Interview

"Die Agitation der Hamas ist von einem tiefsitzenden Antisemitismus geprägt"

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Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern hat eine neue Stufe der Eskalation erreicht. Mehr als 200 Todesopfer haben die militärischen Auseinandersetzungen in den vergangenen Tagen bereits gefordert. Hinsichtlich der militärischen Aktionen auf palästinensischer Seite kommt der Hamas die zentrale Rolle zu. Doch was ist die Hamas eigentlich, was sind ihre Ziele und wie ist sie organisiert? Ein Interview mit Politikwissenschaftler Prof. Armin Pfahl-Traughber.

hpd: Herr Prof. Pfahl-Traughber, der Nahost-Konflikt eskaliert gerade mal wieder. Und dabei spielt die Hamas eine wichtige Rolle, indem sie Raketen auf Israel schießt. Aber was ist die Hamas eigentlich genau? Passt die Bezeichnung "islamistische Terrororganisation"?

Pfahl-Traughber: Ja, aber damit wird nur ein Teilaspekt erfasst. Die Hamas ist ein komplexes Phänomen, man kann eine politische, soziale und terroristische Komponente unterscheiden. Und gleichzeitig gehören diese einzelnen Komponenten wieder in einer eigenen Organisationsstruktur zusammen.

Dann gehen wir doch die einzelnen Aspekte mal gesondert durch. Oder noch besser, fangen wir doch mal am Anfang an: Wann und warum wurde die Hamas gegründet – und was bedeutet eigentlich "Hamas"?

Beispielbild
Prof Armin Pfahl-Traughber (© Evelin Frerk)

Das ist eine Abkürzung beziehungsweise ein Akronym und steht für Harakat al-Muqawama al-Islamiya, also "Islamische Widerstandsbewegung". Gleichzeitig meint aber "Hamas" auch so viel wie "Eifer" oder "Kampfgeist". Zwei wichtige Aspekte sind schon im Namen enthalten: Man versteht sich dezidiert als islamisch und dann hier als islamistisch, und man will "Widerstand" leisten und dann hier gegen die gemeinte israelische Besatzung von Palästina.

Was die Gründung angeht, die erfolgte 1987 und ging von Anhängern der dortigen Muslimbruderschaft aus. In die damals eher spontan aufkommende Intifada, also einer Protestbewegung gegen die israelische Politik, wollte man als eigenständiger Akteur hineinwirken und sich als politischer Faktor etablieren.

Was genau hat das mit der Muslimbruderschaft zu tun? Dabei handelt es sich doch um so etwas wie die "Mutterorganisation" für alle islamistischen Organisationen, die viele Jahrzehnte früher in Ägypten gegründet wurde.

Genau, das war 1928. Und dann wurde aus einer kleinen missionarischen Bewegung binnen kurzer Zeit so etwas wie eine Massenbewegung, die soziales Engagement mit einer politischen Botschaft verband. Es entstanden auch schnell in anderen Ländern der dortigen Region jeweils Ableger und so wurde aus der Muslimbruderschaft eine internationale Bewegung, die auch heute in westlichen Ländern überaus aktiv ist.

In welcher Hinsicht ist ein Blick auf die Muslimbruderschaft besonders relevant, wenn wir von der Hamas sprechen? Sie sprachen ja davon, dass es sich bei der Hamas um einen Ableger der Muslimbruderschaft in den Palästinensergebieten handelt.

Ja, die Ideologie und Strategie übernahm die Hamas letztendlich von der Muslimbruderschaft, daher ist auch dieser Zusammenhang so bedeutsam. Fangen wir mal mit der Ideologie an, beruft die Hamas sich doch gern auf Hasan al-Banna, den Gründer der Muslimbruderschaft. Seine Losung ist auch die Losung der Hamas: "Gott ist ihr Ziel, der Gesandte Gottes ist ihr Vorbild, der Koran ist ihre Verfassung, der Dschihad ist ihr Weg, und der Tod für die Sache Gottes ist ihr erhabenster Wunsch." So heißt es jedenfalls in der Charta der Hamas.

Was bedeutet das für die politischen Auffassungen der Hamas? Solche Aussagen klingen sehr allgemein, genauere Positionen sind darin nicht enthalten. Gibt es denn so etwas wie eine fest umrissene Ideologie der Hamas?

In einem breit entwickelten Sinne als geschlossene Weltanschauung nicht. Die erwähnte Aussage läuft indessen darauf hinaus, den Islam nicht nur als individuelle oder kollektive Glaubensform anzusehen. Er soll das gesellschaftliche Miteinander, die geltende Rechtsordnung und dann auch den existenten Staat prägen. Die Gläubigen hätten dafür notfalls ihr Leben zu geben. Alles wäre eben dem Islam im Sinne von Religionsgelehrten zu unterwerfen. Denn die Gottessouveränität soll über der Volkssouveränität stehen.

"Die Hamas ist ein komplexes Phänomen"

Demnach vertritt die Hamas auch derartige Positionen? Aber inwiefern hat sie auch eine ähnliche Strategie wie die Muslimbruderschaft entwickelt? Von ihr wurden doch keine Raketen nach Israel geschickt?

Das ist richtig. Es geht um Gemeinsamkeiten in der Strategie in der Frühphase. Beide gaben sich zunächst als eine Art Missionsbewegung, die für den Glauben an den Islam warb und sich dabei auch sozial engagierte. Man förderte Bildungsmöglichkeiten, gründete Krankenhäuser, organsierte Nachbarschaftshilfen etc. So kam es zu dem, was in der Extremismusforschung eine "alltagskulturelle Verankerung" genannt wird.

Aber irgendwann ging die Hamas, bleiben wir jetzt mal bei der Hamas, dazu über, ein politischer Faktor zu werden. Sie fand doch offenbar immer mehr Anerkennung unter den Palästinensern und gewann dann auch später in Gaza die Wahlen.

Ähnlich wie in anderen Ländern gelang es diesen Muslimbrüdern immer stärker, in der Gesellschaft mit ihrem Sozialengagement wahrgenommen zu werden. Es entstand auch so eine Massenbewegung mit eigenen Organisationsstrukturen. Hinzu kam, dass man der Fatah damit politische Konkurrenz machen konnte. Deren Funktionäre galten – durchaus zutreffend – vielen Palästinensern als elitär und korrupt.

Aber dann noch einmal zurück zu dem Gesichtspunkt, dass es sich hier um eine politische Organisation handelte. Wie passt das denn wieder mit der Gewaltorientierung und eben dem Terrorismus zusammen? Schließt sich das eigentlich nicht aus?

Nicht notwendigerweise. Zunächst einmal entstand eine hierarchische Struktur, wobei zwei Gremien von herausragender Bedeutung waren beziehungsweise sind: der "Konsultativrat" und das "Politische Büro". Der Konsultativrat bildet das eigentliche Machtzentrum. Und von dort aus erfolgen auch die Anweisungen für das konkrete Handeln, was eben Gewalttaten wie Terrorismus einschließt. Beides erfolgt geplant und nicht zufällig.

"Ideologie und Strategie übernahm die Hamas letztendlich von der
Muslimbruderschaft"

Welche Gewalttaten gehen denn von der Hamas aus? Aktuell hört man hauptsächlich von Raketenangriffen, früher war immer wieder von Selbstmordattentaten die Rede. Was verspricht sich die Hamas von so einem Vorgehen?

Ganz allgemein geht es darum, Israel unter Druck zu setzen und sich als eigener Machtfaktor zu zeigen. Und dann ist Gewalt jeweils ein Kalkül, auch nach innen, gegenüber der eigenen Bevölkerung. Beim Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre kann man etwa feststellen, dass bei ansteigender Empörung über die Hamas-Regierung unter den Palästinensern diese dann Raketen nach Israel schickt. Kommt es dann zu Gegenschlägen, zeigt die Hamas-Regierung auf Israel als Schuldigen für viele Probleme.

Wie muss die reale Gefahr für Israel durch diese Raketen eingeschätzt werden? Sie gelten ja als überaus fehlerhaft und technisch unterentwickelt, während es auf israelischer Seite ein gut entwickeltes Raketenabwehrsystem gibt.

Ja, beides ist richtig. Ein Großteil der Raketen kann so auch abgefangen werden. Doch auch, wenn das bei weit über 90 Prozent der Fall ist, kommen immer wieder einzelne Raketen durch und können enormen Schaden anrichten. Die Armee warnt ihre Bürger mit einer "Rocket-App", die Angriffe auf dem Handy anzeigt. Und jeder kennt den nächstgelegenen Schutzraum. Diese Aussagen sollten die Bedrohungssituation aber nicht relativieren.

Das ist tatsächlich eine Bedrohungssituation, die man sich in anderen Ländern nicht so vorstellen kann. Allgemein ging man ja in Deutschland von einer Beruhigung der Lage aus, jahrelang gab es keine Selbstmordattentate mehr.

Das ist allerdings eine Fehlwahrnehmung, denn es gab doch andere Gewaltformen. Auch in als ruhig geltenden Phasen flogen regelmäßig Raketen auf Israel. Um die Dimension zu verstehen, mag man sich vorstellen, dass von der niederländischen Grenze aus kontinuierlich Raketen in Richtung Köln abgeschossen werden. Es gibt darüber hinaus ein sehr zynisches Agieren der Hamas mit den Raketenangriffen…

"Um die Dimension zu verstehen,
mag man sich vorstellen, dass von der niederländischen Grenze aus kontinuierlich Raketen in Richtung Köln abgeschossen werden."

Wie ist das gemeint? In der Öffentlichkeit hat sich doch eher der Eindruck festgesetzt, dass die Hamas zwar viele Raketen abschießt, sie aber aufgrund ihrer technischen Rückständigkeit nicht treffen, während das technisch hochgerüstete Israel mit massiver Waffengewalt antwortet und dabei auch viele Zivilisten tötet.

Dieser Eindruck ist richtig und falsch zugleich: Richtig ist er hinsichtlich der technischen Reife der Waffensysteme. Falsch ist er, weil der Kontext nicht berücksichtigt wird. Der Hamas sind Todesopfer relativ egal und zwar nicht nur auf israelischer, sondern auch auf palästinensischer Seite. Beide gelten als ihr politischer Erfolg…

Aber die Todesopfer auf palästinensischer Seite werden doch gerade öffentlich beklagt, wie man anhand der zahlreichen öffentlichen Beerdigungen sehen kann. Oder spielen Sie auf die propagandistische Wirkung an?

Ja, genau. Dazu muss noch darauf hingewiesen werden, dass die Hamas ihre Raketen auch von Krankenhäusern oder Schulen aus losschickt. Erfolgen dann Präzisionsschläge der israelischen Luftstreitkräfte auf solche Orte, wird von israelischen Kriegsverbrechen gesprochen. Agiert das israelische Militär nicht, so schickt die Hamas weiter ihre Raketen. Das ist für den islamistischen Terrorismus das, was man eine Win-Win-Situation nennt.

Was ist denn nun das eigentliche Anliegen oder Ziel der Hamas? Will sie die israelische Besatzungspolitik beenden oder will sie gar den israelischen Staat zerstören? Will sie selbst einen islamistischen Staat als palästinensischen Staat etablieren?

In der Gründungs-Charta der Hamas von 1987 war noch offen davon die Rede, dass über ganz Palästina die islamische Flagge wehen sollte, was die Zerstörung des Staates Israel einschließt. 2017 veröffentlichte man eine weitere Grundsatzerklärung. Darin wurde nur für den Gazastreifen und das Westjordanland ein eigener Staat gefordert. Gleichzeitig war von einer Befreiung vom Fluss bis zum See die Rede, was wiederum die Auflösung des Staates Israel voraussetzt. Die Agitation der Hamas ist darüber hinaus von einem tiefsitzenden Antisemitismus geprägt, wobei insbesondere Konspirationsvorstellungen wichtig sind.

"Der Hamas sind Todesopfer relativ egal und zwar nicht nur auf israelischer, sondern auch auf palästinensischer Seite."

Und welchen Rückhalt hat die Hamas bei der Bevölkerung im Gazastreifen und Westjordanland? Medial entsteht ja nicht selten der Eindruck, dass Hamas und Palästinenser gleichzusetzen seien.

Nein, das wäre eine unangemessene Einschätzung. 2006 erhielt die Hamas zwar 44 Prozent der Stimmen bei den Wahlen. Indessen stimmten viele Palästinenser so, weil die als korrupt geltende Fatah für sie keine Wahlalternative gewesen wäre. Allerdings lässt sich seriös nichts über die gesellschaftliche Akzeptanz der Hamas sagen, freie und repräsentative Umfragen sind dort so nicht möglich.

Wie steht es eigentlich um die Hamas in Deutschland? Gibt es hier auch Anhänger und muss man auch hier mit Gewalttaten rechnen? Es kam ja zu antisemitischen Ausschreitungen in deutschen Städten in der letzten Woche.

In Deutschland werden der Hamas circa 380 Personen zugerechnet, so lauten jedenfalls die Angaben der Verfassungsschutzbehörden.

Es gab doch vor ein paar Wochen ein Verbot des islamistischen Netzwerks Ansaar International e.V., das an die Hamas höhere Spendengelder weitergeleitet haben soll. Können Sie etwas zum Gefahrenpotential in Deutschland und eben auch der Rolle solcher Vereine sagen? Gab es da nicht noch ähnliche Fälle?

Ja, das ist ein beliebter Handlungsstil von Islamisten. Man gründet angebliche humanitäre Hilfsprojekte, womit etwa für Kinder jeweils Spendengelder eingeworben werden sollen. Indessen fließt dieses Geld direkt oder indirekt an gewaltorientierte Gruppen. Daher wurden etwa 2002 der Al-Aqasa e.V. und 2005 der Yatim Kinderhilfe e. V. verboten. Mitunter dienen solche Einrichtungen auch der Geldwäsche. Anschläge der Hamas in Deutschland dürften dagegen eher unwahrscheinlich sein, konzentrieren sich deren Gewalthandlungen doch auf den Nahen Osten. Deutschland gilt für Hamas-Anhänger aktuell als Ruheraum, den man durch terroristisches Agieren nicht gefährden möchte.

Prof. Dr. Dipl.-Pol., Dipl.-Soz. Armin Pfahl-Traughber, Jg. 1963, ist hauptamtlich Lehrender an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Brühl, Lehrbeauftragter an der Universität Bonn und Herausgeber des "Jahrbuchs für Extremismus- und Terrorismusforschung". Seine Arbeitsschwerpunkte sind Antisemitismus, Extremismus, Ideengeschichte, Religion, Terrorismus und Totalitarismus. Er ist Mitglied im Unabhängigen Arbeitskreis Antisemitismus des Deutschen Bundestages und im Beirat des Bündnisses für Demokratie und Toleranz.

Aber könnten hierzulande nicht jüdische Einrichtungen oder Personen von Gewalthandlungen betroffen sein? Immerhin gab es letzte Woche die eben erwähnten antisemitischen Ausschreitungen, die auch gegen Synagogen erfolgten.

Das ist durchaus vorstellbar, indessen eher von einzelnen Akteuren, nicht in einem gezielten Auftrag. Denn Anschläge wurden von der Hamas in anderen Ländern noch nicht durchgeführt – was dagegen bei der libanesischen Hizb' Allah sehr wohl der Fall gewesen ist. Der Antisemitismus ist bei vielen Islamisten aus dem Nahen Osten stark verbreitet, er kann auch in willkürliche Gewaltakte gegenüber zufällig wahrgenommenen Juden umschlagen. Derartige Fälle gab es in den letzten Jahren mehrfach. Und die Existenz einschlägiger Potentiale hat die letzte Woche gezeigt.

Auf mich wirkte es so, als seien die Proteste der letzten Tage geradezu ein Sammelbecken für Antisemiten gewesen. Auf Filmaufnahmen konnte man auch türkische Flaggen sehen. Gerade in Gelsenkirchen, wo mehrfach "Scheißjuden" gerufen wurde, dominierten diese ja optisch in den Videoaufzeichnungen. Wer nimmt an diesen Protesten teil?

Über die genaue politische und soziale Zusammensetzung dieser Demonstrationen lässt sich aktuell noch nicht so viel sagen. Palästinensische Flaggen könnten auch von Fatah- beziehungsweise PLO-Anhängern, aber eben auch von Hamas-Sympathisanten hochgehalten worden sein. Die türkischen Flaggen dürften eher von Anhängern der Grauen Wölfe stammen, also türkischen Rechtsextremisten. Der Antisemitismus vereint eben unterschiedliche politische Lager, insbesondere wenn es um Israelfeindlichkeit geht. Mitunter sind dabei auch deutsche Linke präsent. Meist schweigen sie aber zu solchen Vorkommnissen.

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