Neue Vorwürfe im Moskauer Prozess gegen Jacques Tilly

Verletzung religiöser Gefühle?

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Der Strafprozess gegen den Düsseldorfer Bildhauer und Karnevalswagenbauer Jacques Tilly in Moskau wurde gestern fortgesetzt. Dabei stellte sich heraus, dass es offenbar nicht "nur" um eine angebliche Verunglimpfung der russischen Armee und ihres Oberbefehlshabers Wladimir Putin geht, sondern auch um den Vorwurf der Verletzung religiöser Gefühle.

Die Anklage, so schilderte es Tilly nach der Gerichtsverhandlung, die in seiner Abwesenheit stattfand, stütze sich wohl insbesondere auf drei von ihm und seinem Team gebaute Mottowagen. Einer (aus dem Jahr 2022) zeigt Wladimir Putin, wie er den Mund aufreißt und versucht, sich die Ukraine einzuverleiben. Dazu der Schriftzug: "Erstick dran!!!" Dann ist da der Motivwagen aus dem Jahr 2023, der Putin beim Blutbad in einer blau-gelben (ukrainischen) Badewanne zeigt. Und schließlich eine Großplastik aus dem Rosenmontagszug 2024, die Figuren von Putin in Uniform und des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill beim Oralverkehr zeigt. Auch gibt es bei Gericht Aktenordner mit Zitaten und Interviews Tillys über seine Einschätzung zum Krieg der Russen gegen die Ukraine.

Tilly mit einer weiteren Putin-Figur
Putin-Figur, die Jacques Tilly zum Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine schuf. Foto: © grossplastiken.de

All das weiß der Angeklagte nur vom Hörensagen – aufgrund von Berichten beim Prozess anwesender Journalisten und Vertretern der deutschen Botschaft. Über deren Erkenntnisse hat ihn das Bundesaußenministerium unterrichtet. Ihm selbst war nie eine Anklage zugestellt worden. Auch eine ihm zur Seite gestellte Pflichtverteidigerin hat sich nie bei ihm gemeldet, sagt Tilly im Gespräch mit dem hpd.

Seine Quellen hätten ihm berichtet, dass es bei der Verhandlung am gestrigen Donnerstag Aussagen von drei Zeuginnen gegeben habe. Diese seien aber selbst gar nicht vor Gericht erschienen, sondern deren ähnlich lautende Aussagen wurden verlesen. Sie seien durch die Darstellung von Kyrill und Putin beim Oralverkehr als gläubige Christinnen in ihren religiösen Gefühlen verletzt worden, so ihre Aussage. Gleichzeitig dient die Großplastik der russischen Justiz offenbar als Grundlage für den Vorwurf der Propaganda für Homosexualität.

Putins Blutbad in der Ukraine
Großplastik aus dem Rosenmontagszug 2023: Wladimir Putin nimmt ein ukrainisches Blutbad. Foto: © Ricarda Hinz

Tilly steht weiterhin zu diesem satirischen Mottowagen, der am Rosenmontag 2024 über Düsseldorfs Straßen rollte. Er erklärt das gegenüber dem hpd so: "Kyrill ist einer der schärfsten Propagandisten dieses schrecklichen Krieges, er hat diesen Krieg zum Heiligen Krieg erklärt. Er hat allen Menschen, die dort sterben, Sündenablass versprochen. Er vergleicht den Tod der Menschen, die im Schützengraben sterben, mit dem Tod von Jesus in Golgatha." Auch sei das Zusammenwirken von Staat und Kirche in Russland ein "schlimmes Konkubinat zwischen Thron und Altar. Überall da, wo es so etwas gibt, stirbt die Freiheit", sagt Tilly. "Dabei wäre es Aufgabe Kyrills als Kirchenmann, sich für den Frieden einzusetzen, nicht aber, sich auf die Seite eines imperialistischen Kriegstreibers zu schlagen. Es gibt keinen Grund, für ihn Respekt zu haben. Das wollte ich mit diesem Wagen zeigen." Übrigens sei Kyrill mit seinem Vermögen von umgerechnet geschätzt vier Milliarden Dollar einer der russischen Oligarchen. Die Großplastik, so Tilly, sei auch als ein Zeichen der Solidarität mit Millionen Menschen in Russland gedacht, die homosexuell sind, die aber bei der dort bestehenden homophoben Stimmung und der entsprechenden Gesetzeslage um Leib und Leben fürchten müssten.

Der Prozess soll am 16. März möglicherweise mit einem Urteil beendet werden. Tilly rechnet aufgrund der Anklagevorwürfe mit 10 bis 15 Jahren Straflager. Danach gefragt, in welche Länder er derzeit nicht fahren werde, da diese ihn dann gegebenenfalls an Russland ausliefern würden, fallen dem Düsseldorfer eine ganze Reihe ein: Serbien, Ägypten, Indien, Thailand, Indonesien oder Brasilen. Aber auch nach Ungarn oder in die USA werde er keinesfalls reisen. "Ich will nicht Spielball irgendwelcher politischer Interessen sein." Und halb belustigt, halb verbittert fügt er hinzu: "Ich bin der einzige Ausländer, der unter dieser Anklage steht. Ausgerechnet ein Karnevals-Scherzkeks. Das ist absurd."

Jacques Tilly mit Unterstützern
Solidaritätskundgebung am 24. Februar vor dem Kölner Dom zum vierten Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine. Von links nach rechts: Linda Mai vom Blau-Gelben Kreuz, Nathanel Liminski (NRW-Staatskanzleichef, CDU), Mona Neubaur (stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin, Grüne), Jacques Tilly. Foto: © Ricarda Hinz

Da tut ihm die Solidarität gut, die er gerade erst wieder in Köln erfahren hat, wo zwei seiner Großplastiken vor dem Dom aufgestellt worden waren. Zum vierten Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine hatten sich dort am Dienstag etwa 1.500 Menschen versammelt. Auf Einladung des deutsch-ukrainischen Vereins Blau-Gelbes Kreuz, einer Hilfsorganisation für die Menschen in der Ukraine. Zahlreiche Ukrainerinnen und Ukrainer zeigten sich dankbar dafür, dass da einer ist, der sich so kompromisslos an ihre Seite stellt. Solidarität zeigten aber auch auf der Bühne vor dem Dom die stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin Mona Neubaur (Grüne) und der Chef der nordrheinwestfälischen Staatskanzlei, Nathanael Liminski (CDU). Parteiübergreifend stellten die sich schützend neben den Düsseldorfer Künstler und waren sich einig in dem Appell, dass Satire nicht kriminalisiert werden dürfe.

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