Coming out für Atheistinnen

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Screenshot der Webseite zur Konferenz
Screenshot der Webseite zur Konferenz

ALEXANDRIA/USA. (hpd) Bei einer Konferenz im Mai redeten Frauen offen von ihrem “coming out”; davon, sich offen zu etwas zu bekennen. Aber das Thema war nicht Sexualität. Stattdessen sprachen die Frauen bei der dritten “Women in Secularism”-Konferenz darüber, Atheistinnen zu sein.

Einige von ihnen sind als Katholiken aufgewachsen, andere jüdisch, wiederum andere protestantisch – aber fast alle beschrieben ihre Reise von der eigenen Anerkennung des Atheismus hin zu dem Bekenntnis vor den Nahestehenden. An die Öffentlichkeit zu gehen war der letzte, meist schmerzhafte Schritt.

Jeder der eine fest zusammengewachsene, glaubensbasierte Gemeinschaft verlässt, riskiert elterliche Enttäuschung, Ablehnung von Freunden und Bekannten und eine Anklage aus Selbsthass. Der Werdegang kann besonders dann schwierig und isolierend für Frauen sein, die als Musliminnen aufgewachsen sind und nun beschuldigt werden, sich in der westlichen Welt zu assimilieren, von der sie verschmäht werden.

“Es war unfassbar schmerzhaft” sagte Heina Dadabhoy, 26, während einer Diskussionsrunde mit dem Thema “Frauen verlassen den Islam”. Dieser Gruppe gehörten auch drei frühere Christinnen und eine ehemals jüdische Frau an, die Romanschriftstellerin Rebecca Newberger Goldstein.

“Mein gesamtes Leben, meine Identität war es, eine gute Muslima zu sein.” Frau Dadabhoy ist Web-Entwicklerin und lebt in Orange Country, Californien. Sie hält öfters Vorträge über das Verlassen des Islams und sagt, dass der härteste Teil daran war, sich der Familie zu öffnen. “Die Gefühle, die ich hervorrief, brachten mich dazu, mich von ihnen abzuwenden” sagte Frau Dadabhoy. Ihre Eltern beschuldigten sie, sich selbst für etwas besseres als ihre Großeltern und anderen Vorfahren zu halten. “Du denkst, das, was du hast ist besser, als das, was wir haben? Du denkst, du bist so wie die weißen Leute” erinnert sich Frau Dadabhoy an das, was ihre Eltern sagten.

Es gibt nur wenige Vorbilder für ehemalige Musliminnen. Und auch, wenn die Geschichte der Religion einige bemerkenswerte Skeptiker beinhaltet, sind darunter nur verschwindend wenige Frauen. Heute gibt es feministische Musliminnen wie Irshad Manji und Amina Wadud, die ein liberaleres Verhalten gegenüber der Frauen im Islam fordern. Aber keine der beiden hat von dem Glauben abgelassen. Und viele Atheisten sträuben sich gegen eine Identifikation mit Ayaan Hirsi Ali, der Somalisch-Amerikanerin. Ihre vehemente Kritik am Islam wird selbst von einigen Atheisten als zu harsch angesehen. Eine Gruppe die versucht über diese Lücke eine Brücke zu schlagen ist “Ex-Muslims of North America”, die auch einen Informations­stand in der Aus­stellungs­halle hatten. Mitglieder dieser Gruppe, die sich letztes Jahr in Washington und Toronto gründete, erkennen an, dass ihre Bemühungen vielleicht für manche radikal aussehen mögen und treffen daher Sicherheits­vorkehrungen bei der Auf­nahme von neuen Mit­gliedern. Mit den Interessenten werden persönlich Gespräche geführt bevor ihnen gesagt wird, wo das nächste Treffen statt­findet. Die Gruppe ist sehr schnell gewachsen, inzwischen in einem Dutzend Städten aktiv, darunter Boston, Chicago, Houston, New York und San Francisco.

Eines der Gründungs­mit­glieder dieser Gruppe, die auf der Konferenz anwesend war, ist Sadaf Ali, 23, eine Afghanisch-Kanadierin, die sagte, dass sie selbst früher “eine ziemlich praktizierende Muslima war”. Während ihrer Kindheit, sagt Ali, “war ich immer eher trotzig”. Als sie älter wurde kämpfte sie gegen Depressionen und sie dachte, dass mehr Beten und das Lesen des Koran ihr helfen würden. Sie wurde religiöser und freute sich auf ein traditionelles Leben. “Ich dachte, mein Leben wäre irgendwie für mich vorbestimmt: ich heirate und bekomme Kinder”, so Ali, “ich werde vielleicht auf eine Schule gehen. Ich werde ein sehr häusliches Leben haben. Das haben meine Familie und meine Vorfahren so gemacht.” Aber als sie dann Universitäts­studentin war, fingen ihre Gefühle an, sich zu verändern.

“Als ich anfing, die Religion zu hinter­fragen, realisierte ich, dass ich mit mir selbst redete”, sagte Sadaf Ali. “Keiner hörte mir zu, ich hatte gerade die Universität von Toronto betreten und das kritische Denken war großer Bestand­teil meiner Studien. Ich habe einen kunst­historischen und schrift­stellerischen Hinter­grund, und ich begriff dass jeder Vers [im Koran] explizit oder impliziert sexistisch ist.” Schnell bröckelte ihr Glauben.

“Etwa 2009 realisierte ich, dass es wahrscheinlich keinen Gott gibt”, sagt sie. “Was ist so schlimm daran, einen Freund zu haben oder vor­ehe­lichen Sex? Was ist falsch daran, zu essen und zu trinken bevor die Sonne unter geht während des Ramadans? Was ist daran denn so falsch? Ich konnte diese kognitive Dissonanz nicht mehr aushalten.”

In den nächsten drei Jahren begann Frau Ali sich als Agnostikerin zu begreifen. Sie hörte auf, den Islam zu prakti­zieren. Sie hat immer noch muslimische Freunde und ihr Bruder heiratete in eine religiöse muslimische Familie ein. Einige jüngere Bekannte und Verwandte fanden es langsam heraus. “Sie schienen sich nicht zu kümmern, dass ich keine Muslima bin”, sagt Frau Ali, “aber ich habe es nicht meinen Eltern erzählt.”

Schließlich aber hörten ihre Eltern es.

“Sie waren unfassbar traurig, da sie auch an eine ewige Hölle glauben,” sagt Frau Ali. “Zum größten Teil sind sie ein­ver­standen mit meiner Ir­religiosität”, fügte sie hinzu. “Aber wir sprechen inzwischen nicht mehr viel darüber und das ist in Ordnung.”

Die Mitglieder der Ex-Muslime sind überzeugt, dass sie die Rechte anderer, den Islam zu prakti­zieren, respektieren. Das Motto der Gruppe heißt: “Keine Bigotterie und keine Ent­schuldi­gungen” und in dem Text auf der Web­seite steht “Wir ver­stehen, dass es Muslime in allen Variationen gibt, und wir werden nicht daran teil­nehmen, diese Viel­falt zu ver­ringern.” Aber sie bestehen genauso auch darauf, dass es immer noch zu schwierig für Muslime mit Neigung zum Atheismus ist, ihrem Denken zu folgen und zu sehen, wo es sie hin­führen könnte. Wohin­gegen skeptische Christen oder Juden eine Zu­flucht im refor­mistischen Flügel ihrer Tradition finden können, bestehen religiöse Muslime gemeinhin auf die wort­wörtliche Wahr­heit des Koran.

“Ich würde sagen, dass vielleicht 0,1 Prozent gewillt sind, die Fundamente des Glaubens heraus­zu­fordern”, sagt Nas Ishmael, ein weiterer Gründer der Ex-Muslimen Gruppe und Teil­nehmer der Konferenz.

Also fühlen sich diejenigen allein, die sich der Heraus­forderung stellen, die Glaubens­grund­lagen infrage zu stellen. Laut Frau Ali und ihren Kollegen der Ex-Muslime in Nord­amerika, hören sie häufiger von anderen, die sagen “ich dachte, ich wäre der einzige.”

Als Frau Dadabhoy ihr “coming out” bei ihren Eltern hatte, “lief es nicht so gut”, sagt sie. “Sie reagierten auf die eine Art, die sie kannten - und das war auszu­flippen. Sie haben noch niemals von jemandem gehört, der den Islam ver­lassen hatte. Wir sind mit der Idee auf­gewachsen, man kann nicht gehen, niemand kann gehen. Den Islam zu ver­lassen, war etwas, das nur ein un­fassbar geistes­gestörter Mensch tun würde. Oder dazu ge­zwungen mit vorge­haltener Waffe.”

Kritiker haben sie als Teil einer zio­nistischen Ver­schwörung bezichtigt, der den Islam schlecht dar­stellen will. “Ich sage dann: ‘wenn das so ist, wo ist dann mein Gehalts­check?’” sagt Frau Dadabhoy belustigt. Für einige Zeit haben Frau Dadabhoy’s Eltern sie zu Imamen mit­genommen, in der Hoffnung, ihr die Apostasie aus­reden zu können. “Und sie kamen immer wieder mit ihren tauto­logischen Über­zeugungen” erinnert sie sich. “‘Du bist gesegnet, da du in den Islam geboren wurdest.’ Und ich antwortete: ‘aber wenn ich als Christin geboren wäre, würdest du doch das selbe sagen, nur eben mit Christen­tum.’ Einmal habe ich vier Stunden mit einem Imam geredet und seine Schluss­folgerung war: ‘Habe einfach Glauben, da du Glauben haben solltest.’”

Ab diesem Punkt war dann Frau Dadabhoy’s Ab­wesen­heit vom Glauben genauso unver­meidlich wie der Glaube des Imam an den seinen.

 


Übertragen aus der New York Times (mit freundlicher Genehmigung) von Katharina Malik.