YouTube, Zeugen Jehovas und Algorithmen

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Silas Koke
Silas Koke

Digitale Plattformen wie YouTube, Instagram oder TikTok bilden heute die entscheidende Infrastruktur für Wissen, Austausch und Öffentlichkeit. Ihre internen Regeln und algorithmischen Entscheidungen bestimmen jedoch, welche Inhalte sichtbar bleiben und welche nicht. Das kann zum Problem für kritische Aufklärer werden.

Wie als YouTuber gewohnt startete ich eines Sonntags nach dem Aufwachen meinen Rechner, um die neuesten Kommentare und Mails zu checken. Doch an diesem Tag war alles anders. Ein blanker Bildschirm erschien, darauf einige geometrische Formen, die anscheinend spielerisch die Rationalität der folgenden Entscheidung evozieren sollten: "Dein Kanal … hat unsere Richtlinien zu 'Spam, irreführende Praktiken und Betrug' nicht eingehalten. Wir haben ihn entfernt, um unsere Community zu schützen." Außerdem erhielt ich den Hinweis, dass ich auch in Zukunft keine neuen YouTube-Kanäle haben oder erstellen dürfe.

Mein Name ist Silas Koke. Ich wuchs als Zeuge Jehovas auf und war einst zutiefst überzeugt und stolz auf meinen Glauben. Sechs Jahre lang zweifelte ich, bis ich mit 28 die Gemeinschaft hinter mir ließ. Zweieinhalb Jahre später lud ich mein erstes YouTube-Video hoch. Ich erzählte meine Lebensgeschichte und schilderte, wie es dazu kam, dass ich die Gemeinschaft verließ, obwohl ich mich dort bis zum Schluss wohlgefühlt hatte. Ich erstellte Videos, in denen ich biblische Widersprüche aufzeigte, den historischen Kontext erläuterte oder anonymisierte Interviews mit Zeugen Jehovas führte, die nicht mehr glauben, aber wegen der massiven Konsequenzen nicht bereit sind, offiziell auszusteigen. Ich brachte den Zuschauern David Hume näher und machte Reaction-Videos zu den Inhalten, die Zeugen Jehovas auf ihrer eigenen Website veröffentlichen. Mein Kanal stand bewusst in der Tradition der Aufklärung: Rationalismus, Humanismus, Liberalismus. Ich begann vor allem deshalb, weil ich das Gefühl hatte, dass die wenigen anderen Kanäle zum Thema entweder nur in missionarischem Eifer alternative christliche Überzeugungen vertreten oder gleich ganz in noch absurdere Verschwörungserzählungen abgleiten.

Für jeden Zeugen Jehovas, der zu zweifeln beginnt, ist es riskant, sich mit Materialien zu beschäftigen, die der Lehre der Organisation widersprechen, insbesondere wenn sie von ehemaligen Mitgliedern stammen. Gerade deshalb ist das Internet für viele Zweifelnde der einzige sichere Ort, um sich anonym zu informieren. Dort können sie Inhalte prüfen, ohne sofort im eigenen Umfeld aufzufallen. Digitale Plattformen übernehmen hier faktisch die Rolle eines geschützten Informationsraums.

Umso problematischer ist es, wenn dieser Raum ohne transparente Begründung verschwindet. Außer einem sehr vagen Hinweis auf eine Richtlinie wurde mir nicht konkret gesagt, welches Video oder welcher Kommentar problematisch gewesen sein soll und die Sperrung ausgelöst hatte. Ich erhielt auch keine Verwarnung, wie es auf YouTube eigentlich üblich ist. Normalerweise werden Creatoren erst nach einer dritten Verwarnung ("Strike") gebannt. Ich legte Einspruch ein. YouTubes Antwort erfolgte bereits einen Tag später und bestätigte lediglich, dass mein Kanal gesperrt bleibe. In diesem Moment fühlte es sich wie ein Déjà-vu an: nicht nur die Zeugen Jehovas, sondern auch YouTube waren anscheinend der Meinung, ich sei würdig von der Gemeinschaft ausgeschlossen zu sein.

Ich wandte mich an die Anwälte der Gesellschaft für Freiheitsrechte und fand Gehör. Ein Schreiben und einige Tage Geduld und nach einer kurzen Entschuldigung vonseiten YouTubes war mein Kanal wieder freigeschaltet. Ende gut, alles gut! Was aber wäre, wenn ich nicht die Unterstützung renommierter Anwälte gehabt hätte? Wie viele andere aufklärerische Kanäle sind bereits unter die Räder gekommen und hatten nicht das Glück oder die Kraft ihr Sprachrohr zurückzuerhalten?

Wenn öffentlich genutzte Infrastruktur privatrechtlichen Regeln unterliegt

Ist es ein Problem, wenn man für frei zugängliche Informationen auf privatrechtliche Konzerne zurückgreifen muss? Formal betrachtet nicht. YouTube ist kein Staat, und kein öffentliches Archiv. Das Unternehmen darf Inhalte moderieren und Kanäle sperren. Juristisch ist das weitgehend unstrittig.

Gesellschaftlich ist die Lage komplizierter. Portale wie YouTube sind faktisch zu zentraler Infrastruktur öffentlicher Meinungsbildung geworden. Wer heute Informationen verbreiten, diskutieren oder hinterfragen will, kommt an ihnen nicht mehr vorbei. Sie ersetzen heutzutage Bibliotheken, den Marktplatz und teilweise sogar staatliche Institutionen wie Rundfunk oder Universitäten. Diese Machtposition ist vielleicht nicht geplant, aber real.

Wenn solche Informationsräume von privatwirtschaftlichen Akteuren kontrolliert werden, entstehen strukturelle Risiken. Entscheidungen werden nach internen Richtlinien getroffen, nicht nach demokratisch ausgehandelten Maßstäben. Verfahren sind intransparent, Einspruchsmöglichkeiten begrenzt und Fehler folgenlos für das Unternehmen, aber mitunter existenziell für die Betroffenen. Ob Inhalte entfernt werden, entscheidet nicht ihre gesellschaftliche Relevanz, sondern ihre algorithmische Auffälligkeit.

Hinzu kommt die zunehmende Automatisierung der Moderation. Ob eine menschliche Prüfung stattfindet oder eine KI entscheidet, bleibt meist unklar. Für aufklärerische Inhalte ist das besonders heikel. Sie arbeiten häufig mit Zitaten, Kritik, Zuspitzung oder der Analyse problematischer Ideologien. Genau diese Merkmale können von automatisierten Systemen als Regelverstoß fehlinterpretiert werden.

Das Problem ist daher nicht, dass Plattformen moderieren, sondern wie. Wo privatwirtschaftliche Strukturen faktisch öffentliche Funktionen übernehmen, steigt die Verantwortung für transparente Verfahren, nachvollziehbare Begründungen und verhältnismäßige Entscheidungen. Fehlen diese, wird Aufklärung vom Zufall oder von der Gunst einzelner Betreiber abhängig.

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