Essay

Wenn politische Sprache Wissenschaft delegitimiert

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Gitta Connemann (CDU)
Gitta Connemann

Politik lebt von Vereinfachung, Wissenschaft von Präzision. Wo beide Sphären aufeinandertreffen, ist sprachliche Sorgfalt keine Stilfrage, sondern eine Voraussetzung rationaler Öffentlichkeit. Umso problematischer wird es, wenn politische Begriffe unreflektiert auf wissenschaftliche Praxis übertragen werden.

Eine aktuelle Aussage der CDU-Politikerin Gitta Connemann im Zusammenhang mit der Debatte um E-Fuels bietet hierfür ein instruktives Beispiel. Connemann erklärte sinngemäß, manche Wissenschaftler könnten sich auch täuschen. Der Satz wirkt auf den ersten Blick beiläufig, vielleicht sogar harmlos. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch ein semantischer Bruch, der über den konkreten Anlass weit hinausweist.

Irrtum und Täuschung – zwei kategorial verschiedene Begriffe

Wissenschaft kann sich irren. Das ist kein Makel, sondern ihr methodischer Normalzustand. Irrtum bezeichnet einen vorläufigen Erkenntnisstand, der durch bessere Daten, neue Modelle oder schärfere Analysen korrigiert werden kann. Wissenschaftlicher Irrtum ist wertneutral und revisionsoffen – er ist Teil des Erkenntnisprozesses.

Täuschung hingegen ist etwas grundlegend anderes. Sie setzt Intentionalität voraus: eine Irreführung, eine Agenda, ein zielgerichtetes Verzerren von Tatsachen. Täuschung ist keine erkenntnistheoretische Kategorie, sondern eine moralische. Wer von Täuschung spricht, erhebt keinen Sach-, sondern einen Charaktervorwurf.

Wenn politische Akteure Wissenschaftlern nicht Irrtum, sondern Täuschung zuschreiben – auch implizit –, verschieben sie die Debatte von der Sachebene auf die Ebene der Unterstellung.

Politische Sprache, wissenschaftsfremd verwendet

Man könnte diese Wortwahl als unglückliche, vielleicht zufällige Formulierung abtun. Doch im politischen Kontext ist Sprache selten unschuldig. Der Verdacht liegt nahe, dass hier politisches Vokabular – geprägt von Loyalitätsfragen, Interessenlagen und strategischer Kommunikation – bedenkenlos auf ein System übertragen wird, das nach völlig anderen Regeln funktioniert: die Wissenschaft.

In der Politik sind Täuschung und Selbsttäuschung bekannte Kategorien. Sie gehören zur Analyse von Macht, Interessen und öffentlicher Inszenierung. In der Wissenschaft hingegen unterstellen sie genau das, was ihr Ethos negiert: gezielte Irreführung statt methodischer Unsicherheit.

Gerade darin liegt die eigentliche Fehlleistung. Nicht unbedingt eine bewusst intendierte, wohl aber eine bezeichnende. Eine sprachliche Projektion politischer Denkformen auf wissenschaftliche Praxis.

Vom Dissens zur Delegitimierung

Der qualitative Unterschied ist entscheidend: Politischer Dissens mit wissenschaftlichen Einschätzungen ist legitim. Er verlangt Argumente, alternative Annahmen, andere Gewichtungen. Die Unterstellung möglicher Täuschung hingegen delegitimiert wissenschaftliche Kritik, ohne sie inhaltlich zu widerlegen.

Damit verschiebt sich der Diskurs von überprüfbaren Aussagen zu moralisch aufgeladenen Verdächtigungen.

Ein solcher Sprachgebrauch beschädigt nicht nur die Debatte über einzelne Technologien, sondern das Verhältnis von Politik und Erkenntnis insgesamt.

Rationalität braucht Begriffsdisziplin

In einer aufgeklärten Gesellschaft schuldet Wissenschaft der Politik keine Gefolgschaft. Umgekehrt schuldet Politik der Wissenschaft zumindest sprachliche Redlichkeit. Wer Begriffe wie Täuschung dort verwendet, wo allenfalls von Irrtum die Rede sein kann, verlässt den Boden rationaler Auseinandersetzung.

Gerade für eine Politik, die sich gern auf Wissenschaft beruft, ist diese Unterscheidung nicht optional. Sie ist Teil dessen, was man einst – und vielleicht zu leichtfertig – den mündigen Umgang mit Erkenntnis nannte.

Humanismus und öffentliche Vernunft

Am Ende geht es nicht um einzelne Politikerinnen oder politische Lager, sondern um die humanistische Qualität unserer öffentlichen Vernunft. Humanismus bedeutet nicht Harmonie, sondern Unterscheidungsfähigkeit. Er beginnt dort, wo Begriffe nicht beliebig werden, sondern Verantwortung tragen.

Eine aufgeklärte Öffentlichkeit lebt davon, dass sie Irrtum, Unsicherheit und Dissens aushält – ohne sie moralisch umzucodieren. Wo wissenschaftliche Kritik nicht mehr als vorläufige Erkenntnis, sondern als potenzielle Täuschung erscheint, wird nicht Erkenntnis verteidigt, sondern Macht. Dann ersetzt Verdacht das Argument, und Sprache verliert ihre klärende Funktion.

Humanistische Rationalität verlangt etwas Unzeitgemäßes: Selbstbegrenzung. Die Selbstbegrenzung politischer Sprache gegenüber wissenschaftlicher Erkenntnis. Die Selbstbegrenzung moralischer Urteile gegenüber methodischer Unsicherheit. Und nicht zuletzt die Selbstbegrenzung des eigenen Affekts zugunsten begrifflicher Präzision.

Gerade in einer Zeit, in der Empörung als Engagement gilt und Haltung oft das Argument ersetzt, liegt die eigentliche Aufgabe nicht darin, stets Position zu beziehen, sondern Begriffe zu verteidigen. Denn wo diese verteidigt werden, bleibt Kritik möglich – und nur dort bleibt auch Aufklärung mehr als ein historisches Etikett.

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