte, ersetzte ihn durch Einführung des Begriffs der göttlichen Prädestination, einer gottgewollten Vorsehung, der der Mensch unabdingbar unterstellt sei. Diese Lehre vertrat Martin Luther (1488–1546) in weit radikalerer Form, indem er mit seiner Prädestinationslehre den freien Willen radikal leugnete. So führt er am Beispiel des Verräters Judas und des verstockten ägyptischen Pharao aus, dass diese unter der unfehlbaren Notwendigkeit eines unausweichlichen, sie zum jeweiligen Zeitpunkt determinierenden inneren Zwanges, einer “necessitas infallibilis ad tempus” handelten. [1]

Eine weitere wichtige Unterscheidung zwischen unfreiem Willen und freiem Handeln traf Thomas Hobbes (1588–1679) mit der zutreffenden Beobachtung: “Es ist sicher, daß ich handeln kann, wie ich will, aber zu sagen, ich kann wollen, wie ich will, ist ein sinnloser Ausdruck”, nämlich ein Denkfehler. Damit entfallen aber auch logisch Lob und Tadel.

Baruch de Spinoza (1632–1677), wegen religiöser Irrlehren mit dem Bannfluch der Gemeinde belegt, erklärte, die Erkenntnis der unabänderlichen Weltordnung sei es, die den Weisen vom Toren unterscheide. Er ging als einziger Philosoph von Rang zum vollkommenen Pantheismus über und behauptete, es gebe keinerlei Zufall oder Willkür, alle Geschehnisse in der Welt seien vollständig determiniert. Spinozas Philosophie übte Einfluss u.a. auf Leibniz (1646–1716), Lessing (1729–1781), Fichte (1762–1814) und Schelling (1775–1854).

David Hume (1711–1776) war es dann, der als Empiriker das Kausalprinzip an Erwartungen aufgehängt sah, es kritisierte und den Kausalbegriff als Irrtum entlarvte. Außer der Willensfreiheit ist die Annahme von Kausalität, das Behaupten von Ursache und Wirkung, als zweiter Denkfehler aufzudecken, was übrigens auch die Quantentheorie von Max Planck (1858–1947) erwiesen hat.

Gegen den christlichen Indeterminismus trat dann Paul Heinrich Dietrich Baron von Holbach (1723–1789) auf, der die Auffassung vertrat, in der Natur gebe es weder Übel noch Schuld noch Unordnung. Alle Religionen waren für ihn Erzeugnisse priesterlichen Eigennutzes, schädlich für das Volksglück. Die Natur sei ohne Zweck, aber alles Geschehen notwendig. Kosmos und Bios unterliegen nach ihm dem Gesetz der Notwendigkeit.

Marquis Pierre Simon Laplace (1749–1827) vertrat eine kosmogonische Hypothese, dem Determinismus verpflichtet. Auch der Philosoph und Ethiker Arthur Schopenhauer (1788–1860), ein weit klarerer und schärferer, kompromissloserer Denker als der Moralist Immanuel Kant (1724–1804), vertrat den Determinismus, wofür zwei Zitate aus “Die Welt als Wille und Vorstellung” hier angeführt seien: “Der Intellekt vermag nicht den Willen selbst zu bestimmen, dieser handelt mit vollkommener Notwendigkeit. Der Mensch kann nicht beschließen, ein solcher oder solcher zu sein, noch auch kann er ein anderer werden.” ( Bd.I, S. 402–403). “Um zuvörderst das Böse zu beseitigen, wurde die Freiheit des Willens erfunden, diese ist jedoch nur eine versteckte Art, etwas aus nichts zu machen.” ( Bd. II, S. 222)

Friedrich Nietzsche (1844–1900) formulierte in “Der Wille zur Macht” in Sentenz 428: “Niemand der alten Philosophen hat den Mut zur Theorie des ‘unfreien Willens’ gehabt (d.h. zu einer die Moral negierenden Theorie)”. Er selbst erkannte klar die Finalität des Indeterminismus, wenn er in Sentenz 290 vorausschickte: “Die Moral-Hypothese zum Zweck der Rechtfertigung Gottes hieß: das Böse muss freiwillig sein (bloß damit an die Freiwilligkeit des Guten geglaubt werden kann) und anderseits in allem Übel und Leiden liegt ein Heilszweck. – Der Begriff ‘Schuld’ als nicht bis auf die letzten Gründe des Daseins zurückreichend, und der Begriff ‘Strafe’ als eine erzieherische Wohltat, folglich als Akt eines guten Gottes”. – Für Nietzsche war die Anerkennung des determinierten Willens geradezu das Kriterium des philosophischen Denkvermögens. Er war überzeugt, dass die Wissenschaft den Menschen sogar zwingen könne, die Willensunfreiheit anzuerkennen. Er predigte sein berühmtes “Amor fati”, die Liebe zum Schicksal.

Als ein gründlicher Denker der Jetztzeit erweist sich Fritjof Capra, 1939 in Wien geboren, der in Berkerley in Kaliforniern lebt und mit seinem beeindruckendem Werk “Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild” fundamentale Erkenntnisse im Zusammenhang mit unserm Thema referiert. Allerdings verbindet er mit einem strengen Determinismus eine mechanistische Weltanschauung im Sinne der Auffassung von einer kausalen und völlig determinierten kosmischen Maschine, was hier abgelehnt wird, da wir von der Auffassung eines ganzheitlichen lebenden Organismus, einer Einheit von Kosmos und Bios, von ewig aktiver Bewegung als Element jeglichen Lebens ausgehen. Zuzustimmen ist Capra, wenn er feststellt, dass die meisten Akademiker engbegrenzte Anschauungen von der Wirklichkeit haben und daher nicht fähig sind, mit den großen Problemen der Gegenwart fertig zu werden. Sie befassen sich nicht mit der Wahrheit, sondern mit begrenzten und annähernden Beschreibungen der Wirklichkeit. Schon die mechanistische Weltanschauung, wenn man sie denn gelten lassen will, ist eng verbunden mit einem strengen Determinismus, mit der Auffassung einer – hier geleugneten – kausalen und völlig determinierten kosmischen Maschine. Demgegenüber ist das Universum als ein unteilbares dynamisches Ganzes aufzufassen, dessen Teile in Wechselbeziehungen stehen und nur als Strukturen eines Vorganges von kosmischer Dimension verstanden werden können. So muss nach Gregory Bateson (1904–1980) jedes einzelne nicht durch das definiert werden, was es an sich ist, sondern durch seine Zusammenhänge mit anderen Dingen. Jedes Ereignis wird vom gesamten Universum als Gesamtorganismus beeinflusst, womit das Wesentliche der Quantenwirklichkeit angesprochen ist. Die Quantenphysik sieht unmittelbare Beziehungen zum Universum als Ganzem, und so wird es zunehmend schwieriger, irgendeinen Teil des Universums vom Ganzen zu trennen.

Einstein (1879–1953) war der Überzeugung, dass irgendwann in der Zukunft eine deterministische Interpretation von bisher verborgenen lokalen Variablen gefunden werde.

Capra verweist auf die grundlegende Rolle nichtlokaler Zusammenhänge und die in der Atomphysik erkennbare Wahrscheinlichkeit, die eine neue Vorstellung von der Kausalität mit sich bringe, die tiefgreifende Auswirkungen auf alle Wissenschaftszweige haben werde.

Er hält den engen klassischen Begriff von Ursache und Wirkung nicht länger für haltbar, ohne jedoch eine überzeugende Alternativtheorie bieten zu können, und weist darauf hin, dass nach der Quantentheorie alle Materie ständig ruhelos und im Zustand immerwährender Bewegung sei, dass es in der Natur keine statische Struktur gebe, keine lineare Beziehung von Ursache und Wirkung, nichts Kausales im klassischen Sinne, sondern – synchron und analog (d. Verf.) – Entsprechendes nach der Relativitätstheorie.