Impulse aus vernünftiger Perspektive

Wie Covid-19 schamlos als Missionswerkzeug missbraucht wird

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Evangelikale nutzen die Corona-Krise zur Missionierung. hpd-Autor Arne Stawikowski hat sich eine Broschüre des Missionswerks Bruderhand angeschaut, in der die Pandemie zur persönlichen Sünde umdefiniert wird.

In der Zeit des Lockdowns schickte mir eine Arbeitskollegin Fotos einer Broschüre, die sie in ihrem Briefkasten gefunden hatte – wohl wissend, dass mich das triggern würde. Unter einem Bild einer mit Mund-Nasen-Schutzmaske ausgestatteten jungen Frau prangt auf dem Titelblatt das unheilvolle Wort: Covid-19. Und darunter: Müssen wir besorgt sein? Impulse aus biblischer Perspektive. Herausgeber ist das Missionswerk Bruderhand, ein niedersächsischer evangelikaler Verein, der sich hier auf acht knappen Seiten beeindruckend mühelos in die Reihe sich anlässlich der grassierenden Pandemie blamierender religiöser Instanzen einreiht.

Es fängt recht harmlos an. Bekannte Fakten werden erläutert, die gängigen Sicherheitsmaßnahmen geschildert und die Gefahr durchaus als solche erkannt. Vier Absätze gehen immerhin überraschend gut, bevor die erste Pointe den positiven Eindruck zerstört: Gott sei, das wüssten wir aus der Bibel, in der Lage, "jeden Menschen zu beschützen". Es folgt ein Zitat des Psalms 91, schließend mit "Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen".

Wenigstens, das muss man dem Autor zugute halten, hat er noch rechtzeitig vor Druck gemerkt, dass das nicht nur nicht genügt, sondern doch eher berechtigten Gotteszweifel angesichts der zahlreichen Erkrankungen und Todesfälle auch unter gläubigen Christen schüren würde. Er lenkt also notgedrungen ein und gibt zu, dass das so nicht recht zur gegenwärtigen Situation passen will. "Wozu dann überhaupt das schwülstige Zitat?", mag man sich fragen, darf aber nicht mit einer gelingenden Antwort rechnen. Denn die folgende Auflösung ist keine.

Stattdessen wird die alttestamentarische Geschichte von Schadrach, Meschach und Abed-Nego geschildert, dreier jüdischer Verwalter, die sich standhaft weigerten, Nebukadnezar anzubeten, und dafür verbrannt werden sollten. Kaum ins lodernde Feuer geworfen, geschah aber das Wunder: Sie überlebten. Gott hatte sie gerettet, um ihren trotz des drohenden Todes unerschütterlichen Glauben an ihn zu belohnen.

Das mag für Gläubige seine bestärkende Wirkung nicht verfehlen, aber mit den nüchternen Augen eines naturalistischen Menschen betrachtet fällt direkt auf, dass wir nach wie vor nicht von der Stelle gekommen sind. Die drei gläubigen Juden werden vor dem Tod bewahrt. Es ist im Grunde nur eine Wiederholung des ersten Bibelzitats. Mit dem einzigen Unterschied, dass dem Autor offenkundig die Erkenntnis, dass das schlicht nicht genügt, sondern die Problematik der sterbenden Menschen völlig verfehlt, abhanden gekommen ist. Das wäre Anlass zur Freude darüber, dass er dann schnell das Thema wechselt, wäre der neue Gegenstand nur nicht so frech.

Cover der Broschüre
Cover der Broschüre

Jeder kennt jemanden, der nur ein Thema hat. Das mag eine Arbeitskollegin sein, die bei jedem Gespräch irgendeinen Bezug zu einer South-Park-Folge herstellt, oder ein Nachbar, der jeden Smalltalk zum Anlass nimmt, ungeschickt, aber zielbewusst auf seinen in den väterlichen Augen doch recht gelungenen Sohn zu sprechen zu kommen. Kurzum: Das Phänomen, das Veganern zu Unrecht immer vorgeworfen wird. Gläubige Menschen mit Missionsdrang beherrschen das deutlich besser. Und dafür taugt die Broschüre als glänzendes Beispiel. Covid-19? Jaja, ganz interessant, aber guck mal hier: … Am besten stellt man sich dazu Schlemihl aus der Sesamstraße vor, der seinen Mantel lüftet und Luft verkaufen will. Viel mehr ist das religiöse Narrativ, das nun auftaucht, nämlich nicht.

Tatsächlich gelingt dem Autor das Kunststück, von einer weltweiten Pandemie auf die persönliche Sünde umzulenken. Wobei das Verb "gelingen" hier ein wenig euphemistisch benutzt wird. Dieser Brückenschlag könnte auch aus einem Film von Ed Wood stammen. Er wird nicht großartig begründet, einen Zusammenhang sucht man vergebens. Ein einziger fett gedruckter Satz dient als (Plastik-)Anker: "Doch es gibt ein 'Virus', das viel heimtückischer ist." Das genügt offensichtlich den Ansprüchen evangelikaler Christen. Und dieses besagte heimtückische Virus ist eben nach Ansicht des Autors der Broschüre die Sünde. (Im Germanistik-Studium habe ich gelernt, bei Zitaten immer möglichst deutlich zu machen, wenn sie nicht meine Meinung widerspiegeln. Aber das Bedürfnis war selten so groß…)

Aber was ist eigentlich mit diesem so großen und schwierigen Wort gemeint? Laut Bruderhand-Medien: Der "Zustand eines Menschen, der von Gott getrennt ist, und seine falsche Lebensweise. Derjenige handelt nicht nach den Geboten Gottes und hat keine persönliche Beziehung zu Jesus". Es ist also in erster Linie gar keine Bezeichnung für nach irgendeiner Definition falsche Handlungen, sondern die Trennung des Menschen von Gott. Es drängt sich die Frage auf, was denn sei, wenn jemand zwar von Gott getrennt ist, aber dennoch ähnliche oder sogar exakt dieselben Werte vertritt wie ein Christ. Das scheint keine Rolle zu spielen. Die Trennung ist das ausschlaggebende Element. Ich zum Beispiel lebe ganz und gar nicht nach biblischen Vorschriften, weder nach alt- noch nach neutestamentarischen. Mir ist bewusst, dass einige neuzeitliche, in der Regel abwegige, weil nicht inhaltsgetreue Interpretationen gerade des neuen Testaments nach humanistischen Idealen brauchbare Werte hervorbringen können. Aber das sind entweder zufällige Überschneidungen oder, und das deutlich häufiger, Früchte wohlmeinenden Rosinenpickens. Jedenfalls habe ich diese Ideale wie die allermeisten Humanisten auf andere Art erlangt. Völlig von Gott getrennt. Und allein das scheint ausschlaggebend zu sein, um gefährlicher als Covid-19 zu sein. Mein damaliger Deutschlehrer würde nun "A!" für "Ausdruck" an den Rand schreiben, aber: Was für ein hanebüchener Unfug. Was für eine Beleidigung gottfreier Menschen. Als zählte nicht, was sie tun, sondern dass sie es aus vernünftigen Gründen tun.

Nur: Die Möglichkeit der Überschneidung atheistischer und in irgendeiner egal wie absurder Weise biblisch hergeleiteter Werte scheint dem Autor gar nicht in den Sinn zu kommen. Für ihn steht fest: Eine Trennung von Gott führt zu Elend. Konkret: Seiner Ansicht nach führt eine Trennung von Gott ganz ausdrücklich zu: Entzweiungen von Menschen, zerbrechenden Familien und Kriegen. Sind das tragische Dinge? Ja, vordergründig. Allerdings weiß jeder vernünftige Mensch des 21. Jahrhunderts, dass Entzweiungen von Menschen und zerbrechende Familien das kleinere Übel sein können. Der notwendige Weg, um sich von Leid verursachenden Faktoren zu befreien. Das ist Gemeingut, Common sense, wie Thomas Paine es so schön nannte. Aber darum geht es gar nicht. Selbst diese nüchterne Erkenntnis wird überragt von der Arroganz der Broschüre, denn noch viel schlimmer als diese Dinge, die ja angeblich bereits die enorme Tragweite des Covid-19-Virus überschreiten, sei "die tragischste Konsequenz der Sünde (…), dass sie uns von Gott trennt".

Auf den gottfreien Menschen warte, und es wird ausdrücklich der Vergleich zur weltlichen Quarantäne aus guten Gründen bemüht, der ewige Verbleib "an einem schrecklichen Ort der Gottesferne". Und das ist schlichtweg frech. Die Quarantäne ist eine sinnvolle Maßnahme, um Ansteckungen zu vermeiden. Ein Übel, ohne Frage, aber eines, das notwendig ist und langfristig zu einer Besserung der Lebensbedingungen führen wird. Es zu vergleichen mit einer ewigen Trennung von Gott ist Rhetorik auf unterstem Niveau. Es ist das Ausschlachten eines gegenwärtigen Leids, des Wunsches der Menschen, dass es bald enden möge. Das Nutzbarmachen einer Situation, die ertragen werden muss, obwohl sie für viele schwer ertragbar ist. Die Realität der weltumspannenden Krankheit hat viele Menschen in eine auf Dauer kaum aushaltbare Situation gebracht und genau diese Not wird hier missbraucht. Es wird Angst geschürt: Wenn das für euch schon schlimm ist, stellt euch doch mal vor, genau diese Situation für alle Ewigkeit ertragen zu müssen! Das wird den Lesern der Broschüre mitgegeben.

Recht niedlich mutet im Gegensatz dazu die dann folgende Anleitung für eine Annäherung an Jesus an: "Sprechen Sie in einem einfachen Gebet mit Jesus Christus. (…) Sagen Sie ihm, dass Sie ihm gehören möchten und dass er von jetzt an über Ihr Leben bestimmen soll. (…) Jesus vergibt Ihnen daraufhin alle Ihre Schuld und macht Sie zu einem Kind Gottes. Sie sind damit vom Virus der Sünde befreit und Sie dürfen sich darauf freuen, einmal bei ihm im Himmel zu sein." So einfach ist das. Oder eben nicht: Dieser Ansatz blendet völlig die Inhaltsleere der biblischen Lehre aus. Dass sich gegenseitig ausschließende Interpretationen biblischer Inhalte nicht Ausnahme, sondern Tagesordnung der christlichen Geschichte sowohl synchron als auch diachron sind, ist kein Geheimnis. Joachim Kahl brachte es auf den Punkt: "Die Theologie ist eine Ansammlung von Leerformeln, die mit beliebigen Inhalten aufgefüllt werden können."

Nur wenige Verse bringen die exegetischen Taschenspielertricks an ihre Grenzen. Spannend wäre es beispielsweise, die Auslegung des Bruderhand-Vereins folgenden Jesus-Zitats zu erfahren: "Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein." (Lk 14,26) Wie kann mit Bezug auf eine Person, die so etwas sagt, anderen Leuten, die sich ausdrücklich von dieser Person und ihrer Lehre distanzieren, vorgeworfen werden, ausgerechnet sie wären verantwortlich für sich entzweiende Familien? Kohärent ist das nicht gerade.

Im letzten Absatz wird das Anliegen, die Covid-19-Pandemie als Werkzeug zu missbrauchen, um zu missionieren, wenigstens ganz unverhohlen zugegeben: "Vielleicht kann die Sorge um Covid-19 dazu beitragen, dass Sie von dem schlimmsten 'Virus', das es überhaupt gibt, die Sünde, befreit werden."

Ich möchte eine Alternative vorschlagen: Vielleicht können die Erfolge, die durch vernünftige, medizinische Maßnahmen und Strategien (die mühsam durch wissenschaftliches Forschen erlangt wurden und werden) im Kampf gegen die Pandemie erzielt werden, dazu beitragen, dass mehr Menschen erkennen, wie haushoch das Wissen dem Glauben überlegen ist. Und ja, das darf durchaus gegeneinander ausgespielt werden. Aber das zu erörtern, ist hier nicht der rechte Ort.

Abschließend, weil es so herrlich passt, das Bonmot von Lawrence Krauss zu genau diesem ständigen Wettstreit der Disziplinen:

You are choking. I have two choices:
1. I perform the Heimlich maneuver.
2. I pray for you.
Which do you want me to do?

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