Rezension

Ein Regime, errichtet auf Hass und Lüge

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Ruhollah Chomeini (vorne), erster Oberster Führer der Islamischen Republik Iran und sein kürzlich getöteter Nachfolger Ali Chamenei (hinten, beide hervorgehoben).
Ruhollah Chomeini und Ali Chamenei

Auch wenn das Buch "Das Netz der Mullahs – Der Iran und der politische Islam der Schiiten" von Ralph Ghadban wenige Wochen vor dem Angriff der USA und Israels auf den Iran geschrieben wurde und somit die aktuellsten Entwicklungen natürlich nicht berücksichtigt werden konnten, liefert es doch die Hintergründe, um den Konflikt zu verstehen.

Ralph Ghadban wurde 1949 im Libanon als Christ geboren, lebt seit 1972 in Berlin, er studierte dort Islamwissenschaften und Politikwissenschaften, in letzteren promovierte er auch. Bekannt wurde er durch seine Analysen krimineller Clans, wegen derer er bedroht wurde und unter Polizeischutz lebt.

"Das Netz der Mullahs" ist ebenso ein historisches wie aktuell politisches Buch: Ghadban belegt, welche wichtige Rolle Gewalt in der Geschichte des Islam von Anfang an spielte, beschreibt die bis heute anhaltenden Konflikte, die nach dem Tod des Religionsstifters Mohammed 632 einsetzten, weil er keine allgemein akzeptierte Nachfolgeregelung hinterließ, und die Spaltungen des Islam.

Die heute wichtigste dieser Abspaltungen sind die Schiiten, die "Partei Alis", die Alī ibn Abī Tālib, den Vetter und Schwiegersohn Mohammeds, für den legitimen Nachfolger halten. Sie unterlagen in den Kriegen um die Macht und stellen heute nach Schätzungen 10 bis 15 Prozent der Muslime weltweit. Sie leben im Iran, dem Irak, in Teilen des Libanons und als verfolgte Minderheit in Saudi-Arabien.

Alī ibn Abī Tālib ist für die Schiiten der erste Imam. Imame werden nach dem Glauben der Schiiten von Gott ausgewählt und sind unfehlbar und vollkommen. Ihm folgten nach schiitischem Glauben elf weitere Imame. Der zwölfte, Muhammad al-Mahdī, soll seit dem 9. Jahrhundert in der Verborgenheit leben. Mit seiner Rückkehr soll die Endzeit beginnen. Das Fehlen eines Imams war für den schiitischen Klerus, die Mullahs, über Jahrhunderte der wichtigste Grund, sich aus der Politik herauszuhalten, denn nur ein Imam könne ein gerechter Herrscher sein.

Der Mann, der das änderte, war der Ajatollah Ruhollah Chomeini. Ghadban beschreibt in seinem Buch, wie Chomeini schon in den 1930er Jahren Kontakt mit den Gründern und Ideologen der sunnitischen Muslimbrüder hatte. Ihren Gründer Hassan al-Banna traf er in Kairo. An der Macht sorgte er dafür, dass die Bücher von Sayyid Qutb, dem Vordenker des islamischen Terrorismus, bekannt wurden. Ali Chamenei, sein jüngst im Krieg gestorbener Nachfolger an der Spitze des Irans, hatte zwei von ihnen schon in den 1960er Jahren ins Persische übersetzt.

Schon 1943 schrieb er: "Die islamische Regierung ist die Regierung des göttlichen Rechts, und ihre Gesetze können weder gewechselt noch geändert noch angefochten werden." Solche Gedanken waren damals im Iran noch nicht populär. Viele Iraner hofften noch auf eine konstitutionelle Monarchie, setzten auf eine Demokratie. Die Religion war für viele von ihnen wichtig, aber nicht als politischer Machtfaktor.

Wer sich fragt, warum das Mullah-Regime Unterstützer findet, findet hier eine Antwort

Doch als sich durch den von den USA und Großbritannien 1953 initiierten Putsch gegen den demokratisch gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh und in den 1960er Jahren die Reformen von Mohammed Reza Pahlewi – die wirtschaftlich zu Lasten landbesitzender Mullahs, aber auch der Händlerschicht, der Basaris, gingen – die Stimmung im Land änderte, vergrößerte sich mit der Zeit der Einfluss Chomeinis.

1963 suchte Chomeini die Konfrontation mit dem Staat und erließ eine Fatwa gegen das "heidnische" Neujahrsfest Newroz. Die Fatwa stieß nicht auf große Resonanz. Dann aber entwickelte er eine heute wirksame Formel: "Um Publikum anzuziehen", schreibt Ghadban, "fügte Khomeini seiner Kampagne zwei weitere Punkte hinzu. Der erste war der Fremdenhass, wobei mit Fremden die Europäer und die Amerikaner gemeint waren, die natürlich für das Elend der Muslime verantwortlich seien. Ein Argument, das nicht nur von der Masse der Bevölkerung, sondern auch von westlichen und linken Intellektuellen geteilt wurde. Ein zweiter Punkt war der Judenhass, der sich seit der Gründung des Staates Israel und dessen enger Kooperation mit dem Schahregime sowie der Verlagerung der Zentrale der Bahā'ī nach Israel sehr stark auf die Mobilisierung der Massen auswirken konnte."

Wer sich fragt, warum das Mullah-Regime vom postmodernen französischen Philosophen Michel Foucault, der die islamische Revolution 1979 begrüßte, bis zu Anhängern westlicher Splitterparteien Unterstützer findet, findet hier eine Antwort.

Chomeini hatte sie im Winter 1978/1979 alle ausgetrickst: die iranischen Linken, die Liberalen und westliche Politiker, die ihn für ein besseres Bollwerk gegen die Sowjetunion hielten als den immer unbeliebter werdenden Schah. "Vor der Weltpresse", erklärt Ralph Ghadban, "hatte Khomeini monatelang versichert, dass die Mullahs sich nicht in die Staatsangelegenheiten einmischen werden." An diese Aussagen hat sich Chomeini nicht gehalten. Er sagte später: "In Paris fand ich es opportun, zu sagen, was ich sagte. Im Iran finde ich es opportun, es zu verleugnen, ich verleugne es unverhohlen." Wer heute dafür plädiert, Islamisten, ob im Iran oder in Deutschland, Vertrauen entgegenzubringen, täte gut daran, sich an diese Sätze zu erinnern.

Chomeini, das wird bei Ghadban deutlich, war ein Macht-Taktiker. Die Religion hatte der Politik zu dienen. 1987 stellte Chomeini, der sich selbst zu diesem Zeitpunkt längst als Imam bezeichnete, in einem Brief klar, "dass die Regierung ein Zweig der Schutzherrschaft des Propheten ist und eine der ersten Bestimmungen im Islam. Sie steht vor allen anderen sekundären Bestimmungen, selbst des Betens, des Fastens und des Pilgerns. (…) Die Regierung kann einseitig die schariamäßigen Abkommen mit dem Volk kündigen, wenn sie der Meinung ist, sie verstießen gegen die Interessen des Landes und des Islam. Sie kann gegen jede Angelegenheit, ob kultisch oder nicht, vorgehen, wenn sie den Interessen des Islam schadet. Die Regierung kann vorübergehend, wenn sie einen Widerspruch zu den Interessen des islamischen Landes sieht, das Pilgern, das eine Säule des Islam ist, verbieten". Der Staat stand also sogar über der Scharia, dem islamischen Recht.

Für Ralph Ghadban ist klar, dass es Chomeini um die Schaffung einer absoluten Diktatur ging. Dazu passte auch die Berufung Ali Chameneis als Nachfolger: Theologisch ein Leichtgewicht war er vor allem ein Machtpolitiker.

Er baute den Iran als den Terrorstaat, der er schon unter Chomeini war, konsequent aus. Unter ihm gewannen die Revolutionsgarden weiter an Bedeutung, ein hochgerüsteter Staat im Staat, eine Wirtschaftsmacht, Unterdrücker im Inland und gleichzeitig Terrorexporteur. Anschläge im Ausland, wie 2022 auf mehrere Synagogen im Ruhrgebiet, und die Massaker an zehntausenden friedlichen Demonstranten im Januar dieses Jahres – immer sind die Revolutionsgarden maßgeblich verantwortlich.

Der Iran steht hinter der Hisbollah, deren Gründung Ghadban detailliert beschreibt, und hat weitreichende Staatsziele: "Das diktatorische Regime rechtfertigt seine Existenz mit dem Export der Revolution, mit der Errichtung der islamischen Weltherrschaft und mit der Bekämpfung des christlichen Westens und des zionistischen Israels." Folgt man Ghadban, wollte der Iran mit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober "die bevorstehende Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und Saudi-Arabien unterbinden." Doch die Gewaltexzesse der Hamas, der Mord an fast 1.200 Menschen und die Geiselnahmen mehrerer Hundert führten dazu, dass Israel zurückschlug. Der Iran hielt sich zurück und schickte die Hisbollah in einen Krieg, den sie verlor.

Wer glaubt, das Regime könnte reformiert und ein Partner werden, sollte Ghadbans Buch lesen. Sein Untergang ist die einzige Hoffnung für die Iraner, die Israelis, den Westen und die Nachbarn des Iran.

Ralph Ghadban, Das Netz der Mullahs – Der Iran und der politische Islam der Schiiten, Verlag Herder 2026, 368 Seiten, 26 Euro

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