Dieses Buch ist ein umfassendes, alle weltanschaulichen Fragen behandelndes, sehr gründliches Plädoyer für einen modernen
, auf der Höhe der Zeit stehenden Atheismus. Es engagiert sich dezidiert für diesen, ohne aggressiv oder fanatisch zu wirken. Der (Mono-)Theismus wird in keinerlei Weise geschmäht oder verspottet. Das Buch ist charakterisiert durch Liberalität, Humanität, Offenheit (auch für die Argumente des weltanschaulichen Gegners), Differenziertheit der Positionen und der Kritik.
Eine solche Summe des atheistischen Denkens unserer Zeit in einem einzigen Buch, auch wenn dieses über 400 Seiten umfasst, kann selbstverständlich trotzdem nicht alle Detailfragen gleichermaßen perfekt und adäquat behandeln. Sehr gut behandelt und fast alle Aspekte des Problems berücksichtigend ist aber die Theodizeefrage, jene Frage also, die für die Theisten die größte Crux darstellt, denn wie wollen die Theologen als die Ideologen und Experten des Theismus eine Welt von so unsagbarem Leid mit einem allmächtigen, allgütigen und allwissenden Gott in Einklang bringen?
Manche Argumentationen des Buches für den Atheismus sind allerdings eher schwach. Wenn z.B. auf S. 86 f die Aussage des Evolutionsbiologen und prominenten Atheisten Richard Dawkins als Beweis für die Nichtexistenz von Gott oder Göttern und die Überflüssigkeit der Religionen angeführt wird, weil, wie er betont, Menschen und Völker sich im Namen Gottes gegenseitig umbrachten und die Religionen durch ungeheure Grausamkeiten gekennzeichnet sind, dann kann man dem die Großverbrechen völkermordender Atheisten wie Stalin, Mao Tse Tung, Pol Pot usw. entgegenhalten, die im Namen ihrer Ideologie ebenso grausam handelten, ohne dass dies einen humanen und sozialen Atheismus entwerten dürfte. Argumente aus der Geschichte, historische Argumente eignen sich eben schlecht als Beweise für oder gegen eine Weltanschauung. Da haben logische, philosophische, naturwissenschaftliche und ethische Argumente von vornherein einen höheren methologischen und ontologischen Rang.
Bisweilen stört die apodiktische Selbstsicherheit des Autors. Auf. S. 94 erklärt er triumphal, dass „die moderne Kosmologie und Astrophysik das Entstehen und Funktionieren des Kosmos auf natürlichem Wege im Detail erklären kann". Auf S. 232 sagt er dann kleinlaut, dass die Theorie des Urknalls, mit dem das Buch alles beginnen lässt, uns „wenig über den Zeitpunkt „Null'" des Universums sagt, weil da die physikalischen Gesetze noch gar nicht in Aktion gewesen seien.
Überhaupt die Gesetze des Universums! Die Theisten behaupten, Gott habe sie geschaffen. Die Atheisten, dass sie kurze Zeit nach dem Urknall einfach da waren. Im ersteren Fall ist es der akausale, ursachlose Gott, der sie schafft. Im zweiten Fall sind es die durch niemanden verursachten Gesetze, die alles im Universum regeln. Eine gewisse Pattsituation zwischen Atheisten und Theisten!
Denn diese unerhörte Feinabstimmung zwischen der Gravitations-, der elektromagnetischen, der starken und der schwachen Kern-Kraft, also den vier hauptsächlichsten Naturkonstanten, hätte das Buch schon zum Thema machen müssen. Der Atheist kann diese genialen Zahlenverhältnisse, an denen nichts verändert werden konnte, weil sonst kein Universum entstanden oder dieses sehr bald wieder in sich zusammengesunken wäre, nur als Zufall ansehen, der Theist, wie gesagt, als von Gott erdacht, aber auch dieser Gott wäre ja ein Zufall, da er einfach da ist, sich selbst ein Rätsel, weil er sich nicht selbst geschaffen haben kann.
In der heutzutage recht human geführten Auseinandersetzung zwischen Theisten und Atheisten reibt sich der Agnostiker also ein wenig süffisant die Hände, weil er weiß, dass in den letzten und wichtigsten Sinnfragen des Lebens und der Welt auch die besten und fundiertesten Vernunftargumente keine absoluten Beweise darstellen, sondern mindestens noch eine kleine Prise seitens des menschlichen Willens brauchen, der sich für die eine oder andere Position entscheiden muss. Trotz mancher apodiktischer Behauptung gibt das auch der Autor des hier rezensierten Werkes zu, wenn er seine Absicht einräumt, „aus den wissenschaftlichen Befunden möglichst viele überzeugende ‚Indizien' gegen die Existenz Gottes ableiten" zu wollen, aber darum „wisse, dass er keinen endgültigen Beweis gegen die Existenz Gottes anführen kann" (S. 11).
Ähnlich verhält es sich mit Salchers „Beweisen" gegen die Unsterblichkeit des menschlichen Geistes. Hier hätte man sich noch gründlichere und zahlreichere Argumente für die Materialität des menschlichen Geistes gewünscht, ebenso wie die Hinzuziehung der neuesten Ergebnisse der Hirnphysiologie und Neurologie.
Die hier vom Rezensenten vorgebrachten kritischen Fragen mindern aber in keinerlei Weise den Gesamteindruck des Salcherschen Buches als einer vortrefflichen Darstellung fast aller wesentlichen Aspekte eines humanistischen Atheismus des 21. Jahrhunderts. Das Buch würde sich sogar, so paradox das zunächst klingen mag, für den evangelischen und katholischen Religionsunterricht eignen, und zwar in dem Sinne, dass die Religionslehrer an dieser Vorlage den aktuellen Stand der atheistischen Interpretation der Welt ablesen könnten, um dann dazu auf dem entsprechenden Niveau ihre Gegenposition vor den Schülern beziehen zu können.
Dieses Buch, im Religionsunterricht eingesetzt, wäre eine Chance und Basis für vorurteilfreies, human gestaltetes Pro und Contra-Diskutieren zwischen Theisten und Atheisten! Die nicht immer gut informierten, nur an die dogmatisch-theologische bzw. biblisch-theologische Magerkost gewöhnten Religionslehrer hätten in Salchers Buch eine recht vollständige Information über Inhalte und Argumente des zeitgenössischen Atheismus.
Hubertus Mynarek
Ernst F. Salcher „Gott? Das Ende einer Idee.". Frankfurt a.M. 2007, VAS-Verlag, ISBN 978-3-88864-431-3. Euro 22,80.





